Ex-Opfer berichtet

Pro-Ana treibt Mädchen in die Magersucht

Die heutige Bodybuilderin Anna Scholz schrieb während ihrer Zeit bei Pro-Ana in eine Art Tagebuch. Foto: ans

Pro-Ana ist eine Bewegung im Internet, die junge Frauen systematisch in die Magersucht treibt. Die ehemalige Anhängerin Anna Scholz gibt einen Einblick in die perfide Welt des Hungerns und erzählt, wie sie sich daraus befreite.

Eschborn – Es war wie ein Rausch. „Ich habe gemerkt, je mehr ich abnahm, desto mehr Aufmerksamkeit erhalte ich“, sagt Anna Scholz. Das gab ihr ein gutes Gefühl. Sie hungert immer weiter. Und gerät mit 17 in die Fänge von Pro-Ana; einer Bewegung im Internet, deren Mitglieder sich gegenseitig anstacheln, immer dünner zu werden. „Die Anhängerinnen betrachten Magersucht nicht als eine Krankheit, sondern als Lebensstil“, erklärt Sigrid Borse, Geschäftsführerin des Frankfurter Zentrums für Ess-Störungen. Sie kennt Pro-Ana genau.

Anna Scholz ist insgesamt zwei Jahre bei Pro-Ana. Von einem anfänglichen Hochgefühl fällt die Eschbornerin in ein tiefes Loch. „Mein Leben hat sich nur noch um mein Gewicht gedreht“, sagt sie. Täglich schreibt sie in ein kleines Heft. Notiert akribisch, wie viel sie gegessen hat. „Ich habe an manchen Tagen nicht mehr als neun Kalorien zu mir genommen“, sagt die 23-Jährige. Nur selten gönnte sie sich ein paar Karottenstückchen. „Das war dann mein Höhepunkt der Woche“, sagt sie. Die Anleitung zum selbstzerstörerischen Hungern erhält sie dabei täglich von Pro-Ana. Eine fiktive Figur, die Mittelpunkt der gleichnamigen Bewegung ist und sich den Betroffenen in Internetforen als Freundin präsentiert. Wer genau dahinter steckt, weiß niemand so genau. Experten gehen davon aus, dass es ein Massenphänomen ist, das nicht zentral gesteuert wird. Pro-Ana erscheint den Anhängern etwa in Briefen und einem umgedichteten „Vaterunser“, in dem Magersucht religionsgleich glorifiziert wird. „Ich habe das Gebet jeden Abend gelesen“, sagt die Pflegeschülerin.

In den Sog von Pro-Ana gerät die Eschbornerin nach dem Tod ihres Opas. „Er war mein bester Freund“, sagt sie. Sein Verlust lässt sie völlig hilflos zurück. Sie sucht nach Struktur und nach etwas, dass ihr die Kontrolle zurückgibt. Im Internet sucht sie nach Tipps zum Abnehmen und stößt dabei auf eines der gefährlichen Pro-Ana-Foren. Sigrid Borse kennt das: „Es ist oftmals eine Suche nach Orientierung und Stabilität, die dazu führt, dass junge Frauen Pro-Ana-Seiten nutzen.“ Nicht jede Pro-Ana-Nutzerin sei im Vorhinein erkrankt. Einige von ihnen seien aufgrund der körperlichen und seelischen Entwicklung in der Pubertät nur verunsichert und erhielten bei Pro-Ana vermeintliche Lösungen für ihre Probleme. „Die Inhalte von Pro-Ana-Seiten können also die Entstehung von Essstörungen wie Magersucht begünstigen“, sagt Sigrid Borse. Ihr Tipp: „Pro-Ana-Seiten können an jugendschutz.net gemeldet werden, damit die Provider zur Verantwortung gezogen werden können und die Seiten gesperrt werden.“

Doch die Betroffenen geraten nicht allein über Blogs in den Einfluss von Pro-Ana. Sie sind zudem in Whatsapp-Gruppen miteinander vernetzt. Auch Anna Scholz ist während ihrer Erkrankung in einem solchen Chat. Ihre Teilnahme ist dabei an strikte Regeln gebunden. „Jeder von uns musste am Wochenende ein Bild von der Waage beim Wiegen und ein Foto seines Körpers schicken“, sagt sie. So kontrolliert der Betreiber der Gruppe die Gewichtsabnahme der Mädchen. Anna Scholz hungert sich bei einer Größe von 1,70 Meter von 56 auf 45 Kilogramm runter. Mittlerweile wird sie immer wieder ohnmächtig, ihre Gefühle spielen verrückt. Alle fünf Minuten bricht sie in Tränen aus. Erst da begreift sie, was sie sich angetan hat. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und handelt. „Ich wollte mich in eine Klinik einliefern lassen“, sagt Scholz. Doch in dem Krankenhaus ist kein Platz frei. Sie beschließt deshalb, alleine gegen ihre Magersucht zu kämpfen. Es sei ein Kampf mit Rückschlägen gewesen, in denen sie wieder hungert. Doch sie findet etwas, dass ihr Kontrolle über ihr Leben verleiht und lässt den Magerwahn hinter sich. Seitdem lebt sie strikt als Veganerin und betreibt Bodybuilding. Scholz ist sicher: „Der Sport hat mir das Selbstbewusstsein gegeben, das ich so dringend brauchte.“

Von Anna Scholze

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare