Historisches Hobby

Oberursel: Ihr Herz schlägt fürs Mittelalter

Schatzmeister Achim Lameyer (Zweiter von links) und seine Mitstreiter vom Verein Ursellis Historica aus Oberursel. Fotos: kb

12.000 Mittelalter-Fans werden an diesem Wochenende auf der Oberurseler Feyerey erwartet. Die Mitglieder des Vereins Ursellis Historica haben dafür eine einfache Erklärung.

Region Rhein-Main – Carsten Hampel arbeitet bei einer Bank in Frankfurt. Vor einer Stunde trug er noch Anzug und Krawatte. Jetzt sitzt er auf einer Holzbank, bekleidet mit einer mittelalterlichen Baumwoll-Kotte und einem Übergewand, dem sogenannten Surcot, auf dem Kopf eine Bundhaube und Strohhut. „Man bewegt sich in zwei Welten. Das macht den Reiz aus“, sagt Carsten Hampel. Der Frankfurter ist Mitglied von Ursellis Historica, einem der größten Mittelaltervereine in Rhein-Main. 150 Mitglieder zählt die Gruppe aktuell – das jüngste ist zwei, das älteste 74 Jahre alt. „Wir wollen die Vielfalt des Mittelalters vermitteln. Bei uns gibt es Staufer, Altsachsen und Kreuzritter. Jeder wie er mag“, sagt Schatzmeister Achim Lameyer. Der 56-Jährige, ein Hüne mit grauem Vollbart, tritt als Friese auf, stilecht gekleidet mit Pflanzensaft gefärbter Tunika, Lederschnürstiefeln und Axt am Ledergürtel. Auf Authentizität legt der Verein großen Wert. Wer Mitglied werden will, sollte deshalb historisches Interesse mitbringen. „Wer nur mal mit der Axt werfen will, ist hier falsch“, sagt Lameyer. Um die verschiedenen Epochen des Mittelalters glaubhaft darzustellen, treffen sich die Mitglieder regelmäßig auf dem Vereinsgelände an der Krebsmühle in Weißkirchen, nähen Gewänder oder kochen historische Gerichte über dem offenen Feuer. Auch eine Gruppe Bogenschützen und Schaukämpfer gibt es, die mit Schwert, Schild, Speer oder Danaxt mittelalterliche Kampfszenen nachstellen. Absoluter Höhepunkt im Vereinskalender ist allerdings die Oberurseler Feyerey, ein zweitägiges Spektakel, das Besucher aus ganz Deutschland anlockt. Auch bei der 11. Auflage, die an diesem Wochenende steigt, erwartet der Verein wieder bis zu 12.000 Mittelalter-Fans auf den Wiesen am Bachpfädchen. „Wenn man das Festgelände betritt, ist die Großstadt plötzlich weit weg. Man taucht ein in eine andere Welt“, sagt Mundwerkerin Walburga Kliem.

Dass das Mittelalter immer mehr Anhänger findet, ist nicht nur in Oberursel spürbar. Es gibt Gauklermärkte und Schwertkampfkurse, Mittelalterbands und -zeitschriften. „Gerade in unserer stressigen, hochtechnisierten Zeit flüchten sich die Menschen offenbar gern in eine andere Zeit und ihre Bräuche“, sagt Regina Brünger, Marktleiterin auf der Ronneburg im Main-Kinzig-Kreis. Auch hier sind mittelalterliche Kochkurse oder Bogenbau-Seminare fast immer ausgebucht, der historische Weihnachtsmarkt und die Burgfestspiele locken sogar Besucher aus dem Ausland an.

Auch das Ritterspektakel Dieburg, das Eppsteiner Burgfest, das Ritterturnier in Königstein und das Hayner Burgfest profitieren vom Mittelalter-Hype. Das dreitägige Spektakel in Dreieichenhain gehört mittlerweile zu den größten Mittelalterveranstaltungen Deutschlands. „In den Anfängen hat man uns Mittelalter-Fans belächelt. Heute ist das ein Trend, der alle begeistert, vom Kind bis zum Großvater“, sagt Roger Heil von der Kultur-Gesellschaft Hayner Vereine, dem Veranstalter des Hayner Burgfestes. Dass mittlerweile viele Veranstalter am Boom mitverdienen wollen, sehen die Vereine kritisch. „Bei diesen Mittelaltermärkten geht es nur um Kommerz, nicht um die authentische Darstellung des Mittelalters“, sagt Achim Lameyer, der klarstellt: Auf der Feyerey gibt es weder Pommes noch Plastikschwerter. In den eigenen vier Wänden der Vereins-Mitglieder geht es allerdings weniger streng zu. Insbesondere bei der Körperhygiene gönnen sich Wikinger und Co. Ausrutscher in die Neuzeit. Mit Süßholzwurzel putze sich niemand die Zähne, betont Achim Lameyer. „Mittelalter ist ein Hobby, aber kein Lebensstil.“

Von Kristina Bräutigam

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