Bad Homburg:

Bad Homburg: Achtung, Impfgegner! Kinderarzt hat dringende Warnung

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Dr. Ralf Moebus im Interview mit extratipp.com*.

Impfungen schützen vor gefährlichen Krankheiten, Wirksamkeit und Sicherheit sind wissenschaftlich bewiesen. Trotzdem gibt es in Deutschland Menschen, die Impfungen ablehnen. Dr.

Bad Homburg - Ralf Moebus, Kinder- und Jugendarzt aus Bad Homburg, spricht mit extratipp.com* über Impfgegner und ob eine Impfpflicht sinnvoll ist.

Dr. Moebus, Sie sind kommissarischer Vorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte Hessen. Wie oft kommt es vor, dass Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen wollen? (Hier kommt die dringende Warnung)

Immer wieder. Bei den Vorsorgeuntersuchungen, die in Hessen verpflichtend durchgeführt werden, finden wir immer wieder Kinder, die nicht geimpft sind. Insbesondere die zweite Masern-Mumps-Röteln-Impfung, die von der Ständigen Impfkommission innerhalb des zweiten Lebensjahres empfohlen wird, fehlt häufig. Bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei der Generation der nach 1970 Geborenen gibt es große Impflücken.

Sie arbeiten seit mehr als 20 Jahren als Kinder- und Jugendarzt. Steigt die Zahl der Eltern, die Impfungen ablehnen?

Von meinem Gefühl her würde ich sagen nein. Eltern, die impfkritisch sind oder Impfungen komplett ablehnen, gab es schon immer. Aber die Erfahrung zeigt: Je größer das mediale Interesse an einem Thema, desto eher horchen die Menschen in sich hinein und hinterfragen. Das ist beim Thema Impfen nicht anders.

Wie reagieren Sie, wenn Eltern eine Impfung ablehnen. Müssen sie sich eine neue Praxis suchen?

Ich kann Patienten nicht aufgrund Ihrer Einstellung ablehnen. Eine Notfallbehandlung steht jedem Patienten zu, auch wenn er nicht geimpft ist. Mein Auftrag ist es, aufzuklären. Immer und immer wieder. Den Eltern muss klar sein, dass ich Sie bei jeder Kindervorsorgeuntersuchung auf das Thema anspreche. Ich überprüfe den Impfstatus, weise auf fehlende Impfungen hin und vermerke, wenn ein erhöhter Impfberatungsbedarf besteht. Das ist meine Pflicht.

Impfgegner: Kinderarzt aus Bad Homburg warnt

Was sind die Gründe, warum Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen?

Zum einen wird das Krankheitsrisiko heute anders wahrgenommen. Weil wir viele Krankheiten dank Impfungen nicht mehr kennen, empfinden wir sie nicht als Bedrohung. Hinzukommen verschiedene Impfmythen, die im Internet kursieren und Ängste schüren. Angst, dass Impfungen Autismus oder Aufmerksamkeitsstörungen auslösen. Angst, das Kind könnte noch zu klein sein oder die Impfung nicht gut verkraften. Oder Angst, dass die Impfung die Erkrankung auslöst. Das alles können wir wissenschaftlich sehr gut widerlegen. Aber die drei Prozent der Menschen, die erklärte Impfgegner sind, erreichen wir mit einer wissenschaftlichen Argumentation nicht. Unser Ziel muss es sein, die impfkritischen Menschen, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, zu erreichen. Diese Gruppe müssen wir überzeugen.

Dr. Ralf Moebus, kommissarischer Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder und Jugendärzte Hessen.

Impfgegner berufen sich stattdessen auf pseudowissenschaftliche Studien, die Sicherheit, Wirksamkeit und Gefährlichkeit infrage stellen. Welche Rolle spielt das Internet, wo sich Verschwörungstheorien und ungeprüfte Informationen massenhaft verbreiten lassen?

