Multiple-Sklerose-Patientin will Mut machen

Rodgauerin sieht schwere MS-Erkrankung als Neuanfang - und fängt wieder an zu laufen

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Zwischenzeitlich saß Heike Urban im Rollstuhl. Heute kann sie nach ehrgeizigem Training wieder laufen. 

Die Diagnose Multiple Sklerose (MS) ist für die meisten Betroffenen ein Schock. Heike Urban nahm die Krankheit zum Anlass, komplett von vorne anzufangen. Der EXTRA TIPP hat sie zum Welt-MS-Tag besucht.

Rodgau – Heike Urban sitzt an ihrem Wohnzimmertisch und blättert in ihrer Krankenakte. Sie versucht zu rekapitulieren, zu welchem Zeitpunkt sie zur Reha in welcher Klinik war. Das Blättern in dem schweren Aktenordner ist für die 56-Jährige nicht einfach. Heike Urban hat Multiple Sklerose, kurz MS. Die Diagnose bekam sie mit 51. Seither werden selbst die kleinsten Dinge des Alltags zum Kraftakt. Denn die chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems kann alle Bereiche des Körpers befallen und reicht von Koordinations- und Bewegungsstörungen über Lähmungen, Spastiken bis hin zu Konzentrations- und Sehstörungen. Meist tritt die unheilbare Krankheit mit Anfang 20 aus bislang ungeklärten Gründen das erste Mal auf. Sie wird auch als „Krankheit der 1000 Gesichter“ bezeichnet, da sie völlig individuell verläuft. „Bei allem, was ich tue, muss ich mich enorm fokussieren“, sagt Heike Urban. „Und wenn ich merke, ich verliere die Kraft, muss ich eben um Hilfe bitten.“

"Heike, du wirst wieder laufen können!"

Alles fing damit an, dass sie beim Laufen oft hingefallen sei, etwa wenn sie es auf dem Weg zum Bus eilig hatte. Das sei typisch für MS, wahrscheinlich habe sie einfach den Fuß nicht richtig gehoben. Kurze Zeit später erhielt sie die Diagnose – und einen Gehstock. Ein Schock für die sonst so aktive Rodgauerin, die immer gerne joggte und Fahrrad fuhr. Doch das Laufen wurde immer schlechter, zeitweise saß sie sogar im Rollstuhl. „Ich war in der Zeit in der Reha in Bayern und habe von meinem Zimmer immerzu auf den Starnberger See geguckt. Ich wollte so gerne schwimmen. Eines Tages sagte ich zu mir: Heike, du wirst wieder laufen können!“

Heike Urban stellt Leben komplett um und findet Kraft in Tochter

Heike Urban nahm ihre Krankheit zum Anlass, noch einmal komplett von vorne anzufangen. Sie fasste den Mut, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, mit dem sie schon lange nicht mehr glücklich war, verkaufte das Haus, das viel Verantwortung für sie bedeutete, und beweist Stärke, indem sie heute sagt: „Wenn eine Tür zugeschlagen wird, geht eine andere auf.“ Trotz der körperlichen Beschwerden gehe es ihr emotional besser, sagt die Rodgauerin. Viel Kraft habe ihr auch ihre 22-jährige Tochter gegeben: „Meine Tochter hat es verdient, eine Mama zu haben. Man muss sich positive Gedanken machen, sonst geht man ein wie ein Primeltopf.“

"Das Leben geht weiter, ich lasse mich nicht unterkriegen"

Ihren Vorsatz hat Heike Urban wahr gemacht: Heute kann sie wieder laufen, geht auf Reisen, arbeitet in der Seniorenarbeit und hat Spaß am Leben – auch wenn sie bei Vielem auf Hilfe angewiesen ist. Jeden Tag zwingt sie sich, etwas für ihren Körper zu tun, geht schwimmen, ins Fitnessstudio oder macht Übungen zu Hause. Autofahren kann sie wegen eines seit ihrer Geburt fehlenden Arms dank eines Lenkungsdrehknaufs, den sie am Lenkrad befestigt hat. „Das Leben geht weiter, ich lasse mich nicht unterkriegen“, sagt sie. Mit ihrem Blog will sie anderen Betroffenen Mut machen. Früher wollte sie immer mal nach Neuseeland reisen, heute ist es ihr großer Wunsch, einen Tanzkurs zu machen. Verbitterung ist bei Heike Urban nicht zu hören: „Man muss das Leben nehmen, wie es kommt!“

Rebekka Farnbacher

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