Leiterin der Off-Road-Kids über das Schicksal von obdachlosen Jugendlichen

„Das Leben auf der Straße ist für viele ein Lösungsversuch“

Devora Leguy ist seit zehn Jahren als Streetworkerin unterwegs. Foto: Off Road Kids Devora Leguy arbeitet seit zehn Jahren als Streetworkerin. Foto: Off Road Kids/nh

Die Stiftung „Off-Road- Kids“ kümmert sich um Straßenkinder und sogenannte Sofa-Hopper. Ihr Ziel: Sie auf ihrem Weg aus der Obdachlosigkeit zu begleiten. Dvora Leguy, Leiterin der Streetwork-Station in Frankfurt, spricht über Schicksale und die Gefahren einer Metropole. Von Anna Scholze

Man könnte annehmen, dass junge Menschen von staatlicher Seite als besonders schützenswert gelten. Wieso landen trotzdem so viele Jugendliche in Frankfurt auf der Straße?

Das ist kein spezifisches Frankfurter Thema, sondern unter anderem eine Problematik des SGB II (Zweites Buch Sozialgesetzbuch, das die Grundsicherung für Arbeitsuchende regelt, Anm. d. Red.) Denn unter 25-Jährige werden sehr hart sanktioniert. Das heißt, ihnen werden für versäumte Termine oder abgelehnte Jobangebote schnell die Bezüge gekürzt. Und das bis zu 100 Prozent. Kommt es zu einem weiteren Verstoß, wird dann auch die Miete nicht mehr gezahlt. Provokant ausgedrückt kann dieses Gesetz Wohnungslosigkeit produzieren. Hinzukommt, dass Vermieter die Bedingungen kennen. Das führt dazu, dass Jugendliche Probleme haben, überhaupt eine Wohnung zu bekommen.

Das heißt, die Sanktionen des Jobcenters schaden den Jugendlichen mehr, als dass sie helfen?

Genau. Ein weiteres Problem des SGB II ist, dass unter 25-Jährige vom Jobcenter nicht ohne Weiteres eine Wohnung finanziert bekommen. Nur in drei Ausnahmefällen wird die Miete bezahlt. Das sind entweder schwerwiegende soziale Gründe, sonstige schwerwiegende Gründe oder wenn es der Arbeitsaufnahme dient. Zu uns kommen hauptsächlich Menschen, die aufgrund der ersten beiden Situationen von Zuhause ausziehen wollen. Das müssen die Betroffenen aber nachweisen. Erst wenn sie das können, bekommen sie eine Wohnung finanziert.

Wer volljährig wird, muss aus Jugendhilfeeinrichtungen ausziehen. Welche Unterstützung erhalten die jungen Menschen dann?

Es gibt grundsätzlich die Hilfe für junge Volljährige im Kinder- und Jugendhilferecht. Doch die Jugendämter werden kommunal finanziert. Das heißt, dass sie aufgrund unterschiedlicher finanzieller Voraussetzungen die Regelung unterschiedlich umsetzen. Ich habe durchaus schon erlebt, dass Jugendliche auch schon mal mit 17 Jahren „verselbstständigt“ werden.

Das heißt?

Sie bekommen zum Beispiel eine eigene Wohnung mit einer Betreuung, die allerdings sehr schnell heruntergefahren wird. Zum 18. Geburtstag oder kurz danach sollen sie dann plötzlich selbstständig sein. Doch das sind sehr häufig junge Menschen, die kein geradliniges Leben hatten. Das bedeutet, dass sie zwar an vielen Stellen super selbstständig sind, an manchen Stellen aber noch ein bisschen länger Hilfe brauchen als andere in ihrem Alter.

Sie sind seit zehn Jahren Streetworkerin. Welche Gründe gibt es, dass Jugendliche auf der Straße landen oder als sogenannte Sofa-Hopper bei Bekannten leben und übernachten?

Allgemein ist das ein Lösungsversuch. Das heißt, die Situation, in der jemand vorher war, wurde als schlimmer empfunden als die Vorstellung, auf der Straße zu leben oder bei Bekannten unterzukommen. Es gibt natürlich auch die, die die große Freiheit auf der Straße suchen. Doch die machen den deutlich geringeren Teil aus.

