„Was mit diesen Kindern passiert, ist völlig ungeklärt“

Islamforscherin: Die Risiken von IS-Kinder in Deutschland

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Ein IS-Mitglied zeigt Kindern in Afghanistan den Umgang mit einer Pistole.

Region Rhein-Main - Anfang Februar wurde erstmals ein zweijähriger Junge von IS-Anhängern nach Deutschland geholt. Hunderte weitere könnten folgen. Die Frankfurter Islamforscherin Susanne Schröter äußert Bedenken – nicht zuletzt, weil die Terrormiliz selbst Kleinkinder schon zu Kämpfern ausbildet. Von Rebekka Farnbacher 

Frau Schröter, es ist ein Novum, dass vor einigen Wochen das Kind eines Frankfurter Salafisten und einer als Islamistin geltenden Mutter aus der Gefangenschaft im Irak nach Deutschland gebracht wurde. Wie viele Kinder deutscher Anhänger der Terrormiliz „Islamischer Staat“ halten sich in den Kampfgebieten beziehungsweise im Gefängnis derzeit auf?

Es sind mehr als 900 Dschihadisten aus Deutschland nach Syrien und in den Irak ausgereist, um sich dem IS anzuschließen. Darunter waren circa 20 Prozent Frauen. Diese Frauen sind entweder mit ihren Kindern ausgereist oder haben einen IS-Kämpfer geheiratet und mit ihm Kinder bekommen. Die Ideologie des IS hat Frauen die Verpflichtung auferlegt, möglichst viele Kinder für den Dschihad zu gebären. Daher ist es wahrscheinlich, dass sie mehr als ein Kind haben. Eine genaue Zahl gibt es allerdings nicht.

Der Junge wurde in Deutschland in die Obhut seines Großvaters genommen. Gab es bestimmte Voraussetzungen für die Verhandlung zwischen der Bundesregierung und der irakischen Regierung – etwa, dass der Großvater sich um das Kind kümmert?

Die irakische Regierung scheint bis jetzt nicht sonderlich interessiert daran, die Kinder oder ihre Mütter nach Deutschland zu überstellen. Wer diese Kinder in Deutschland betreut, dürfte bei den Verhandlungen mit der Bundesregierung nicht von Gewicht sein.

Wie schätzen Sie als Expertin die Bedingungen ein? Was braucht es, um diese Kinder in Deutschland zu integrieren?

Was mit den Kindern von IS-Mitgliedern nach ihrer Rückkehr geschieht, scheint mir völlig ungeklärt. Ein riesiges Problem wäre, wenn diese Kinder weiter in einem fanatisierten Umfeld leben würden – was allerdings zu befürchten ist. Viele von ihnen dürften entweder traumatisiert oder bereits radikalisiert sein, da der IS vor der Indoktrination von Kleinkindern nicht zurückgeschreckt ist.

Wie ist Ihrer Meinung nach mit den Traumata der Kinder umzugehen?

Ich halte eine psychologische Betreuung für Kinder von IS-Kämpfern auf jeden Fall für angeraten, weil sie – unabhängig davon, wie alt sie sind und wie stark sie ideologisiert sind – auch stark traumatisiert sind. Möglicherweise haben sie in den Kampfgebieten in Syrien, dem Irak oder anderswo extreme Gewalt in unmittelbarer Umgebung erlebt. Auch die Gefangennahme könnte sie traumatisiert haben.

Wenn Grenzschützer an Grenzen stoßen

Miganten aus Afrika im Schlafsaal eines Flüchtlingslagers bei Tripolis. Auf ihrem Weg nach Europa wurden sie auf dem Mittelmeer von der libyschen Küstenwache gestoppt und in das Lager gebracht. Foto: Simon Kremer/Archiv
Miganten aus Afrika im Schlafsaal eines Flüchtlingslagers bei Tripolis. Auf ihrem Weg nach Europa wurden sie auf dem Mittelmeer von der libyschen Küstenwache gestoppt und in das Lager gebracht. Foto: Simon Kremer/Archiv © Simon Kremer
Flüchtlingskinder in einem Auffanglager im libyschen Zawiyah, etwa 45 Kilometer von Tripolis. Foto: MINDS Global Spotlight/Mahmud Turkia/Archiv
Flüchtlingskinder in einem Auffanglager im libyschen Zawiyah, etwa 45 Kilometer von Tripolis. Foto: MINDS Global Spotlight/Mahmud Turkia/Archiv © Mahmud Turkia
Gerettete afrikanische Migranten schauen von einem Rettungsschiff der spanischen Hilfsorganisation Proactiva Open Arms auf das Mittelmeer. Foto: MINDS Global Spotlight/Santi Palacios/Archiv
Gerettete afrikanische Migranten schauen von einem Rettungsschiff der spanischen Hilfsorganisation Proactiva Open Arms auf das Mittelmeer. Foto: MINDS Global Spotlight/Santi Palacios/Archiv © Santi Palacios
Gerettet: Auf dem Mittelmeer vor Italien besteigen Migranten ein Schiff der Guardia di Finanza. Foto: Alessandro Di Meo/Archiv
Gerettet: Auf dem Mittelmeer vor Italien besteigen Migranten ein Schiff der Guardia di Finanza. Foto: Alessandro Di Meo/Archiv © Alessandro Di Meo
Eine Afghanin verlässt im Norden der griechischen Mittelmeerinsel Lesbos ein kaum seetüchtiges Schlauchboot. Foto: Socrates Baltagiannis/Archiv
Eine Afghanin verlässt im Norden der griechischen Mittelmeerinsel Lesbos ein kaum seetüchtiges Schlauchboot. Foto: Socrates Baltagiannis/Archiv © Socrates Baltagiannis
Ein überfülltes Schlauchboot mit Flüchtlingen erreicht die griechische Mittelmeerinsel Lesbos. Foto: Socrates Baltagiannis/Archiv
Ein überfülltes Schlauchboot mit Flüchtlingen erreicht die griechische Mittelmeerinsel Lesbos. Foto: Socrates Baltagiannis/Archiv © Socrates Baltagiannis

Denken Sie, dass von den Kindern eine Gefahr ausgeht?

Dass von älteren Kindern oder sehr jungen Jugendlichen eine Gefahr ausgehen kann, zeigen einige Beispiele aus dem Jahr 2016. Safia S. aus Hannover war 15, der gescheiterte junge Attentäter aus Ludwigshafen war zwölf und in der Gruppe, die den Anschlag in Essen durchführt hat, waren 16-jährige Täter. Der IS hat präpubertäre Jugendliche als Kindersoldaten ausgebildet und sogar Kleinkinder Gefangene erschießen lassen.

Inwiefern ist Deutschland – in Sachen Personal und Erfahrung – auf eine solche Herausforderung vorbereitet?

Deutschland ist auf dieses Problem nicht vorbereitet und dürfte auch kaum über entsprechende ausgebildete Fachkräfte verfügen. Die Mehrheit der Kinder ist allerdings noch sehr klein, sodass keine unmittelbare Gefahr von ihnen ausgeht. Grundsätzlich müssten politisch Verantwortliche darüber nachdenken, was man tun kann, um zu verhindern, dass Kinder in salafistisch-dschihadistischen Milieus in Deutschland radikalisiert werden.

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