„Die Schicksale dieser Kinder gehen mir unter die Haut“

Oberarzt Marco Baz Bartels über den Kampf gegen Kindesmissbrauch

+
Dr. med. Marco Baz Bartels zeigt auf eine eindeutige Narbe am Schädel eines Kindes. Mit solchen Fällen wird der Oberarzt der Ambulanz für Neuropädiatrie im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe Universität ständig konfrontiert.

Frankfurt - Nicht jeder blaue Fleck ist so harmlos wie er scheint. Seit fünf Jahren gibt es die Kinderschutzambulanz in Frankfurt. Dort kämpft Dr. Marco Baz Bartels gegen körperliche Misshandlung, sexuellen Missbrauch und Vernachlässigung. Von Dirk Beutel

Mit welchen Fällen haben Sie tagtäglich zu tun?

Lesen Sie außerdem:

Tatort Kita: Männliche Erzieher im Fadenkreuz

Psychologin Stephanie Thiel: „Das Strafrecht reicht nicht gegen Pädophile“

In Bus und Bahn: Frotteure reiben sich an ahnungslosen Frauen

Die Kinder werden meist unter einem Verdacht bei uns vorgestellt: Körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung. Letztere ist natürlich am schwersten zu diagnostizieren ist. Das sind die drei großen Gruppen. Darunter subsummieren wir alles: Hämatome, Verbrennungen, vaginalen Ausfluss, fehlende Gewichtszunahme, eingerissene Ohrläppchen oder kaputte Zähne. Meistens haben wir es mit Mischformen zu tun. Die Altersspanne reicht von der ersten Lebenswoche bis zur Volljährigkeit. Bei den Vorfällen mit Verdacht auf sexuellen Missbrauch liegt nach unseren Erfahrungen der Alterspeak zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr. 

Wer schickt denn in der Regel Kinder zu Ihnen in die Klinik?

Hauptzuweiser ist das Jugendamt, gefolgt von anderen Ärzten und Kliniken. Dann kommen erst Familienangehörige, als letztes die Polizei. Wir hatten bislang um die zehn Inobhutnahmen pro Jahr. Unseren Spitzenwert von 71 Fällen hatten wir 2014. Inobhutnahme heißt: Das Kind wurde den Eltern zumindest vorübergehend oder bleibend entnommen. 2015 lagen wir bei 40 von 122 Fällen. Generell lässt sich sagen, dass etwa 75 Prozent aller Fälle, die bei uns landen, eine direkte Konsequenz haben – medizinisch, sozialpädagogisch oder rechtlich. Mit einer durchschnittlichen Patientenzahl zwischen 150 und 200 im Jahr, glaube ich, haben wir allerdings einen beständigen Punkt erreicht.

Gibt es Schichten oder Familienkonstellationen, bei denen Kindesmissbrauch auffällig ist?

Das ist wirklich schwierig. Wenn man sich die Statistiken ansieht, werden Trennungen oder Sorgerechtsstreitigkeiten gerne auf dem Rücken von Kindern ausgetragen. Sie werden auch gerne von den Eltern instrumentalisiert. Daraus ergibt sich, dass Kinder mit dem Verdacht auf einen sexuellen Missbrauch häufiger von getrennt lebenden Eltern bei uns vorgestellt werden. Aber unter dem Strich sind solche Fälle unabhängig der sozialen Schicht. Während körperliche Vernachlässigungen tendenziell häufiger im Hartz-IV-Haushalt vorgefunden werden, so ist die viel schwerer zu diagnostizierende seelische Vernachlässigung vielleicht eher in einem Haushalt zu finden, wo zwar ganz viel Geld da ist, die Eltern aber nie Zeit für das Kind haben.

Wann sind Sie überhaupt sicher, dass Sie es mit einer Kindeswohlgefährdung zu tun haben und die Eltern Sie anlügen?

