Beschwerden auf Rekordhoch

Unpünktlich, unzuverlässig, uneinsichtig! Paket-Ärger in Rhein-Main

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Auf die stetig steigende Paketflut kommen viel zu wenige Zusteller, kritisieren Experten. 

Die Deutsche Post steckt im Beschwerde-Strudel. Experten sind sicher: Der Sparkurs beim Personal führt zum Image-Zerfall. Und das, obwohl es dem Unternehmen offenbar nicht an Geld fehlt. 

Region Rhein-Main – Schon mal schlechte Erfahrungen mit der Post gehabt? Eine halbe Stunde vor der Postfiliale auf der Frankfurter Zeil reichen aus, um den Ärger der Postkunden zu spüren. „Sobald Aushilfen unseren regulären Zusteller vertreten, herrscht blankes Chaos. Leider fällt es den Vertretungen oftmals schwer, die Anschrift richtig zu lesen und somit kann die Post nicht ordnungsgemäß zugestellt werden“, beschwert sich Jürgen Schiele. Er betreibt ein Stempelgeschäft in der Innenstadt und weiß, wie wichtig es ist, sich auf die Post verlassen zu können. „Wir haben kürzlich mehrere Pakete verschickt, die erst nach über einer Woche bei den Kunden ankamen. Natürlich sind die dann verärgert.“

Auch Martina Mehler hat sich schon vielfach aufgeregt: „Es ist mir schon oft passiert, dass ich den ganzen Tag zu Hause war, aber der Postbote, ohne zu klingeln, das Paket vor die Tür gestellt hat“, berichtet die Frankfurterin. „Das ist ärgerlich, gerade bei Wertsachen. Schließlich bin ich in der Beweispflicht, wenn mein Paket gestohlen wird.“ Auch, dass Pakete ohne Benachrichtigung beim Nachbarn oder in Postfilialen landen, sei der Frankfurterin oft passiert. „Eine Woche hat ein Paket aus dem Ausland mal auf einer Poststelle gelegen, ohne, dass ich davon wusste“, sagt Mehler. Ende vom Lied: Die Ware wurde zurückgeschickt, sie blieb auf den Kosten sitzen.

Wem das bekannt vorkommt, der ist in guter Gesellschaft. Bis zum 10. September gingen bei der Bundesnetzagentur 7900 Beschwerden über Brief- und Paketsendnungen ein. Bis zu 90 Prozent gehen dabei auf die Konten der Deutschen Post und ihres Paketdienstleisters DHL.

Ein Rekord! Und schon jetzt erheblich mehr als im gesamten vergangenen Jahr mit 6100 Beschwerden. Die Reklamationen reichen von verschlampten Paketen bis hin zu gestohlenen Wertsachen. Aber: „Niemand kümmert sich“, schreibt ein Nutzer auf der von der Verbraucherzentrale eingerichteten Beschwerde-Plattform www.post-aerger.de. Sein Paket wurde fünfmal falsch zugestellt. „Ich habe so einen unfassbar schlechten Service noch von keinem Unternehmen erlebt.“

Für die Kommunikationsgewerkschaft DPV, die die Interessen der Postmitarbeiter vertritt, ist der schlechte Ruf keine Überraschung: „Die Deutsche Post darf sich nicht wundern: Fehlendes Personal sowie ein viel zu hoher Krankenstand, der nicht zuletzt aus den schweren Arbeitsbedingungen resultiert, gefährden die Qualität der Zustellung und verärgern die Kunden“, sagt die Gewerkschaftsvorsitzende Christina Dahlhaus. Die Bezirke der Zusteller würden permanent vergrößert, das sei bei der steigenden Paketflut nicht mehr zu stemmen. Dabei fehle es nicht an Geld. „Dem Unternehmen geht es wirtschaftlich glänzend. Wenn Postchef Frank Appel nun bis zum Jahr 2020 den jährlichen Gewinn auf fünf Milliarden Euro steigern will, geht das nur zu Lasten des Personals.“

Thomas Kutsch von der Frankfurter Pressestelle der Post will die Zahl der Beschwerden angesichts der wachsenden Zahl an Postsendungen nicht überbewertet sehen. „Wir verschicken 4,6 Millionen Pakete am Tag.“ In Bezug darauf sei die Zahl gering. Kutsch versichert: „Wir nehmen jede Beschwerde ernst.“ Er verweist außerdem darauf, dass 94 Prozent der Briefe und 90 Prozent der Pakete den Empfänger am nächsten Werktag erreichten.

Davon ist Serkan Antmen, Sprecher beim Heusenstammer Anwenderverband Kommunikation (DVPT), der sich für Postkunden einsetzt, nicht überzeugt. Der Verband will daher im kommenden Jahr ein Projekt starten und deutschlandweit überprüfen, ob Briefe und Pakete wirklich am nächsten Tag ankommen. Antmen kritisiert, dass mit dem strengen Sparkurs Postfilialen geschlossen und schlecht bezahlte Subunternehmer eingestellt werden. „Zuallererst denkt die Post an ihre Aktionäre, dann kommt der Absender und ganz zuletzt der Empfänger.“ Während das Porto immer weiter ansteigt, sehe der Verbraucher keine verbesserte Leistung. Für Antmen steht fest: „Das Vertrauen in die gute alte Deutsche Post ist weg.“

Rebekka Farnbacher

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