Fallzahlen stark gestiegen

Magersucht: So treiben Instagram und Co. Frauen in die Krankheit

Youtuberin „Nisi156“

Die Zahl der Essstörungen ist in den vergangenen zehn Jahren bei den unter 17-Jährigen um fast ein Viertel gestiegen. Schuld daran sind vor allem Instagram und Co. Zwar wird dort viel von „Mut zu Pfunden“ gesprochen. Von Christian Reinartz

Doch selbst füllige Models zeigen sich meist retuschiert und ziemlich makelos.

Region Rhein-Main – Magersucht gilt als die wohl tödlichste psychische Krankheit und ist die am weitesten verbreitete Essstörung. Und laut einer Studie der Krankenkasse KKH nehmen Essstörungen wie Magersucht, Bulimie und das sogenannte Binge-Eating weiter zu. Vor allem sind Frauen zwischen 18 und 29 Jahren betroffen. Sie machen 88 Prozent aus. Und die essgestörten Frauen werden immer jünger. Laut der Analyse ist die Zahl der Zwölf- bis 17-Jährigen von 2008 bis 2018 um 22 Prozent gestiegen, bei den 18- bis 24-Jährigen um elf Prozent. Und die Dunkelziffer ist laut Experten extrem hoch, denn die meisten schämen sich und suchen keinen Arzt auf. Dabei können Essstörungen tödlich sein. 2017 starben 78 Menschen in Deutschland daran – ein Drittel mehr als im Jahr zuvor.

Einer der Hauptgründe für den Anstieg sind die sozialen Medien. „Diese haben einen enormen Einfluss auf die Selbstwahrnehmung junger Frauen“, erklärt Dr. Heike Winter. Sie ist Präsidentin der Hessischen Psychotherapeutenkammer und hat eine klare Meinung zu Instagram und Co.: „Wenn es um Körper und Selbstdarstellung geht, wird dort in den meisten Fällen gelogen.“ Das Problem: Auf allen Social-Media-Plattformen werden vor allem geschönte und perfekt bearbeitete Bilder von gestählten und fast fettfreien Körpern gepostet. „Wer da regelmäßig durchscrollt, beeinflusst unweigerlich sein eigenes Körperbild, weil mit diesen Superlativen niemand mithalten kann.“

Verstärkt wird das ganze durch Influencerinnen, die Fotos von ihren Problemzonen posten. „Aber auf den Bildern ist alles zu sehen, nur keine echten Problemzonen“, sagt Winter. „Das kann verheerende Folgen für eine junge Frau haben, wenn ihr so etwas tagtäglich als Realität vorgegaukelt wird.“ Besonders perfide sei die sogenannte Body-Positivity-Bewegung. Dabei betonen Frauen, dass sie zu ihrem Körper und seinen vermeintlichen Makeln stehen. Sie geben vor, andere Frauen bestärken zu wollen, ihren eigenen Körper zu mögen. Heike Winter sieht das kritisch: „Es gibt sicher Ausnahmen. Aber selbst diese Frauen posten oft nur bearbeitete Bilder von sich, die sie in vorteilhaften Posen zeigen. Nicht einmal sie trauen sich in den sozialen Medien zu ihrem Körper zu stehen. Der Druck ist einfach zu groß.“

Die 31-jährige Denise ist als Youtuberin „Nisi156“ auch auf Instagram aktiv, hat knapp 75.000 Follower und arbeitet aktiv gegen die Social-Media-Scheinwelt. „Ich kenne Menschen, die besonders durch Instagram-Models, die ihre Fotos bearbeiten, angefangen haben, an sich selbst zu zweifeln. Das empfinde ich als sehr problematisch. Problematischer finde ich aber das Verhalten eben dieser Influencer, die sich über ihre Außenwirkung bewusst sein sollten, aber immer weiter versuchen, eine Scheinwelt aufrecht zu erhalten.“ Auch sie selbst achtet am Anfang ihrer Youtube-Karriere sehr auf ihr Äußeres. Doch irgendwann beschließt sie, so nicht weiter machen zu wollen und lässt die Schminke weg. „Als ich damit angefangen habe, habe ich mir gewünscht, eine Art Gegengewicht zu dieser Scheinwelt sein zu können.“

Und offenbar ist sie damit nicht allein. „Der Trend oder der Mut, sich auch mal unvorteilhaft zu zeigen, wird zumindest meiner Meinung nach langsam größer. Es gibt mittlerweile viele erfolgreiche Frauen, die explizit darauf verzichten, sich besonders schön zu zeigen, und dafür in die andere Richtung gehen und meiner Meinung nach dadurch sogar das Selbstbewusstsein einiger Nutzer stärken können.“ Zwar habe jeder Nutzer die Freiheit, den Personen zu folgen, die ihm gut tun, oder die ihn tatsächlich interessieren. „Natürlich fällt das jüngeren Nutzern aber etwas schwerer als den älteren“, sagt Denise. „In der Hinsicht sollte sich tatsächlich etwas ändern. Ich denke dabei zum Beispiel an Kampagnen, in denen große und bekannte Influencer mit einer jungen Zielgruppe solche Themen ansprechen könnten, um sie dafür zu sensibilisieren.“

Von Christian Reinartz

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