Frankfurter Psychologie-Professorin über das Hochstapler-Phänomen und seine Folgen

„Kinder sollten nicht wegen ihrer Leistung geliebt werden“

Sie haben Erfolg im Beruf und werden für ihre Leistung anerkannt. Trotzdem denken immer mehr Menschen, dass sie den Ruhm gar nicht verdient haben. Über dieses Phänomen forscht die Frankfurter Professorin Sonja Rohrmann. Von Oliver Haas

Frau Rohrmann, Sie haben ein Buch über das sogenannte Impostor-Phänomen geschrieben. Was ist das genau?

Es beschreibt das Phänomen, dass beruflich erfolgreiche Personen, die von anderen äußerst angesehen sind und beruflich Karriere gemacht haben, glauben, die Anerkennung nicht verdient zu haben. Der Erfolg wird etwa auf äußere Faktoren geschoben, da diese Menschen davon ausgehen, dass sie in Wirklichkeit gar nicht kompetent sind. So führen sie ihren Erfolg etwa darauf zurück, dass andere sie attraktiv oder sympathisch finden, und fürchten, eines Tages als inkompetent entlarvt werden.

Seit wann ist das Phänomen bekannt?

Entdeckt wurde es von den zwei US-Professorinnen Pauline Rose Clance und Suzanne Imes in den 70er Jahren im Rahmen ihrer therapeutischen und beratenden Tätigkeiten. Viele erfolgreiche Frauen plagten Selbstzweifel. Sie berichteten in den Sitzungen, dass sie in eine Position gelangt seien, die sie nicht verdient hätten. Sie hatten das Gefühl, eine Maske zu tragen, die irgendwann fallen könnte, wenn jemand erkennen würde, dass sie in Wirklichkeit gar nichts können. Clance und Imes gingen zunächst davon aus, dass das Impostor-Phänomen vor allem Frauen betrifft. Inzwischen ist jedoch empirisch belegt, dass Frauen und Männer gleichermaßen betroffen sind. Seit das Buch publiziert ist, habe ich sogar mehr Zuschriften von Männern bekommen.

Trifft das Hochstapler-Phänomen bestimmte Berufe mehr?

Im Prinzip sind alle Berufe betroffen. Egal, ob Schauspieler, Studierende, Doktoranden, Manager oder Ärzte. Aber ganz besonders verbreitet ist es bei Menschen mit höherem Bildungsniveau und höher qualifizierten Abschlüssen. Das Impostor-Phänomen impliziert ja, dass jemand schon erfolgreich sein muss. Jetzt ist Erfolg in manchen Berufen schwerer direkt beobachtbar, was leicht ein Impostor-Selbstkonzept hervorruft. Handwerker sind eher weniger betroffen, da sie direkt sehen können, wenn sie etwas erfolgreich repariert haben.

Wie wirkt sich das auf das Leben der Betroffenen aus?

Das Arbeitsleben dieser Menschen ist belastet, weil sie sich inkompetent fühlen. Sie belasten sich über ihre Grenzen und wollen verhindern, dass andere merken, dass sie nicht so kompetent sind. Ihr Arbeitstil schwankt zwischen Prokrastinieren, also ständigem Aufschieben, und Perfektionismus. Wenn sie also eine Leistungsaufgabe bekommen, schieben sie diese zur Seite, aus Angst sie nicht bewältigen zu können. Wenn der Zeitdruck steigt, wird die Aufgabe dann durch Tag- und Nachtarbeit bis zur Erschöpfung durchgezogen. Und wenn der Erfolg da ist, dann wird es auf „Glück“ geschoben und nicht als wirklicher Erfolg gesehen. Personen mit Hochstapler-Syndrom arbeiten von Anfang an sehr perfektionistisch und verausgaben sich dabei. Schlaf wird stark vernachlässigt und mitunter zu Medikamenten gegriffen, um noch leistungsfähiger zu sein. Oft liegt auch das Sozialleben dieser Menschen am Boden. Die Familie und der Partner leiden darunter, dass extrem viel Zeit in die Arbeit investiert wird. Betroffene brennen oft aus oder entwickeln Depressionen.

Was versprechen sich die Betroffenen von diesem extremen Verhalten?

Die Perfekten schützen sich davor zu versagen und die, die aufschieben, davor, möglichen Misserfolg auf sich selbst zurückführen zu müssen, indem sie sich sagen können: „Ich habe ja viel zu spät damit angefangen!“ Beide Strategien führen zu einer permanenten Belastung und gleichzeitig eben nicht zu einer Erhöhung des Selbstwertes. Denn die Betroffenen haben bei Erfolg den Satz im Kopf: „Dafür habe ich mich total verausgabt. Das hätte jeder andere mit dem Aufwand auch hinbekommen.“

In welchen Alter tritt das Phänomen auf?

Meist beginnt es schon als Schüler oder Jugendlicher, weil es mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen zusammenhängt, wie Ängstlichkeit und einem geringem Selbstwert. Oft ist es bei Schülern zu beobachten und wird in Ausbildung und Beruf immer stärker. Die Ausprägungen können dabei natürlich wie bei jedem Persönlichkeitsmerkmal sehr unterschiedlich ausfallen.

Was raten Sie Eltern, die sich deshalb Sorgen machen?

Kinder sollten nicht wegen ihrer Leistung geliebt werden. Eltern sollten also nicht sagen: „Ich bin so stolz auf dich, weil du so gut in der Schule bist!“ Damit eben kein leistungsabhängiger Selbstwert entsteht. Und wenn Kinder Geschwister haben, ist es wichtig, dass sie nicht in Schubladen einsortiert werden. Wie etwa: Das ist „die Hübsche“ oder das ist „die Intelligente“. Kinder sollten keinen Stempel aufgedrückt bekommen, denn der bleibt meistens ein ganzes Leben haften. Um das zu verhindern, können Eltern ihren Kindern immer wieder zeigen, dass sie nicht wegen ihrer Leistungen, sondern aufgrund ihrer Selbst geliebt werden.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für Betroffenen?

Menschen, die nicht so stark betroffen sind, können zu Selbsthilferatgebern greifen oder ein Coaching in Anspruch nehmen. Wer allerdings großen Leidensdruck hat, der bis zu Depressionen führt, sollte eine Psychotherapie machen. Bei allen Maßnahmen sollte der Fokus darauf gerichtet sein, dass ein verinnerlichtes Selbstwertgefühl aufgebaut wird, das unabhängig davon ist, wie einen andere bewerten und deren Urteil ausfällt. Wichtig ist zu lernen, dass man Denk- und Verhaltensweisen hat, die nicht stimmig und falsch sind und die es zu korrigieren gilt.

Tritt das Impostor-Phänomen heute häufiger auf?

Das Phänomen nimmt zu, weil unsere Gesellschaft stark am Erfolg orientiert ist. Die Menschen werden über das definiert, was sie leisten und welche Erfolge sie erbringen. Vielleicht hilft es Betroffenen, sich diesem Problem zu öffnen, wenn man eine Bezeichnung für die Diskrepanz von objektivem Erfolg und subjektivem Erleben von Inkompetenz hat. Und wenn sie sehen, dass es anderen erfolgreichen Menschen genauso geht. In meinem Buch beschreibe ich Fälle, wie den von Schauspielerin Jodie Foster. Sie dachte auch, dass sie eine Betrügerin und überhaupt nicht talentiert ist.

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