Besserung in Sicht?

Nachhilfe für ärmere Kinder: Sind die Bürokratie-Hürden viel zu hoch?

Das Teilhabe- und Bildungspaket bietet Lernförderungen für Kinder und Jugendliche - doch genutzt wird es viel zu selten.

Viele behaupten: Bildung ist unser wichtigster Rohstoff. Auch deshalb wurde 2011 das Teilhabepaket etwa für Kinder von Hartz-IV-Beziehern geschnürt. Sieben Jahre später wird die darin enthaltene Lernförderung aber kaum genutzt. 

Region Rhein-Main – Kinder aus einkommensschwachen Familien sollen einen besseren Zugang zum gesellschaftlichen Leben haben. Deshalb wurde 2011 das Teilhabe- und Bildungspaket beschlossen. Damit werden etwa Zuschüsse fürs Mittagessen in der Kita und Schule ermöglicht, für Sport- und Musikvereine sowie Schulbedarf wie Ranzen und Schreibmaterialien. Ein Teil der Sozialleistungen sind außerdem Lernförderungen für Kinder und Jugendliche.

Lernförderung wird nur selten in Anspruch genommen

Doch die Zahlen zeigen, dass dieses Paket offenbar kaum genutzt wird. Fraglich ist, ob das an den Eltern liegt, die diese helfende Hand zu selten ergreifen wollen oder an den zu hohen bürokratischen Hürden dieses Gesetzes. In Frankfurt etwa lebten 2017 laut der Stadt knapp 23.000 grundsätzlich anspruchsberechtigte Kinder und Jugendliche. Anträge auf Lernförderung wurden 511 Mal gestellt, so Thomas Mader vom zuständigen Dezernat für Soziales. Nachbar Offenbach liefert vergleichbare Zahlen: Von knapp 8000 theoretisch berechtigten Kindern und Jugendlichen wurde eine Lernförderung nur 447 Mal in Anspruch genommen. Für den Kreis Offenbach wurden von den Eltern 681 Anträge ausgefüllt. Über 4500 wären potenziell leistungsberechtigt gewesen. Und für die Stadt Hanau wurde 2017 laut Frank Walzer, vom Kommunalen Center für Arbeit (KCA), lediglich für 23 Schülerinnen und Schüler eine solche Nachhilfe beantragt.

„Wesentlich mehr Kinder und Jugendliche erhielten im gleichen Zeitraum Zuschüsse aus dem Bildungs- und Teilhabepaket etwa für Mittagsverpflegung (536), Ausflüge und Klassenfahrten (522) oder sonstige Leistungen wie Vereinsmitgliedschaften (363)“, so Walzer. Er sieht vor allem die „bürokratische Grundvoraussetzungen“, die an Lernförderungen gestellt werden, als Grund für die geringe Inanspruchnahme. So müsse etwa neben dem Nachweis der Lernschwäche auch von der Schule ein individueller Förderplan vorgelegt werden. Außerdem befürchtet Walzer, dass die Angst vor einem „Outing“ bei einigen Familien die möglichen Vorteile einer solchen Förderung überlagern.

Besserung in Sicht

Und die zuständigen Ämter aus der Region machen Vieles, um die Eltern auf die Angebote aufmerksam zu machen. Matthias Schulze-Boeing, Geschäftsführer vom Jobcenter der Stadt Offenbach betont, dass alles getan werde, um auf die Angebote für Kinder aufmerksam zu machen: „Wir sensibilisieren regelmäßig Schulen, Kitas, Beratungsstellen und andere, damit sie Eltern auf die Möglichkeiten der Lernförderung hinweisen können. Auch unsere Berater weisen Eltern darauf hin.“ Dabei sieht Schulze-Boeing noch ein weiteres Problem: „Das Gesetz beschränkt die Finanzierung der Lernförderung nur auf Fälle, bei denen das schulische Ziel, also Versetzung in die nächste Klasse, gefährdet ist. Nicht förderfähig ist etwa das Ziel von der Note „vier“ auf die Note „drei“ zu kommen, oder das Notenbild insgesamt so zu verbessern, dass der Übergang in die höhere Schule möglich wird.“

Laut Christoph Degen, bildungspolitischer Sprecher der SPD im hessischen Landtag, könnte sich diesbezüglich etwas tun: „Das Bildungs- und Teilhabepaket ist tatsächlich noch zu kompliziert und bürokratisch. Deshalb sieht der noch junge Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU/CSU auch einige Verbesserungen vor, die hoffentlich zeitnah umgesetzt werden. So soll eine Lernförderung künftig auch möglich sein, wenn die Versetzung nicht unmittelbar gefährdet ist.“ Schwierig sei auch bisher, dass jede Leistung einzeln beantragt werden muss, viele Eltern überhaupt nichts von ihrem Anspruch wissen und es etwa beim Mittagessen Eigenanteile gibt, die manche nicht leisten können.

Oliver Haas

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