Jetzt reicht's!

Immer wieder Raser-Unfälle: Anwohner haben genug

+
Günther Albitius zeigt sein kaputtes Fenster. Ein Autoreifen hatte Rollladen und Scheibe durchschlagen.

Seit Jahren klagen die Anwohner der Friedensstraße in Mühlheim über gefährliche Raserei. Im November wird eine Frau totgefahren, vergangenen Sonntag kracht ein Auto in ein Wohnhaus. Die Bewohner haben Angst. Sie fordern die Stadt auf zu handeln.

Mühlheim – Es ist Sonntagmorgen, kurz vor vier Uhr, als Erika Redemann einen dumpfen Knall hört. Die 78-Jährige geht auf den Balkon ihrer kleinen Wohnung im ersten Stock und traut ihren Augen kaum: Ein völlig demoliertes Auto hängt eingekeilt zwischen Hauswand und Balkon, die gesamte Friedensstraße ist voller Blaulicht. „Ein Albtraum“, sagt die Rentnerin. Laut Polizei ist der Autofahrer mit seinem weißen Audi A8 von Offenbach in Richtung Mühlheim unterwegs, als er kurz nach dem sogenannten Bepo-Kreisel die Kontrolle verliert. Das Auto kommt von der Straße ab, schleudert auf die Gegenfahrbahn, hebt ab und kracht gegen die Wand des Mehrfamilienhauses in der Straße „Am Dreispitz“. Unfallursache laut Polizei: Erhöhte Geschwindigkeit.

Der Audi-Fahrer flüchtete nach dem Unfall.

Am Haus sind die Spuren auch heute noch deutlich zu sehen. Die Balkonverkleidung der rechten Erdgeschosswohnung, in der eine Familie mit zwei Kindern lebt, ist völlig demoliert, die Stützbalken eingeknickt. Wegen Einsturzgefahr müssen alle vier Balkone abgerissen werden. Der Gesamtschaden an Haus, Kreisel und Auto: Mindestens 220.000 Euro. „Nicht auszudenken, wenn das tagsüber passiert wäre“, sagt Erika Redemann und zeigt auf die beiden Löcher in der Hauswand. Auch Nachbar Günther Albitius, der die linke Erdgeschosswohnung bewohnt, steht noch unter Schock. Ein Reifen des Unfallautos durchschlägt Rolladen und Scheibe seines Wohnzimmerfensters, Stereoanlage und ein Tisch sind nur noch Schrott. „Gott sei Dank war ich in dieser Nacht nicht zu Hause“, sagt der 58-Jährige.

Einsturzgefahr: Vier Balkone müssen abgerissen werden.

Auf den Schreck folgt bei den Bewohnern der Ärger. Denn es ist nicht das erste Mal, dass ein Raser in ihrem Vorgarten landet. „Hier passiert doch dauernd etwas. Einmal hat sich ein Auto überschlagen und lag hier auf dem Rasen. Und in den Balkon ist auch schon mal einer gebrettert“, sagt Erika Redemann, die seit 20 Jahren in dem Haus wohnt. Über die Friedensstraße, die nach dem Bepo-Kreisel beginnt, traut sich die Rentnerin schon lange nicht mehr. „Ich gehe lieber 300 Meter und nehme die nächste Ampel. Hier wird ja auch tagsüber gerast.“ Wie gefährlich der Bereich für Fußgänger ist, zeigt der tragische Unfall im November 2017. Eine 57-Jährige wird von einem betrunkenen Autofahrer überfahren, als sie am späten Abend die Friedensstraße überqueren will. Sie stirbt, ihr Mann überlebt schwer verletzt. Die Bewohner des Hauses „Am Dreispitz“ fordern die Stadt auf, endlich etwas gegen die Raserei zu unternehmen. Die Blitzer, die in beiden Fahrtrichtungen vor dem Bepo-Kreisel stehen, sind ihrer Meinung nach keine große Abschreckung. „Die Fahrer bremsen brav ab und beschleunigen danach“, sagt Erika Redemann. Auf ihren Balkon traut sich die Rentnerin zur Zeit nicht. „Ich habe Angst. Wer weiß, wann der nächste Raser aus der Kurve fliegt.“

Das sagen die Behörden:

Ist die Friedensstraße in Mühlheim ein Unfallschwerpunkt? Nein, sagt die Verkehrsbehörde Hessen Mobil, die Betreiber der Bundesstraße 43 ist. Bei der hohen Verkehrsbelastung und der zweispurigen Verkehrsführung könne es zwar durch Fahrstreifenwechsel und Bremsmanöver zu kritischen Situationen kommen. „Das Unfallgeschehen ist allerdings eher unauffällig. “ Überlegungen, den Bereich nach dem Bepo-Kreisel sicherer zu machen – beispielsweise durch Bremsschwellen – gibt es laut Hessen Mobil dementsprechend nicht. Mühlheims Bürgermeister Daniel Tybussek ist die Raserei seit Jahren ein Dorn im Auge. Allerdings entscheide allein die Polizei, ob eine Stelle als Unfallhäufungsstelle eingestuft wird. Diese informiere wiederum den Träger Hessen Mobil, der über entsprechende Maßnahmen entscheidet. „Wir sind die Allerletzten in der Kette“, sagt Tybussek. Aktuell habe die Stadt einen zweiten Blitzer-Anhänger bestellt. Wo dieser am Ende aufgestellt wird, entscheide allerdings die Polizeiakademie. Einzig mobile Radargeräte kann die Stadt selbst einsetzen. „Aber in der Nachtzeit, wenn die meisten Raser unterwegs sind, ist das Personal nicht da“, sagt der Bürgermeister.

Kristina Bräutigam

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare