Nach Schicksalsschlag

Krisenintervention DRK Offenbach: „Manchmal schweigen wir auch einfach nur mit“

Das Kriseninterventionsteam des DRK im Kreis Offenbach. Leiter Reinhold Kovacs (links) und zwei ehrenamtliche Mitarbeiter Annemarie Santoro und Thomas Unkelbach. Foto: oh

Krisenintervention DRK Offenbach: „Manchmal schweigen wir auch einfach nur mit“

Region Rhein-Main - Wenn das Leben unerwartete Schicksalschläge verteilt, dann sind die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams und Notfallseelsorge für die Menschen da. Der EXTRA TIPP hat mit den Helfern aus Stadt und Kreis Offenbach über ihre Arbeit gesprochen. Von Oliver Haas

Es sind die dunkelsten Kapitel des Lebens, zu denen das Offenbacher DRK-Kriseninterventionsteam um den ehrenamtlichen Leiter Reinhold Kovacs gerufen werden. Das Team ist sozusagen der Juniorpartner der Kooperation mit der Notfallseelsorge der evangelischen und katholischen Kirche. Sie betreuen Menschen, die sich aufgrund eines belastenden Ereignisses in einer akuten psychischen Ausnahmesituation befinden. Das können Hinterbliebene von plötzlichen Todesfällen sein oder auch Zeugen von Gewaltverbrechen. „Häufig fordert uns auch die Polizei an, wenn sie Todesnachrichten, zum Beispiel nach einem Verkehrsunfall, überbringen muss.“ Regelmäßig sind sie im Einsatz, wenn ein Mensch reanimiert werden musste. Im Schnitt hat das Team in Stadt und Kreis Offenbach zwei bis drei Einsätze in der Woche.

Durch ihre Arbeit schließen sie eine Lücke im Hilfeleistungssystem. Kovacs betont, dass das nur eine akute Hilfe ist für die Zeit des Einsatzes. Der könne eine Stunde dauern oder sich über mehrere Stunden hinziehen. „Wir versuchen immer, das soziale Leben wieder herzustellen. Das sind Menschen, denen der Boden unter den Füßen weggezogen wird“, sagt Kovacs. Die Betroffenen seien dann häufig nicht handlungsfähig. „Und unsere Aufgabe ist: Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Wir machen nicht alles. Es geht darum anzuleiten, wie es weitergehen kann. Und ob ich diese Person ruhigen Gewissens wieder alleine lassen kann.“ Das sei vor allem gegeben, wenn das Team erkennt, dass es Familienmitglieder oder Freunde gibt, die sich um die Hinterbliebenen kümmern. Wenn nötig, dann wird auch eine nachsorgende oder seelsorgerische Betreuung vermittelt.

„Besonders schön ist es zu sehen, wenn die Familie in diesen schweren Zeiten zusammenhält. Letztlich ist es das, was wir durch unsere Interventionen erreichen wollen“, sagt Annemarie Santoro, die seit 2002 für die Notfallseelsorge ehrenamtlich arbeitet. Zugang in den Gesprächen vor Ort finden sie, indem sie offen von eigenen Erfahrungen erzählen. Der ehrenamtliche Notfallseelsorger Thomas Unkelbach erklärt: „Man muss aufmerksam zuhören, damit man einen inhaltlichen Anknüpfungspunkt findet. Aber manchmal wollen die Leute auch schweigen. Und dann schweigen wir einfach nur mit.“ Das sei oft schwer auszuhalten, aber das muss man und letztendlich helfe man damit diesen Menschen.

In Ausnahmesituationen ist auch Hund Ennie mit dabei. Der vom Roten Kreuz ausgebildete Therapie-Hund soll die nötige Ruhe in die Situationen bringen. Die Hündin wird oft bei Fällen mit Kindern eingesetzt. „Sie freuen sich, wenn ein Tier da ist und sie sich mit dem Hund beschäftigen können. So ein Tier hat ganz automatisch einen Vertrauensvorschuss bei Kindern“, sagt Santoro. Aber auch bei Erwachsenen leiste Ennie gute Dienste: Als Mitte Mai in einem Offenbacher Männerwohnheim in der Gerberstraße ein Mann erstochen wurde, habe Ennie den Bewohner geholfen, sich zu beruhigen. Und war gleichzeitig Türöffner. „Einige redeten erst mit uns, nachdem sie sich mit dem Hund beschäftigt hatten und wir über das Tier ins Gespräch kamen“, sagt sie .

Das Kriseninterventions-Team sucht immer wieder neue engagierte Helfer. Die Ausbildung ist dabei sehr anspruchsvoll. „Zunächst gibt es ein bis zwei Treffen, wo wir grundsätzlich sehen, ob derjenige überhaupt dafür geeignet ist. Dann finden mehrere Lehrgänge mit vielen Rollenspielen statt.“ Insgesamt sind es 80 Unterrichtseinheiten, an denen am Ende eine theoretische und auch eine praktische Prüfung steht. „Danach wird derjenige aber noch mindestens ein halbes Jahr hospitieren“, erklärt Kovacs.

Ganz wichtig sei bei dieser Arbeit auch, dass die Helfer ihre Gesundheit beachten. Santoro sagt: „Wer aus einem Einsatz geht, der hat sein eigenes Ritual. Der eine joggt, der andere muss duschen. Einige wiederum hören Musik. Wir sehen immer, dass wir uns nach einem Einsatz Gutes tun.“ Kovacs ergänzt: „Die Einsätze werden immer im Anschluss besprochen und einmal im Monat jeder Einsatz in der großen Gruppe. Und wer eine Auszeit möchte, der bekommt sie natürlich. Denn man kann nur eine Hilfe für andere sein, wenn man mit sich selbst im Reinen ist“, sagt Kovacs. Infos: www.psnv-offenbach.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare