Trotz der hohen Facharbeiter-Gehälter wollen alle studieren

Keinen Bock auf Lehre: Der Region mangelt es an Azubis

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Die Betriebe in Hessen suchen händeringend nach Auszubildenden: Die meisten Jugendlichen wollen studieren.

Region Rhein-Main - Studieren geht über Probieren: Mehr als 27.000 Ausbildungsstellen sind für September in Hessen ausgeschrieben. Davon allein knapp 3400 in Frankfurt und fast 1800 in Offenbach. Doch bisher fehlen die Azubis. Von Janine Drusche

Über 27.000 noch freie Azubistellen gibt es derzeit für dieses Jahr in Hessen. „Das sind rund sieben Prozent mehr als 2015“, sagt Angela Köth, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Hessen. Mehr als 5000 Ausbildungsstellen sind in der Rhein-Main-Region noch nicht besetzt, denn der Trend geht immer mehr zum Studium.

Das Interesse der Jugendlichen, Berufe anzugehen, für die eine Ausbildung nötig ist, sinkt. Dual soll die Wunsch-Ausbildung sein, mit einem Auslandsaufenthalt verbunden. Betriebe, die solche „Incentives“, Anreize wie ein Geschäftswagen für die besten Auszubildenden, anbieten, finden leichter Bewerber. „Das Nachsehen haben die anderen Betriebe“, sagt Köth.

Facharbeiter verdienen gut

Und nicht nur das: „Viele Berufseinsteiger machen erst Abitur und studieren danach, weil sie hoffen, danach einen gesicherten Arbeitsplatz zu haben und mehr zu verdienen als nach einer Ausbildung“, sagt Brigitte Scheuerle, vom Bereich Aus- und Weiterbildung der IHK Frankfurt und Main-Taunus. „Die jungen Leute interessieren sich für Ausbildungen, bei denen sie etwas für ihre Zukunft erreichen können, womit sie den Lebenslauf aufwerten.“ Dabei beendeten lange nicht alle Studienanfänger ihr Studium und: „Ein guter Facharbeiter verdient in Frankfurt und Umgebung genau so viel wie ein Architekt oder Geisteswissenschaftler“, sagt Scheuerle: Rund 29.000 Euro jährlich.

Wie werde ich..? Büchsenmacher/-in

Für eine Ausbildung zum Büchsenmacher brauchen Lehrlinge wie Felix Kühnert nicht unbedingt einen Waffenschein. Foto: Candy Welz
Für eine Ausbildung zum Büchsenmacher brauchen Lehrlinge wie Felix Kühnert nicht unbedingt einen Waffenschein. Foto: Candy Welz © Candy Welz
Felix Kühnert macht eine Ausbildung zum Büchsenmacher. Beim Sport- und Jagdwaffenhersteller Merkel in Suhl lernt er, wie man Waffen baut und wartet. Foto: Candy Welz
Felix Kühnert macht eine Ausbildung zum Büchsenmacher. Beim Sport- und Jagdwaffenhersteller Merkel in Suhl lernt er, wie man Waffen baut und wartet. Foto: Candy Welz © Candy Welz
Vom Lauf, über das Schloss, bis hin zum Gewehrschaft stellen Büchsenmacher die Einzelteile einer Waffe in Handarbeit her, wie etwa diesen Abzugsmechanismus einer Kipplaufbüchse. Foto: Candy Welz
Vom Lauf, über das Schloss, bis hin zum Gewehrschaft stellen Büchsenmacher die Einzelteile einer Waffe in Handarbeit her, wie etwa diesen Abzugsmechanismus einer Kipplaufbüchse. Foto: Candy Welz © Candy Welz
Alles Handarbeit: Felix Kühnert justiert den Abzug einer Kipplaufbüchse. Foto: Candy Welz
Alles Handarbeit: Felix Kühnert justiert den Abzug einer Kipplaufbüchse. Foto: Candy Welz © Candy Welz
Ausbildungsleiter Daniel Koch (r) muss seinen Büchsenmacher-Lehrlingen absolut vertrauen können - schließlich haben sie täglich mit Munition und scharfen Waffen zu tun. Foto: Candy Welz
Ausbildungsleiter Daniel Koch (r) muss seinen Büchsenmacher-Lehrlingen absolut vertrauen können - schließlich haben sie täglich mit Munition und scharfen Waffen zu tun. Foto: Candy Welz © Candy Welz
Büchsenmacher wie Felix Kühnert sind Mechaniker, keine Revolverhelden. Foto: Candy Welz
Büchsenmacher wie Felix Kühnert sind Mechaniker, keine Revolverhelden. Foto: Candy Welz © Candy Welz

Auch brauche man im Taunus und in Frankfurt bei 85 Prozent der Arbeitsstellen eine Ausbildung – mit und ohne Studium. Am dringendsten werden Auszubildende in kaufmännischen Bereichen gesucht: Bankkaufleute führen die Hitliste an. In Frankfurt sind dafür noch 109 Ausbildungsplätze frei. Auch Büroangestellte, Informatiker, Hotelfachpersonal und Köche werden gebraucht. Für Logistiker und Chemikanten gibt es jeweils noch rund 40 unbesetzte Lehrstellen. Die Jahresgehälter der Angestellten in diesen Berufen als Ausgelernte liegen zwischen 21.500 und 26.000 Euro.

Offenbach fehlt es an allen Ecken und Enden an Azubis für Handel, Instandhaltung, Auto-Reparatur und fürs Gewerbe. Hier können Ausgelernte auf bis zu 29.000 Euro jährlich kommen. „Es gibt also keine schwierigen oder leichten Ausbildungen. Je nach Potenzial der Jugendlichen ist jede Ausbildung anspruchsvoll“, macht Regina Umbach-Rosenow, Sprecherin der Agentur für Arbeit Offenbach, Schulabgängern in der Region Mut, sich zu bewerben. Sie macht sich aber keine Sorgen, dass viele Lehrstellen ungenutzt bleiben: „Das Ausbildungsjahr endet im September, bis dahin wird noch Bewegung sein.“ Vielen sei nicht bewusst, dass mit einer Ausbildung eine gute Basis für das gesamte Berufsleben angelegt ist.

Wie werde ich...? Aufbereitungsmechaniker/in

Klemmt der Antriebsriemen der Brikettpresse, muss Martin Mischke schnell reagieren - und einen kühlen Kopf behalten.
Klemmt der Antriebsriemen der Brikettpresse, muss Martin Mischke schnell reagieren - und einen kühlen Kopf behalten. © Klaus-Dietmar Gabbert
Um an riesigen Maschinen wie der Brikettpresse zu hantieren, brauchen Aufbereitungsmechaniker Sorgfalt und Gelassenheit.
Um an riesigen Maschinen wie der Brikettpresse zu hantieren, brauchen Aufbereitungsmechaniker Sorgfalt und Gelassenheit. © Klaus-Dietmar Gabbert
Das Pressen erfordert viel Aufmerksamkeit und Genauigkeit: Druck, Temperatur, Qualität und Menge - alles muss stimmen.
Das Pressen erfordert viel Aufmerksamkeit und Genauigkeit: Druck, Temperatur, Qualität und Menge - alles muss stimmen. © Klaus-Dietmar Gabbert
So sieht das fertige Braunkohlebrikett am Ende aus: Das L im Brikett steht für Lausitz.
So sieht das fertige Braunkohlebrikett am Ende aus: Das L im Brikett steht für Lausitz. © Klaus-Dietmar Gabbert
Martin Mischke hat sich auf Braunkohle spezialisiert. Daneben gibt es die Fachbereiche Sand und Kies, feuerfeste und keramische Rohstoffe, Naturstein und Steinkohle.
Martin Mischke hat sich auf Braunkohle spezialisiert. Daneben gibt es die Fachbereiche Sand und Kies, feuerfeste und keramische Rohstoffe, Naturstein und Steinkohle. © Klaus-Dietmar Gabbert
Wer wie Martin Mischke Aufbereitungsmechaniker werden will, sollte gute Noten in den Naturwissenschaften haben. Ein Verständnis für Physik braucht es etwa, um die Briketts zu prüfen.
Wer wie Martin Mischke Aufbereitungsmechaniker werden will, sollte gute Noten in den Naturwissenschaften haben. Ein Verständnis für Physik braucht es etwa, um die Briketts zu prüfen. © Klaus-Dietmar Gabbert
Aufbereitungsmechaniker Martin Mischke hat in seinem Job mit riesigen Maschinen zu tun. An dem Förderband kommen die fertigen Braunkohlebriketts aus der Presse.
Aufbereitungsmechaniker Martin Mischke hat in seinem Job mit riesigen Maschinen zu tun. An dem Förderband kommen die fertigen Braunkohlebriketts aus der Presse. © Klaus-Dietmar Gabbert

Fachkräfte hätten zur Zeit beste Chancen. Die Aufstiegsmöglichkeiten seien praktisch unendlich. „Viele haben veraltete Vorstellungen: Die Berufsbilder haben sich gewandelt. Dass ein Kfz-Mechatroniker heute ebenso viel am Motor schraubt wie am PC arbeitet, ist noch nicht überall angekommen“, sagt Umbach-Rodenow und verrät: „Viele Betriebe präsentieren sich auch erst noch auf Ausbildungs-Messen wie der gOFfit, Anfang Juni, in der Stadthalle Offenbach, um sich Lehrlingen vorzustellen.“

Wie werde ich...? Holzmechaniker/in

Das Brett ist fertig: Der angehende Holzmechaniker Lukas Mühlenstädt lernt beim Küchenhersteller Poggenpohl in Herford. Foto: Ina Faßbender
Das Brett ist fertig: Der angehende Holzmechaniker Lukas Mühlenstädt lernt beim Küchenhersteller Poggenpohl in Herford. Foto: Ina Faßbender © Ina Faßbender
Nach der Ausbildung stehen dem angehenden Holzmechaniker Lukas Mühlenstädt viele Optionen offen. Er kann zum Beispiel den Meister machen oder Holztechnik studieren. Foto: Ina Faßbender
Nach der Ausbildung stehen dem angehenden Holzmechaniker Lukas Mühlenstädt viele Optionen offen. Er kann zum Beispiel den Meister machen oder Holztechnik studieren. Foto: Ina Faßbender © Ina Faßbender
Lukas Mühlenstädt lernt Holzmechaniker beim der Firma Poggenpohl in Herford. Er hat sich für die Fachrichtung entschieden, in der es um die Herstellung von Möbeln geht. Foto: Ina Faßbender
Lukas Mühlenstädt lernt Holzmechaniker beim der Firma Poggenpohl in Herford. Er hat sich für die Fachrichtung entschieden, in der es um die Herstellung von Möbeln geht. Foto: Ina Faßbender © Ina Faßbender
Wo die Späne fliegen: Lukas Mühlenstädt macht eine Ausbildung zum Holzmechaniker beim Küchenmöbelhersteller Poggenpohl in Herford. Foto: Ina Faßbender
Wo die Späne fliegen: Lukas Mühlenstädt macht eine Ausbildung zum Holzmechaniker beim Küchenmöbelhersteller Poggenpohl in Herford. Foto: Ina Faßbender © Ina Faßbender
Ganz schön kompliziert: Die Arbeit von Holzmechanikern beruht auf technischen Zeichnungen. Azubi Lukas Mühlenstädt (l) bespricht mit seinem Ausbilder Mathias Plassmann, was er gelernt hat. Mühlenstädt macht die dreijährige Ausbildung zum Holzmechaniker beim Küchenmöbelhersteller Poggenpohl in Herford. Foto: Ina Faßbender
Ganz schön kompliziert: Die Arbeit von Holzmechanikern beruht auf technischen Zeichnungen. Azubi Lukas Mühlenstädt (l) bespricht mit seinem Ausbilder Mathias Plassmann, was er gelernt hat. Mühlenstädt macht die dreijährige Ausbildung zum Holzmechaniker beim Küchenmöbelhersteller Poggenpohl in Herford. Foto: Ina Faßbender © Ina Faßbender
Teilweise sind die Aufgaben mit denen eines Tischlers identisch: Lukas Mühlenstädt fräst eine Vertiefung in ein Brett. Er absolviert eine dreijährige Ausbildung zum Holzmechaniker beim Küchenmöbelhersteller Poggenpohl in Herford. Foto: Ina Faßbender
Teilweise sind die Aufgaben mit denen eines Tischlers identisch: Lukas Mühlenstädt fräst eine Vertiefung in ein Brett. Er absolviert eine dreijährige Ausbildung zum Holzmechaniker beim Küchenmöbelhersteller Poggenpohl in Herford. Foto: Ina Faßbender © Ina Faßbender
Lack für die Oberfläche: Holzmechaniker-Azubi Lukas Mühlenstädt sprüht ein Küchenregal ein. Dann ist das Holz später widerstandsfähiger. Mühlenstädt lernt beim Küchenmöbelhersteller Poggenpohl in Herford in Nordrhein-Westfalen. Foto: Ina Faßbender
Lack für die Oberfläche: Holzmechaniker-Azubi Lukas Mühlenstädt sprüht ein Küchenregal ein. Dann ist das Holz später widerstandsfähiger. Mühlenstädt lernt beim Küchenmöbelhersteller Poggenpohl in Herford in Nordrhein-Westfalen. Foto: Ina Faßbender © Ina Faßbender
Ohne Sorgfalt geht es nicht. Ausbilder Mathias Plassmann (r) erklärt dem angehenden Holzmechaniker Lukas Mühlenstädt, worauf er achten muss. Mühlenstädt lernt beim Küchenmöbelhersteller Poggenpohl in Herford. Foto: Ina Faßbender
Ohne Sorgfalt geht es nicht. Ausbilder Mathias Plassmann (r) erklärt dem angehenden Holzmechaniker Lukas Mühlenstädt, worauf er achten muss. Mühlenstädt lernt beim Küchenmöbelhersteller Poggenpohl in Herford. Foto: Ina Faßbender © Ina Faßbender

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