Angela Scochi alias Clowndoktorin „Dr. Stracciatella“

Manchmal reicht schon ein Handküsschen für ein Lächeln

Wenn Angela Scochi ans Krankenbett kommt, hat sie vor allem ein Ziel: Ein Lächeln auf das Gesicht der Kinder zu zaubern. Auch in der Adventszeit ist die Clowndoktorin mit ihrer Ukulele unterwegs in Krankenhäusern und Altenheimen. Im EXTRA TIPP spricht die Hanauerin über ihre Arbeit. Von Oliver Haas

Frau Scochi, wie sind Sie zur Clowndoktorin „Dr. Stracciatella“ geworden?

Durch einen Zufall bin ich vor acht Jahren daran gekommen. Ich bin ja unter anderem professionelle Musicaldarstellerin und eine Kollegin von mir arbeitete bei den Clowndoktoren. Sie erzählte mir von einem Casting.

Wie läuft dieses Casting dann genau ab?

Das ist ziemlich anspruchsvoll und läuft über drei Runden und drei Tage. Da werden verschiedene Aufgaben gestellt und Gespräche geführt. Schließlich muss man psychisch sehr stabil sein. Die Bewerber müssen etwa ein dreiminütiges nonverbales Programm als Clown vorbereiten. Und da Clowndoktoren bei ihrer Arbeit ausschließlich improvisieren, wird dann auch beim Casting einiges abverlangt. Ich bekam zum Beispiel nur einen Besen und einen Stuhl hingestellt und sollte dann loslegen. Das war nicht einfach, aber offenbar hat es gefallen. Damals wurden von 15 Bewerbern fünf genommen.

Nicht jedes Kind mag Clowns. Wie gehen Sie mit Ablehnung um?

Natürlich wird jedes Nein akzeptiert. Wir lassen Kinder auch in Ruhe, wenn sie zu krank oder schwach sind, etwa von der Chemotherapie. Wir klopfen ganz vorsichtig an jede Zimmertür an. Wenn dann genervt geguckt wird, dann schicken wir ein Handküsschen durch die Luft. Das reicht oft schon aus, dass ein Lächeln kommt. In diesem Moment haben wir schon einen kleinen schönen Moment gezaubert. Manche Jugendliche sind vielleicht zu ,cool‘ für uns. Andererseits gibt es auch Momente, wo uns 18-Jährige um den Hals fallen.

Ist es etwas Besonderes, jetzt in der Vorweihnachtszeit die Kinder in den Kliniken zu besuchen?

Bei den Kindern macht das eigentlich keinen Unterschied. Die Stimmung ist vor allem bei den kleinen Dauerpatienten nicht viel anders als den Rest des Jahres. Viele kennen es ja nicht anders. Aber natürlich sind wir als Clowndoktoren etwas anders verkleidet und tragen diverse Weihnachtsaccessoires, wie Nikolaus-Mützen oder auch mal eine Lichterkette. Ich spiele mit meiner Ukulele, die ich immer dabei habe, Weihnachtslieder. Hierfür habe ich ein selbst gebasteltes Glücksrad dabei, auf dem verschiedene Lieder aufgeschrieben sind. Ich muss aber sagen, dass die Kliniken sich immer viel Mühe geben, den Kindern die Adventszeit trotz allem so schön wie möglich zu gestalten.

Wie ist es bei den Erwachsenen?

Da sind viele schon trauriger und melancholischer. Vor allem in den Altenheimen freuen sich die Bewohner, wenn wir kommen. Viele bekommen leider kaum oder gar keinen Besuch und sind sehr einsam. Dort sind wir oft auch weniger albern und clownesk unterwegs. Manchmal hören wir einfach nur zu und singen Weihnachtslieder. Aber auch in den Krankenhäusern können wir Erwachsenen helfen. Vor Kurzem kam uns ein Pfleger im Offenbacher Sana Klinikum entgegen, als wir gerade gehen wollten. Da lotste er uns zu einer sehr deprimierten Krebspatientin, die über Weihnachten im Krankenhaus bleiben muss. Sie hat dann auf meinem Glücksrad ein Lied gedreht, das wir dann für sie gesungen haben. Sie hat dann herzlich gelacht und gestrahlt.

Ihren Augen strahlen auch, wenn Sie über ihren Job reden. Aber Hand aufs Clown-Herz: Wann stoßen Sie in Ihrer Arbeit an ihre Grenzen?

Die gibt es. Aber Gott sei Dank erlebe ich das selten. Wir werden vom Verein „Die Clowndoktoren“ sehr gut betreut und haben auch einen Psychologen, der für uns da ist, wenn uns ein Schicksal nicht loslässt. Und letztlich sind wir bei den Visiten immer zu zweit. Das heißt, wir können uns nach einem Besuch immer direkt austauschen, wenn uns etwas sehr nahe ging.

An welche belastenden Situationen können Sie sich persönlich erinnern?

Es gibt durchaus zwei, drei Fälle, die mich wirklich schwer mitgenommen haben. Etwa schlimme Misshandlungsfälle. Vor allem ein Fall, in dem eine Mutter ihr Kind misshandelt hatte, weil sie psychisch krank ist. Das Kind lag deshalb im Koma. Solche Momente kann man nicht einfach hinter sich lassen.

Und an welchen besonders schönen Moment während ihrer Arbeit können Sie sich erinnern?

Wir haben vor Kurzem ein vierjähriges Mädchen in der Uniklinik Gießen besucht, das an einem künstlichen Herzen angeschlossen ist. Das ist mobil und sie kann es herumschieben. Eigentlich redet die Kleine kaum. Aber als wir als Weihnachtsengelchen verkleidet zu ihr kamen, hat sie das erste Mal seit Ewigkeiten wieder gesprochen. Sie hat nicht nur zur Musik getanzt, sondern sogar mitgesungen. Ihre Mutter stand weinend daneben. Zum Schluss sagte das Kind dann: „Ihr seid Weihnachten!“ Das war sehr, sehr berührend.

Hat Sie die Arbeit als Clown-Doktorin verändert?

Auf jeden Fall. Empathie hatte ich eigentlich schon immer. Aber sie hat sich durch die Arbeit noch etwas verfeinert. Rein künstlerisch gesehen, hat sich auch mein Spiel auf der Bühne verändert. Vor allem für die komischeren Rollen. Ich habe eine anderes Timing bekommen. Die Clownerie ist ja ein völlig anderes Handwerk. Improvisation war vorher nicht mein Lieblingsfach. Das hat sich natürlich geändert.

Und privat?

Ich bin noch dankbarer dafür, dass ich zwei gesunde Kinder habe, die vielleicht mal einen Schnupfen oder Bauchweh haben. In diesen Momenten wird man jedes Mal wieder wachgerüttelt und ist unendlich froh. Die Arbeit als Clowndoktorin relativiert vieles.

Infos zu den Clowndoktoren unter: https://www.clown-doktoren.de/

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