In den Fällen, in denen bereits andere Ärzte oder Kliniken das Gefühl haben, die Unwahrheit erzählt bekommen zu haben, können wir dies oft bestätigen. Fälle, die einen komischen Beigeschmack, ein seltsames Bauchgefühl hinterlassen, bedürfen jedoch immer einer genaueren Prüfung. Ganz gleich von wem sie primär vorgestellt werden. Wenn man so ein Gefühl hat, egal warum, wird versucht, mit anderen Kollegen Klarheit zu schaffen, ob tatsächlich mehr hinter einem Fall steckt. Denn das, was einem die Eltern erzählen, was der Arzt in den meisten Fällen zu glauben geneigt ist, dennoch in Frage zu stellen, wird einem Mediziner ja nicht beigebracht. Wir müssen beurteilen, wie bedeutend die medizinischen Befunde, die uns vorliegen, für ein bestimmtes Misshandlungsmoment sprechen und für das weitere Wohlergehen des Kindes sind. Das soziale Umfeld ist entsprechend wichtig. Unsere Hilfeplanung sieht vor, das Kind wieder auf die richtige Bahn oder in die schützende Umgebung zu bringen. Mit oder ohne Eltern, im Heim oder bei Pflegeeltern, das berechnen wir mit der Hilfe des entsprechenden Jungendamtes mit ein. Eine Fraktur kann man zwar behandeln, das Hämatom verschwindet irgendwann, aber das Alkohol- und Drogenproblem der Eltern nicht.

Wenn Sie so einen Fall vor sich haben, wie gehen Sie in der Praxis vor?

Wir handeln nach dem Mehr-Augen-Prinzip. Dafür brauchen wir interdisziplinäre Hilfe sowohl von außen, sei es von der Polizei, dem Jugendamt, als auch von innen wie anderen Medizinerkollegen, wie die der Dermatologen, Radiologen, Neurochirurgen, der Rechtsmedizin und vielen anderen. Wir benötigen manchmal höhere rechtliche Instanzen wie das Familiengericht. Etwa wenn wir eine langfristige und nachhaltige Lebensplanung mit dem Jugendamt in Angriff nehmen wollen, was nicht selten vorkommt. Da braucht man jemanden, der langfristig die Kontrolle und die Verantwortung trägt. 

Welche Fälle gehen Ihnen persönlich besonders nahe?

Das, was man mit nach Hause nimmt, also die Kinder, die einen selber leiden lassen, an die man abends vor dem Schlafengehen noch denkt und morgens beim Aufstehen wieder mit dabei hat, sind nicht zwingend die schlimmsten Fälle, in denen ein Kind auf der Intensivstation im Sterben liegt. Meistens sind es diejenigen Kinder, mit denen man einen direkteren Draht aufbaut, die zum Beispiel genau wissen, dass ihre Eltern sie misshandeln, sie sie aber trotzdem immer verteidigen und die Schuld bei sich selbst suchen. Es sind die Kinder, die sich an einen klammern, weil sie wissen, sie müssen an das Jugendamt übergeben werden. Oder die Kinder, die die Ambulanz oder Station als viel schöner empfinden, als das, was sie zu Hause geboten bekommen. Die Schicksale dieser Kinder gehen mir persönlich unter die Haut, weil ihre Fälle vermeidbar sind, weil sie nicht hätten sein müssen.