Was erleben die Jugendlichen, dass sie vorziehen, auf der Straße zu leben?

Das können zum Beispiel massive Konflikte sein, die dann in psychische und physische Gewalt münden, Misshandlungen, Missbrauch, Suchterkrankungen im Elternhaus, Vernachlässigung oder auch emotionale Verwahrlosung. Ein Leben auf der Straße ist dann zwar immer noch keine langfristige Lösung, aber eine kurzfristige Möglichkeit, unerträglichen Lebensbedingungen zu entkommen. Die meisten haben sehr bodenständige Ziele und Zukunftswünsche, die sie aus ihrer Ausgangssituation heraus nicht erreichen können. Also versuchen sie etwas Anderes.

Frankfurt hat als Metropole sicherlich eine große Sogwirkung. Welche Gefahren lauern in so einer großen Stadt?

Selbst bei denen, die anfangs noch bei Bekannten unterkommen können, werden oft mit der Zeit die Übernachtungsmöglichkeiten knapp. Da meistens kein Einkommen vorhanden ist, ist der Alltag schnell geprägt von ständiger Unsicherheit, wo die nächste Mahlzeit und der nächste Schlafplatz zu finden sind. Da ist es für viele verlockend, den entstehenden Druck durch Suchtmittelkonsum zu erleichtern. Die Wahrscheinlichkeit, dass die jungen Obdachlosen straffällig werden, steigt damit. Außerdem erhöht sich die Gefahr gerade für junge, vielleicht noch etwas unbedarfte Menschen, beispielsweise sexueller Gewalt ausgesetzt zu sein oder in Ausbeutungsverhältnisse zu geraten.

Die Stiftung „Off-Road-Kids“ hilft jungen Obdachlosen auch bei der Wohnungssuche. Das ist in Frankfurt aufgrund der hohen Mieten allerdings nicht einfach. Wie gehen Sie vor?

Wir gehen von Fall zu Fall unterschiedlich vor. Viele Jugendliche kommen beispielsweise aus dem Umland. Das erfragen wir zunächst und schauen dann, ob es vielleicht noch Familie oder Verwandte gibt, bei denen sie leben können. Das Nächste ist, dass man die Wünsche mit der Realität abgleichen muss. Wenn jemand zum Beispiel sagt, die Wohnung soll im Frankfurter Zentrum liegen, müssen wir klar sagen, dass er seine Vorstellungen an den Wohnungsmarkt anpassen muss. Wir gucken dann, ob die Wohnung wirklich in Frankfurt sein muss oder auch weiter außerhalb sein kann. Auch der Ausbildungs- oder Schulplatz ist ein wichtiger Faktor bei der Wohnungssuche.

Wie gehen Sie mit jungen Süchtigen um?

Sie gehören an sich nicht zu unserer Hauptklientel. Frankfurt ist hier schon sehr gut aufgestellt. Das heißt aber nicht, dass wir jemanden, der eine Suchtproblematik hat, nicht betreuen. Hier arbeiten wir mit Suchthilfeeinrichtungen zusammen. Gemeinsam schauen wir dann zum Beispiel nach einem Entgiftungs- und Therapieplatz. Anschließend können wir schauen, wie es weiter geht. Denn wenn hier jemand mit Entzugserscheinungen sitzt, muss ich mit ihm keine Bewerbungen schreiben. Allerdings muss derjenige wie alle unsere Klienten mitarbeiten und etwas ändern wollen, denn wir sind ein freiwilliges Angebot.

Wie sieht Ihre Arbeit mit den Sofa-Hoppern aus?

Bei jemandem, der in relativ sicheren Verhältnissen untergekommen ist, sind natürlich Schule und Beruf ein Thema. Zuvor muss jedoch geklärt werden, wie eine eigene Wohnung finanziert werden kann. Dann schauen wir, wie es mit familiärer und sozialer Anbindung aussieht. Auch die Gesundheit spielt hier, wenn auch nicht ganz so groß, eine Rolle. Denn es gibt unter den Sofa-Hoppern viele junge Menschen, die psychische Schwierigkeiten haben.

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