Das Internet spielt eine große Rolle. Wenn Sie bei Google die Wörter „Impfen“ und „Impfschaden“ eingeben, bekommen Sie mehr als 1.000.000 Treffer. Und leider handelt es sich beim Großteil nicht um faktenbasierte Informationen. Nehmen Sie Andrew Wakefield. Der hat in einer Studie vor 20 Jahren behauptet, dass die Mumps-Masern-Röteln-Impfung Autismus verursacht. Die Studie wurde als Fälschung entlarvt und zurückgezogen, Impfgegner zitieren sie aber bis heute. Wakefield zu widerlegen macht mir fast Spaß. Leider gibt es noch viele andere Lügen und Halbwahrheiten, gegen die man als Arzt kämpfen muss. Das ist viel Arbeit.

Impfgegner: Kinderarzt aus Bad Homburg spricht über Impfpflicht

Gesundheitsminister Jens Spahn hat einen Gesetzesentwurf zur Masern-Impfpflicht vorgelegt. Halten Sie es für sinnvoll, Impfgegner zu zwingen?

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Hessen hat sich schon lange vor Spahns Vorschlag für eine Impfpflicht ausgesprochen, insbesondere bei Windpocken und Masern, Mumps, Röteln. Allerdings ist es fraglich, ob eine Impfpflicht inklusive Sanktionen die Impfwilligkeit erhöht. In Italien und Frankreich ist die Impfquote auch nach Einführung der Impfpflicht sehr niedrig. Und auch in Deutschland werden wir die radikalen Impfgegner durch ein Gesetz nicht erreichen.

Die Impfgegner geben Sie auf?

Es ist leider andersherum. Impfgegner geben mich auf. Es gibt nämlich nicht nur drei Prozent Impfgegner sondern auch drei Prozent Ärzte, die nicht impfen und mit Schlagworten wie „impfkritisch“ oder „individuelle Impfentscheidung“ werben. Diese Kollegen müsste die Politik in die Pflicht nehmen und darauf hinweisen, dem wissenschaftlichen Ausbildungsstand zu folgen.

Sind Impfgegner asozial? Schließlich sollen Impfungen vor allem Kinder, Senioren und Menschen mit Vorerkrankungen schützen.

Das Wort mag ich nicht. Impfgegner sind unreflektiert. Sie führen ein selbstbezogenes Dasein, das sich nicht am Gemeinwohl orientiert. Aber das ist ein gesellschaftliches Problem. Am Ende verhalten sich Impfgegner genau wie die Eltern, die vor lauter Angst vor den Gefahren auf der Straße ihr Kind mit dem SUV zum Kindergarten fahren, dadurch aber andere Kinder gefährden.

Haben Sie schon einmal einen Impfschaden erlebt?

Nicht einen. Nebenwirkungen haben alle Impfungen und wir sehen sie immer wieder. Aber die meisten sind innerhalb der nächsten 48 Stunden abgeklungen. Außerdem gibt es in Deutschland ein Meldesystem für unerwünschte Impfnebenwirkungen. Wird das Kind innerhalb von vier Wochen nach der Impfung unklar krank, sind wir verpflichtet, dies dem Paul-Ehrlich-Institut zu melden. Selbst wenn es sich nur um den Verdacht eines Impfschadens handelt.

2018 wurden in Deutschland 543 Masern-Erkrankungen registriert, in diesem Jahr sind es bereits 300 Fälle. Wie besorgt sind Sie?

In Deutschland hatten wir 2017 992 Masernfälle, die Zahl ist also gesunken. Aber in Europa ist die Lage dramatisch. In der Ukraine sind seit 2017 über 50.000 Menschen erkrankt. Und das ist das Problem: Je weniger Immunität wir in Deutschland als Herde haben, desto eher müssen wir damit rechnen, dass wir bei einem Masernausbruch in Nachbarländern auch bei uns irgendwann eine epidemische Situation mit mehr als 1000 Erkrankten haben.

Kristina Bräutigam

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