Das sind die besten Pressebilder des Jahres 2015

Der australische Fotograf Warren Richardson schießt am 28. August 2015 in Roszke, Ungarn, ein Bild davon, wie ein Flüchtling ein Baby unter einem Stacheldrahtzaun an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien durchreicht. Das Foto mit dem Titel "Hope for a New Life" gewann den World Press Photo Award 2015.
Der australische Fotograf Warren Richardson schießt am 28. August 2015 im ungarischen Roszke ein Bild von einem Flüchtling, der ein Baby unter einem Stacheldrahtzaun an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien durchreicht. Das Foto mit dem Titel "Hope for a New Life" gewann den World Press Photo Award 2015. © AFP PHOTO / WORLD PRESS PHOTO/ Warren Richardson
Kategorie "Newsstories": Eine Aufnahme des russischen Fotografen Sergey Ponomarev, die Migranten und Flüchtlinge bei ihrer Ankunft im November 2015 an der Küste der griechischen Insel Lesbos zeigt.
Kategorie "Newsstories": Eine Aufnahme des russischen Fotografen Sergey Ponomarev, die Migranten und Flüchtlinge bei ihrer Ankunft im November 2015 an der Küste der griechischen Insel Lesbos zeigt. © dpa/WORLD PRESS PHOTO/ Sergey Ponomarev
Ein Bild aus einer Fotoserie, die zwischen 2013 und 2015 aufgenommen wurde von der amerikanischen Fotografin Mary F. Calvert. Sie porträtiert in ihren Fotografien Frauen, die während ihrem Dienst beim amerikanischen Militär vergewaltigt, missbraucht oder sexuell belästigt wurden.
Ein Bild aus einer Fotoserie von der US-Fotografin Mary F. Calvert, die zwischen 2013 und 2015 aufgenommen wurde. Sie porträtiert Frauen, die während ihres Dienstes beim amerikanischen Militär vergewaltigt, missbraucht oder sexuell belästigt wurden. © dpa/WORLD PRESS PHOTO/ Mary F. Calvert
Erster Platz in der Kategorie "People": Das Foto des slowenischen Fotografen Matic Zorman zeigt ein von einem Regenmantel bedecktes Kind, das in der Registrierung-Schlange an einem Flüchtlingslager in Presevo, Serbien, wartet.
Kategorie "Menschen": Das Foto des slowenischen Fotografen Matic Zorman zeigt ein von einem Regenmantel bedecktes Kind, das in der Registrierungsschlange an einem Flüchtlingslager im serbischen Presevo wartet. © dpa/WORLD PRESS PHOTO/ Matic Zorman
Das Foto zeigt Migranten,wie sie versuchen in einen Zug der nach Zagreb, Kroatien, fährt, zu klettern.
Das Foto zeigt Migranten, die versuchen in einen Zug ins kroatische Zagreb zu klettern. © dpa/ WORLD PRESS PHOTO/ Sergey Ponomarev
Fotograf Sameer Al-Doumy fängt den Moment ein, in dem am frühen Morgen des 30. Oktober 2015 Rauch von einem Gebäude empor steigt. Aufgenommen wurde das Foto in Douma, Demascus, einer von Rebellen kontrollierte Gegend.
Fotograf Sameer Al-Doumy fängt den Moment ein, in dem am frühen Morgen des 30. Oktober 2015 Rauch von einem Gebäude empor steigt. Aufgenommen wurde das Foto in Douma einer von Rebellen kontrollierte Gegend in Syrien. © dpa/WORLD PRESS PHOTO/ Sameer Al-Doumy
Das Foto der französischen Fotografin Corentin Fohlen zeigt einer Demonstration in Paris gegen den Terrorismus am 11. Januar 2015.
Das Foto der französischen Fotografin Corentin Fohlen zeigt eine Demonstration in Paris gegen den Terrorismus nach den Anschlägen auf die Redaktion des Satire-Blattes Charlie Hebdo. © dpa/ WORLD PRESS PHOTO/ Corentin Fohlen
Den ersten Preis in der Kategorie Sport bekam der österreichische Fotograf Christian Walgram, wie er den tschechischen Skifahrer Ondrej Bank bei seinem Sturz während der Abfahrt in Beaver Creek, Colorado, USA, am 15. Februar 2015 fotografiert.
Den ersten Preis in der Kategorie Sport bekam der österreichische Fotograf Christian Walgram für sein Foto vom Sturz des tschechischen Skifahrers Ondrej Bank während der Abfahrt in Beaver Creek (US-Staat Colorado) am 15. Februar 2015. © dpa/ WORLD PRESS PHOTO/ Christian Walgram
Chinesische Männer ziehen ein Dreirad hinter sich her. Das Bild wurde am 26 November 2015 in der chinesischen Stadt Shanxi aufgenommen und gewann den ersten Preis in der Kategorie "Tägliches Leben"
Chinesische Männer ziehen ein Dreirad hinter sich her. Das Bild wurde am 26 November 2015 in der Stadt Shanxi aufgenommen und gewann den ersten Preis in der Kategorie "Tägliches Leben". © dpa/ WORLD PRESS PHOTOS/ Kevin Frayer
Kategorie "Natur": Das Bild zeigt einen gigantischen Wolken-Tsunami, der über die Küste Sydneys hereinrollt. Während dessen liegt eine Sonnenbaderin entspannt am Strand und liest ein Buch.
Kategorie "Natur": Das Bild von Rohan Kelly zeigt einen gigantischen Wolken-Tsunami, der über die Küste Sydneys hereinrollt. Währenddessen liest eine Frau entspannt am Strand ein Buch. © dpa/ WORLD PRESS PHOTOS/ Rohan Kelly

Keine Neuigkeiten und Gewinnspiele mehr verpassen? Dann einfach EXTRA TIPP-Fan auf Facebook werden!

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare