Zweijähriger kämpft sich zurück ins Leben / Krankenkasse zahlt nur acht Wochen

Nach Schlaganfall: Hickhack um Karls Therapiekosten

Michele Neumann mit Söhnchen Karl. Viermal pro Woche muss der Zweijährige zur Therapie. Foto: kb

Michele und Kai Neumann aus Frankfurt sind in großer Sorge um Sohn Karl. Der Zweijährige hat einen Schlaganfall erlitten, seine rechte Körperhälfte ist gelähmt, er muss wieder sprechen lernen. Dank Therapie macht Karl erste Fortschritte. Von Kristina Bräutigam

Doch es gibt Probleme mit der Finanzierung. Kein Einzelfall.

Frankfurt/Bad Homburg – Ganz fest hält Michele Neumann die Hände ihres Sohnes. Es sind nur vier Meter bis zur Schale mit den Plätzchen. Doch für Karl ist jeder Schritt ein Kraftakt: Nach einer Herz-OP Anfang September erleidet der Zweijährige einen Schlaganfall. „Vier Tage nach dem Eingriff lag er plötzlich teilnahmslos in seinem Bett, wollte nicht essen und trinken und hat nicht gesprochen“, erinnert sich seine Mutter. Die Computertomografie liefert Gewissheit: Es war ein Schlaganfall. Teile des Sprachzentrums im Gehirn sind abgestorben, Karls rechte Körperhälfte ist gelähmt. „Es war ganz schlimm für uns. Karl konnte nicht mal ‘Hallo’ sagen“, sagt Michele Neumann.

Zwei Monate verbringt Karl in einer Reha-Klinik in Brandenburg. Zurück in Frankfurt suchen die Eltern, die noch eine sechs Monate alte Tochter haben, nach einer geeigneten Therapie. Ohne Erfolg: Das Sozialpädiatrische Zentrum in Frankfurt hat erst im April 2019 einen Termin frei, auch Logopäden und Ergotherapeuten haben Wartezeiten von mehreren Monaten. Die meisten Physiotherapeuten lehnen Karl direkt ab. „Man sagte uns, sie hätten keine Erfahrung mit so jungen Schlaganfallpatienten“, sagt Vater Kai Neumann.

Durch einen Zufall erfahren die Eltern vom Neuroneum im Bad Homburg, dem einzigen Rehazentrum in Rhein-Main, das eine ambulante Therapie für hirngeschädigte Kinder und Erwachsene anbietet. Seit zwei Wochen wird Karl hier von speziell geschulten Therapeuten behandelt. Er macht erste Fortschritte. Doch dann der nächste Rückschlag: Die AOK teilt dem Neuroneum telefonisch mit, dass der Antrag auf Kostenübernahme nicht genehmigt werden könne. Und Karl ist kein Einzelfall: „Die AOK hat in den vergangenen acht Jahren nicht einen einzigen Antrag genehmigt. Auch nicht, wenn es um ein Kind ging“, sagt Claudia Müller-Eising, Gründerin und Geschäftsführerin des Neuroneums. Der Grund: Das Reha-Zentrum hat keinen Versorgungsvertrag mit den gesetzlichen Krankenkassen, da nicht alle dafür erforderlichen Voraussetzungen eingehalten werden können. So müsste die vorgeschriebene Therapiedauer pro Tag vier bis sechs Stunden betragen. Zu viel für viele Schädel-Hirn-Verletzten, insbesondere für Kinder wie Karl. Claudia Müller-Eising muss deswegen immer wieder vor Gericht mit den gesetzlichen Krankenkassen um die Kostenübernahme kämpfen. „Und das, obwohl eine stationäre Reha das Vier- bis Fünffache kosten würde.“ 80 Verfahren führt die gelernte Juristin aktuell – doch die dauern. „Von der Klageeinreichung bis zum ersten Urteil dauert es in der Regel drei bis vier Jahre. Das ist eine Zumutung für die Betroffenen.“ Doch so viel Zeit hat Karl nicht: Je länger mit der Therapie gewartet wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sein Gehirn die falschen Muster lernt und er lebenslang behindert bleibt. Um das zu verhindern, hat das gemeinnützige Reha-Zentrum die monatlichen Therapiekosten, die zwischen 2500 und 4000 Euro liegen, bislang über Spenden finanziert.

Als der EXTRA TIPP die AOK um Stellungnahme bittet, wendet sich das Blatt: Laut eines Sprechers sei die Kostenübernahme zu keinem Zeitpunkt abgelehnt worden. Es sei lediglich das Gutachten des Medizinischen Dienstes abgewartet worden, das jetzt vorliege: „Aufgrund der besonderen Komplexität (...) haben wir eine Einzelfallentscheidung getroffen und den Antrag befürwortet“, heißt es schriftlich. Für acht Wochen übernimmt die Kasse die Kosten. Zu wenig, sagt Müller-Eising. „Bis Karl besser gehen, greifen und sprechen kann, braucht er noch mehrere Monate Therapie. Aber statt die Kosten für die gesamte Behandlung zu übernehmen, müssen wir nun nach den acht Wochen wieder einen neuen Antrag stellen.“ Zudem gebe es viele weitere AOK-Versicherte, die sich im Neuroneum zurück ins Leben kämpfen. „Auch diese Menschen haben als Beitragszahler ein Recht auf Versorgung.“

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