Keine Wohnung: Paar lebt seit sechs Monaten im Hotel

Endstation Notunterkunft: Roger Barth und Lebensgefährtin Christina Memic leben seit Ende Oktober in diesem Hotelzimmer. Foto: kb

Christina Memic und Roger Barth sind verzweifelt. Das arbeitslose Paar findet keine Wohnung – und lebt deshalb seit Oktober in einem Hotel. Kein Einzelfall: Die Mainarbeit muss immer mehr Menschen in Notunterkünften unterbringen. Von Kristina Bräutigam

Offenbach – Zwei Einzelbetten stehen in dem engen Dachgeschosszimmer, neben dem Waschbecken brummt der Kühlschrank. „Ich hätte nie gedacht, dass wir mal so leben müssen“, sagt Christina Memic. Die 51-Jährige und ihr Lebensgefährte Roger Barth leben seit mehr als sechs Monaten in dem Hotel in der Nähe des Offenbacher Hauptbahnhofs, einer Notunterkunft, vermittelt von der Mainarbeit, dem kommunalen Jobcenter der Stadt Offenbach.

Zwölf Quadratmeter groß ist das Zimmer im vierten Stock, Toilette und eine Dusche teilen sie sich mit den anderen Bewohnern der Etage, eine Küche gibt es nicht. „Wir können nicht mal etwas kochen“, sagt Christina Memic. Auch Lebensgefährte Roger Barth ist mit dem Nerven am Ende. „Hier in der Straße ist es immer laut, ständig gibt es Schlägereien. Und dann noch diese Enge“. Das Paar wünscht sich nichts mehr, als wieder in den eigenen vier Wänden zu leben. Doch genau hier liegt das Problem. „Sobald wir erzählen, dass wir Arbeitslosengeld bekommen, ist Feierabend“, sagt Memic und zeigt eine Liste: 68 Wohnungen haben sie nach eigenen Angaben in den vergangenen Monaten angesehen. Ohne Erfolg. „Es ist schon schwer genug, überhaupt eine günstige Wohnung zu finden. Da kann sich der Vermieter natürlich die besten Mieter aussuchen. Und wir sind raus“, sagt die 51-Jährige. Die Arbeitslosigkeit ist nicht das einzige Problem: Das Paar hat Schulden, Roger Barth außerdem einen negativen Schufa-Eintrag. „Selbst die gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften haben uns deshalb abgelehnt. Was bleibt uns dann noch?“, sagt der 55-Jährige. Vieles sei schiefgelaufen, gibt er zu. Jobverlust, Zeitarbeitsverträge, irgendwann sind Rücken und Knie zu kaputt zum Arbeiten. Aus der Drei-Zimmer-Wohnung in Bürgel fliegt das Paar im September 2018 nach einem Streit um die Nebenkostenabrechnung. „Ja, wir wurden gekündigt. Aber keiner fragt, wie es dazu kam“, sagt Christina Memic, die mit ihrem Minijob an der Kasse eines Discounters zumindest ein paar Euro dazuverdient.

Das Paar ist kein Einzelfall: Wie die Mainarbeit mitteilt, waren 2018 durchschnittlich 479 Menschen durch die „Zentrale Vermittlung von Unterkünften des Evangelischen Vereins für Wohnraumhilfe“ (ZVU) in Gemeinschaftsunterkünften oder Hotels untergebracht, 2017 waren es 438, 2014 373. „Der angespannte Wohnungsmarkt in der Region schlägt sich natürlich auch bei dieser Gruppe der Wohnungssuchenden nieder. Die Suchzeiten werden länger. Dadurch steigen auch die Verbleibzeiten in Notunterkünften“, sagt Matthias Schulze-Böing, Geschäftsführer der Mainarbeit. Laut Statistik bleiben die meisten Betroffenen, knapp 41 Prozent, zwölf Monate und länger. Der Hauptgrund: Eine schwierige Miethistorie durch Schulden und Schufa-Einträge. „Das führt dazu, dass Vermieter, auch gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften, Mietverträge verweigern“, sagt der Mainarbeit-Chef. Hinzu komme, dass viele Betroffene sich bei der Wohnungssuche auf das Stadtgebiet beschränken und nicht im Umland gucken. Roger Barth erzählt, dass einige Mitbewohner auf der Etage seit drei Jahren in dem Hotel leben. „Das halten wir nicht aus“. Er wünscht sich mehr Unterstützung bei der Wohnungssuche durch die Mainarbeit. Einen Termin bei der Wohnraumberatung der Caritas, mehr sei nicht angeboten worden. Matthias Schulze-Böing betont, dass man helfe, wo es notwendig ist. Für besonders komplizierte Fälle, etwa größere Familien, habe man sogar ein eigenes Fallmanagement eingerichtet. Trotzdem: „Die Betroffenen müssen sich selbst intensiv bemühen, die Situation zu verbessern“, sagt der Mainarbeit-Chef. Die Erfahrung zeige: Bei entsprechender Eigenbemühung sei es durchaus möglich, in Offenbach oder der umliegenden Region eine angemessene Wohnung zu finden. Genau diese Eigenbemühung fehle jedoch oft. Roger Barth und seine Freundin sehen das anders. „Wir tun wirklich genug, um hier raus zu kommen. Alles, was wir brauchen, ist eine Chance.“

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