„Brooklyn Pizza“ schließt

Offenbach: Gastro-Krise! „Ich finde keine Leute mehr“

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Sam Kamran, der auch das Café Hauptwache betreibt, schließt sein „Brooklyn Pizza“ in Offenbach.

Der Personalmangel in Rhein-Mains Gastronomie nimmt dramatische Züge an. Jetzt hat der Frankfurter Gastronom Sam Kamran sein Restaurant „Brooklyn Pizza“ in Offenbach von einem auf den anderen Tag dicht gemacht. Der Grund: Er findet kein Personal mehr.

Region Rhein-Main – „Mir hat es einfach gereicht“, sagt Sam Kamran. Der Frankfurter Multi-Gastronom ist etwa Inhaber des Cafe Hauptwache, betreibt die Burgerkette „Fletcher’s Burger“, die Szene-Pizzeria Montana im Frankfurter Bahnhofsviertel, das Misch Poké in Bockenheim und die Eventlocation Mantis Roofgarden an der Hauptwache. Der Mann arbeitet seit Jahren erfolgreich im Gastrogeschäft, weiß also eigentlich, wie es funktioniert.

„Aber die Mitarbeitersituation ist so schlimm geworden, dass ich für das ,Brooklyn Pizza’ gar keinen mehr gefunden habe“, sagt Kamran. Dazu seien hohe Krankenstände bei den wenigen vorhandenen Mitarbeitern gekommen. „Am Ende hab ich gar nicht mehr öffnen können. Da war für mich klar: Ich schließe den Laden komplett.“

Immer mehr Gastronomiebetriebe in Frankfurt

Für Kamran ist das aber nur ein Symptom eines seiner Ansicht nach kaputten Gastromarkts. „In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Gastronomiebetriebe hier in Frankfurt etwa verzehnfacht“, sagt Kamran. Den Grund dafür sieht er im Niedergang des Einzelhandels. „Schließt irgendein Einzelhändler, kommt eine Gastronomie rein. Das geht seit Jahren so.“ Dazu komme, dass es immer weniger Menschen gebe, die in der Gastronomie arbeiten wollten. „Alleine die Zahl der Studenten ist um 90 Prozent gefallen“, stellt Kamran klar. „Wir haben auf der einen Seite also einen höheren Bedarf an Mitarbeitern“, rechnet Kamran vor. „Und auf der anderen immer weniger, die bereit sind, in der Gastronomie zu arbeiten.“

Dauerhaft dicht! Brooklyn Pizza hat ab sofort geschlossen. Der Grund: Zu wenig Personal, zu viele Krankmeldungen.

Eine Entwicklung, die Julius Wagner, Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands in Hessen (Dehoga), bestätigt. „Die Zahl der Studenten ist in der Tat deutlich zurückgegangen. Wir haben den Eindruck, dass häufig keine Notwendigkeit mehr besteht, eigenes Geld zu verdienen, weil die Eltern die Studienzeit finanzieren.“ Dazu komme ein regelrechter Boom an Gastrobetrieben gerade im „geballten Rhein-Main-Gebiet“, sagt Wagner. „Der Kampf um Mitarbeiter wird deshalb umso härter.“

Arbeit in der Gastronomie ist körperlich anstrengend

Youssef El Machit, Chef im Offenbacher Tafelspitz am Wilhelmsplatz hat ebenfalls bemerkt, dass es schwieriger wird, Leute zu finden. „In Zeiten, in denen wir fast Vollbeschäftigung haben, reißen sich die Leute nicht um unbequeme Jobs. Man darf nicht vergessen, dass die Arbeit in der Gastronomie körperlich anstrengend ist und die Arbeitszeiten auch nicht immer angenehm sind.“ Er ist aber überzeugt: „Es ist zwar nicht mehr so einfach wie früher. Aber wer seinen Mitarbeitern einen ansprechenden Lohn zahlt, sie respektvoll behandelt, ein offenes Ohr für ihre individuellen Belange hat und nicht ständig Überstunden fordert, kann selbst bei der aktuell schwierigen Lage in Rhein-Main noch gutes Personal finden. Das Gesamtpaket muss eben stimmen.“

Sein Bruder und Geschäftspartner Rachid El Machit, der bis vor kurzem Inhaber des Heimathafens auf der Offenbacher Hafeninsel war, kennt die Problemlage gut. „Alleine, wenn mir heute ein Koch wegbricht, brauche ich trotz übertariflichem Gehalt mindestens vier bis fünf Monate, bis ich einen Nachfolger gefunden habe“, sagt er. „Der Markt ist extrem ausgedünnt und es kommt keiner nach, der wirklich mit Herz und Seele bereit ist, in der Gastronomie zu arbeiten.“ Stattdessen sei die Bereitschaft erkennbar gestiegen, überdurchschnittlich lange und oft krank zu feiern. Das eigentliche Problem sei aber eine geänderte Schwerpunktsetzung im Leben zahlreicher Mitarbeiter. „Aus einer Work-Life-Balance ist für viele eine Life-Life-Life-Work-Balance geworden“, sagt El Machit.

Julius Wagner jedenfalls geht davon aus, dass sich die Situation auf dem Gastromarkt erstmal nicht entspannen wird. Er prophezeit: „Der aktuelle Fall, dass ein Restaurant schließen muss, weil keine Mitarbeiter zu finden sind, ist für uns ein Paradebeispiel für das, was wir in den kommenden Monaten und Jahren noch häufiger in der Gastronomie erleben werden.“

Von Christian Reinartz

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