Wirbelsäulenchirurg Professor Frank Kandziora warnt:

Elektrorad-Fahrer müssen sich besonders schützen

Die Unfälle mit Pedelecs nehmen zu.
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Die Unfälle mit Pedelecs nehmen zu.

Region Rhein-Main - Die Zahl der Elektroräder steigt. Damit auch die Anzahl derer, die sich schwerste Verletzungen mit ihnen zuziehen. 2016 gab es deutschlandweit so viel Unfälle wie noch nie. 46 Menschen kamen ums Leben. Professor Frank Kandziora von der BG Unfallklinik Frankfurt erklärt das Problem. Von Oliver Haas

Immer wieder kommt es zu Unfällen mit schweren Verletzungen oder gar Todesfällen mit Nutzern sogenannter Pedelecs. Worin sehen Sie die Hauptursache dafür?

Es ist eine Diskrepanz zwischen den Fähig- und Fertigkeiten des Fahrenden und des zu fahrenden Konstruktes. Die Pedelecs erreichen Geschwindigkeiten, die man normalerweise jenseits des 70. Lebensjahres mit einem normalen Fahrrad alleine nicht mehr schafft. Mit anderen Worten: Sie sind einfach zu schnell für den Nutzer.

Weshalb haben vor allem Ältere damit Probleme?

Im Alter ist es typischerweise so, dass die Reflexe, das Seh- und Hörvermögen etwas nachlassen. Und wenn das dann gepaart wird mit diesen Geschwindigkeiten, dann ist dies ein großes Problem. Mit 70 Jahren sind die meisten Radfahrer mit zehn bis 15 Stundenkilometern unterwegs. Das Pedelec verdoppelt quasi die Geschwindigkeit. Man beherrscht dann nicht mehr die neue Schnelligkeit des Geräts.

In welchen Situationen?

Wenn es in die Kurve geht, dann wird die Geschwindigkeit oft unterschätzt. Oder auch wenn abgebremst wird. Im Grunde bei allem, wenn man mit diesen Fahrrädern unterwegs ist. Es ist durch die erhöhte Geschwindigkeit ein völlig verändertes Fahrgefühl.

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Was sind typische Verletzungen, die Pedelec-Fahrer haben?

Professor Frank Kandziora.Man unterscheidet in der Medizin prinzipiell zwischen niederenergetischen und hochenergetischen Verletzungen. Dabei ist es niederenergetisch, wenn ich aus dem Stand umfalle. Dann kann ich mir zum Beispiel einen Wirbelkörperbruch zuziehen, sofern ich eine schlechte Knochenqualität habe. Wenn ich 70 Jahre oder älter bin und Osteoporose habe, dann reicht schon ein Fallen aus dem Stand für eine Wirbelsäulenverletzung aus. Das ist dann aber meistens ein Bruch, der nicht operiert werden muss. Wenn jetzt allerdings höhere Geschwindigkeiten am Werk sind und ebenfalls ältere Menschen mit schlechter Knochenqualität unterwegs sind, dann werden es keine einfachen, sondern komplizierte Verletzungen. Die Art der Verletzung, also der Wirbel-, der Beinbruch oder auch die Kopfverletzung, ist dieselbe, aber der Schweregrad unterscheidet sich erheblich. Die Ursache dafür ist die unterschiedliche kinetische Energie durch die schnellere Bewegung.

Professor Frank Kandziora.

Wie oft haben Sie diese Fälle in Ihrer Klinik?

Leider nicht selten. Bestes Beispiel ist ein Vorfall beim Radrennen am vergangenen Wochenende zwischen Eschborn und Frankfurt. Im Amateur-Rennen war ein Patient mit knapp 30 Stundenkilometern unterwegs und ist gestürzt. Er hatte sich eine schwere Halswirbelsäulen-Verletzung mit einer Querschnittslähmung zugezogen, die notfallmäßig operiert werden musste. Leider ist genau diese schwerwiegende Verletzung typisch. Hier in der BGU werden wir sehr häufig mit diesen Beispielen konfrontiert.

Grundsätzlich ist ja Fahrradfahren Volkssport und hat erheblich zugenommen. Und dadurch ist natürlich auch die Anzahl der Verletzungen gestiegen. Die Pedelecs sind natürlich nur ein kleiner Teil der Fahrräder, die unterwegs sind. Aber sie sind gefühlt deutlich überrepräsentiert in der Verletzungshäufigkeit. Eben genau aus dem Grund, weil das Pedelec häufig von älteren Menschen genutzt wird.

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Sollten ältere Menschen deshalb auf Pedelecs verzichten?

Nein, es ist schön, wenn Ältere durch Mithilfe der Pedelecs sportlich aktiv sind und Radfahren können. Aber der Schutz vor den beschriebenen Verletzungen ist eminent wichtig. Ein Fahrradhelm schützt zwar nicht unbedingt vor schwersten Verletzungen, aber er kann zumindest häufig die maximalen Verletzungen verhindern. Und Schutz gibt’s eben nicht nur für den Kopf, sondern auch für die Wirbelsäule. Beides ist absolut sinnvoll. Gerade für ältere Fahrer. Protektoren schützen die wesentlichen Organe. Sie schützen vor schweren Kopf-, vor Wirbelsäulenverletzung mit Querschnittslähmung. Wenn die Verletzungen erst einmal eingetreten sind, dann sind die medizinischen Möglichkeiten recht überschaubar, die Kohlen doch noch aus dem Feuer zu holen.

Sollte es für Pedelec-Fahrer daher zur Pflicht werden, einen Wirbelsäulenprotektor zu tragen?

Ich würde mich zumindest dafür starkmachen. Es ist aus medizinischer Sicht nicht verständlich, warum zumindest keine Helmpflicht herrschen soll. Ich bin einer der Mediziner, der eher für die Prophylaxe als für eine Therapie plädiert. Mit anderen Worten: Lieber Verletzung vermeiden, dann müssen wir nicht tätig werden. Ich würde daher jedem Radfahrer zu einem Fahrradhelm raten. Und zwar unabhängig, ob es sich um ein Pedelec oder ein normales Fahrrad handelt. Und für ältere Pedelec-Fahrer sind  Wirbelsäulenprotektoren dringend anzuraten.

Glauben Sie, dass ein Gesetz dafür kommt?

So etwas als Pflicht einzuführen ist relativ schwierig, denn wenn man das fordert, dann muss man das immer auf eine gute wissenschaftliche Grundlage stellen. Aber die existiert momentan noch nicht. Meine gefühlte Empfehlung als Fachmanns ist, dass eine solche Pflicht auf jeden Fall kommen sollte. Beweisen kann ich es aber leider nicht, dass es hilft und auch nicht, dass es zwingend erforderlich ist.

Infos: Was ist ein Pedelec und wo ist der Unterschied zum E-Bike?

Pedelec steht für „Pedal Electric Cycle“. Das ist ein Fahrrad, das die Tretbewegungen mit einem Elektromotor unterstützt. Hört der Fahrer auf zu treten, stoppt der Motor ebenso. Der Unterschied zwischen Pedelec und E-Bike ist, dass das E-Bike auch fährt, wenn der Fahrer nicht in die Pedale tritt. Sein Elektromotor lässt sich über einen Griff bedienen, über den der Fahrer auch das Tempo regulieren kann.

Nicht nur Pedelec-Fahrer, sondern auch Nutzer normaler Räder dürfen sich demnächst auf drei neue Radschnellwege in Frankfurt freuen.

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