„Ich habe die völlige Dunkelheit akzeptiert“

Gastronom lässt sich von seiner Blindheit nicht stoppen

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Eine echte Kämpfernatur: Der 32 Jahre alte Marcel Heim ist zwar blind, trotzdem kocht er, zapft Bier und regelt sonst alles, was ein sehender Gastronom leisten muss. Sein Ziel ist, Barrieren gegenüber Blinden abzubauen.
  • Dirk Beutel
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Vor über elf Jahren verlor Marcel Heim seine Sehkraft. Der heute 32-jährige Koch ließ sich nicht unterkriegen und machte sich mit einem Event-Lokal selbstständig. Er erzählt, wie die Blindheit sein Leben verändert hat und welcher Sinn für ihn beim Kochen der wichtigste geworden ist. Von Dirk Beutel

Herr Heim, wegen eines Gendefekts kam es bei Ihnen zu einem Sehnervschwund und Sie wurden blind. Wie ist das abgelaufen?

In der Mitte meines Sehfeldes tauchte auf einmal ein dunkler Punkt auf, der fast täglich immer größer wurde. Etwa fünf Monate hat der Übergang zum Erblinden gedauert. Meinen 21. Geburtstag habe ich halb blind gefeiert. Heute bin ich vollständig blind.

Viele würden an so einem Schicksal zerbrechen. An welchem Punkt in Ihrem Leben hat Sie die Blindheit erwischt?

Es war ein schwerer Schlag für mich. Ich war ausgelernter Koch und hatte eine Stelle als Chefkoch in Aussicht. Danach war geplant, Deutschland für zehn Jahre zu verlassen und die Welt als Koch zu bereisen. Die Länder, die Hotels und Schiffe standen schon fest. Das war das Schlimmste für mich: Nicht mehr mein Leben, nicht mehr meinen Traum als Koch zu leben.

Was haben Sie gemacht, als der Arzt Ihnen prophezeite, dass Sie blind werden?

RealBlind“ heißt das Erlebnis-Restaurant von Marcel Heim in der Magdalenenstraße 63, in Gernsheim. Mehr Informationen zum Programm gibt es unter https://realblind.jimdo.com oder unter (06258) 8333308.

Der Arzt konnte mir weder sagen, wie lange der Prozess dauert oder ob es beide Augen betreffen werde.
Trotzdem bin ich am nächsten Tag arbeiten gegangen. Die darauf folgenden fünf Monate und noch weitere drei Monate stand ich jeden Tag in der Küche. Ich wollte arbeiten. Weil das mein Leben war und ich es so lange ausnutzen wolle, wie es geht. So lange bis der Arbeitsvertrag ausgelaufen war und ich mich dann um mich selbst kümmern musste.

Haben Sie das Gefühl, Sie haben Menschen gegenüber einen Vorteil, die von Geburt an blind sind?

Ich bin froh, diese Welt gesehen zu haben. Ich kann mir alle Formen vorstellen und weiß, was Farben sind. Wenn nicht, kann ich nachfragen, um es mir besser vorstellen zu können. Der Nachteil: Ich weiß, was ich vermisse. Am meisten fehlt mir der Blickkontakt. Daraus lässt sich so viel herauslesen. Gerade beim Kennenlernen: Das Leuchten in den Augen einer Frau kann man nicht hören.

Wie lange haben Sie gebraucht, um sich an die Blindheit zu gewöhnen?

Das habe ich übersprungen. Ich habe die völlige Dunkelheit akzeptiert. Ich bin danach gleich in ein Berufsförderungswerk nach Würzburg. Dort habe ich die Blindenschrift gelernt, wie man mit dem Stock geht und mich zum Informatiker umschulen lassen.

Aber als blinder Informatiker wollte Sie niemand beschäftigen.

Inklusion gibt es höchstens im Sport. Aber als Blinder auf dem Arbeitsmarkt einen Job zu finden, ist fast nicht möglich. Und ich bin kein Einzelfall. Das ist traurig.

Nach einer Anstellung im Frankfurter Dialog-Museum sind Sie jetzt selbstständig und bieten Erlebnis-Gastronomie an. Was kann man sich darunter vorstellen?

Ich biete verschiedene Veranstaltungen an. Party und Tanzcafé für Sehende. Essen im Dunkeln mit drei oder fünf Gängen, verschiedene Bier-, Wein-, Whiskey-Tastings, Blind-Speed-Dating. Für Schulen, FSJ-Gruppen und Firmen biete ich Workshops an, wie man gemeinsam in völliger Dunkelheit an ein Ziel kommt. Mein Ziel ist es, dadurch Barrieren abzubauen.

In Ihrem Lokal hatten Sie zuletzt 200 Gäste. Wie kommen Sie mit dem Stimmenwirrwarr zurecht?

Es ist teilweise sehr schwer, aber es geht. Ich habe hinter der Theke gestanden, Bestellungen angenommen, kassiert und Bier gezapft.

Kochen Sie immer noch?

Ich mache fast alles: Einkaufen, Kalkulieren und eben die Küche. Und alle Finger sind noch dran. Natürlich sind meine Küchenfeen eine wertvolle Hilfe. Denn auch wenn ich blind bin, habe ich nach wie vor den Anspruch, dass die Bestellungen schnell und zusammen rausgehen. Und dazu brauche ich die Sehenden. Sie müssen das Essen und die Mengen kontrollieren. Ich könnte das auch, es würde aber zu lange dauern. Es muss Schlag auf Schlag gehen. Es gibt ein paar Prozesse in der Küche, bei denen ich vielleicht langsamer bin. Kartoffel schälen zum Beispiel. Andere Dinge wie Zwiebeln schneiden gehen genauso schnell wie früher.

Kochen Sie als Blinder anders?

Nein. Geruch- und Geschmackssinn sind vorher schon gut ausgeprägt gewesen. Alle Sinne kann man sich erarbeiten. Die meisten denken, wer blind ist, hört besser. Das ist falsch. Ein Tauber sieht ja auch nicht besser. Die Sinne werden nicht automatisch besser. Man lernt den Hörsinn anders, selektiver zu nutzen. Viel wichtiger für mich ist mein Gedächtnis. Ich muss ja wissen, wo ich was hinstelle. Der Ablauf in der Küche muss einfach stimmen, weil ich auch eine gewisse Geschwindigkeit einfordere.

Wo finden Sie als Blinder noch Barrieren, die Sie ärgern?

Es fehlt komplett die Aufklärung. Wenn ich mitbekomme, wie Leute reagieren, wenn ich mit dem Stock vorbeikomme. Statt, dass die Leute mit einem reden, wird getuschelt. Sei leise, da kommt ein Blinder, höre ich oft. Oder wenn ich im Biergarten aufstehen und meinen Stock greifen will. Alle schweigen auf einmal und starren mich an. Das ist respektlos und frustriert. Oder wenn ich mich an den Noppenböden auf dem Frankfurter Hauptbahnhof orientiere, bin ich derjenige, der sich entschuldigt, wenn ich an jemandem hängen bleibe. Und das, obwohl die Böden für die Blinden gemacht sind. Die Leute wissen das gar nicht. Ich rege mich auch täglich über Fahrradfahrer auf. Die schaffen es nicht zu klingeln, wenn sie an einem vorbei fahren. Die kommen von hinten angeschossen und man hört sie wirklich sehr spät. Aber bei vielen Dingen schalte ich auf Durchzug, weil es mir zu blöd ist.

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