Königsdisziplin der Medizin?

Immer weniger Studenten haben Lust auf Chirurgie - was das für die Patienten bedeutet

Immer weniger Studenten entscheiden sich dazu in die Chirurgie gehen - dieser Trend könnte sehr gefährlich werden.

In Deutschland wird immer öfter operiert, doch die Zahl der Chirurgen sinkt stetig. Spätestens in zwei Jahren werden das laut Experten auch die Kliniken und Praxen im Rhein-Main-Gebiet zu spüren bekommen.

Region Rhein-Main – Lange Zeit galt die Chirurgie als Königsdisziplin in der Medizin. Doch das ist offensichtlich vorbei. Denn immer weniger Studenten haben Lust auf dieses anspruchsvolle Teilgebiet der Medizin. Das Problem ist in Fachkreisen bekannt, doch die Krise soll sich bis zum Jahr 2020 massiv zuspitzen. Dann erreichen etwa 11.000 Chirurgen das Rentenalter. Das wären etwa die Hälfte aller niedergelassenen und fast jeder dritte stationär arbeitende Chirurg, wie der Berufsverband Deutscher Chirurgen mitteilt. Die Folge: Chirurgische Klinikabteilungen suchen verzweifelt Nachwuchs. Chirurgischen Praxen droht mit dem Ruhestand des Inhabers das Ende. Für Patienten bedeute dies längere Wartezeiten für einen Operationstermin.

Arbeitspensum und Strapazen für viele zu hoch

Dr. Christoph Schüürmann aus Bad Homburg ist Vorsitzender des Bundesverbandes Niedergelassener Chirurgen. Auch ihm treibt die Entwicklung Sorgenfalten auf die Stirn: „Spätestens wenn die Studenten mit dem Alltag des Chirurgen und dessen physischen und psychischen Belastungen konfrontiert werden, winken die meisten ab.“ Das bestätigt Jan Henniger vom hessischen Landesverband der Ärztegewerkschaft Marburger Bund: „Es sind immer weniger bereit, die Strapazen und das Arbeitspensum auf sich zu nehmen. Dass an manchen Kliniken Stellen für Chirurgen nicht besetzt werden können, ist in Teilen von Hessen schon jetzt Realität.“ Zwar sei man im Rhein-Main-Gebiet noch gut versorgt. Doch spätestens mit der Rentenwelle in zwei Jahren werde es auch dort zu Engpässen kommen und Stellen nicht besetzt. Kein Wunder sagt Schüürmann: „Mit ein Grund ist, dass die Bevölkerungszahlen in und um Frankfurt zunehmen. Doch die Zahlen für die Bedarfsplanung an den Kliniken stammen noch aus dem Jahr 1990.“ 

Operationen werden mehr, Chirurgen weniger

Seither haben die Operationszahlen jedoch massiv zugenommen: Im Jahr 2015 führten Chirurgen in Deutschland über 16 Millionen Eingriffe durch, das sind etwa 30 Prozent mehr Operationen als noch zehn Jahre zuvor. Dafür sinkt die Zahl der jungen Mediziner, die sich für das Fach Chirurgie entscheiden permanent. „Etwa 40 bis 60 Prozent aller Medizinstudenten visieren zu Beginn ihres Studiums eine chirurgische Laufbahn an“, sagt Dr. Benedikt Braun, Vertreter des Perspektivforums Junge Chirurgie der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. „Nach dem praktischen Jahr sinken diese Zahlen schnell auf erschreckende einstellige Werte.“ Vor allem immer weniger Männer wollen Spezialisten am Skalpell werden. Christoph Schüürmann kann sich das leicht erklären: „Es ist nicht die Chirurgie an sich, es sind die Arbeitsbedingungen. Eine 100-Stunden-Woche ist früher für einen Chirurgen normal gewesen. Dazu kommt ein ganzer Berg an Verwaltungsarbeit, der ebenfalls bewältigt werden muss. Das wollen viele junge Menschen einfach nicht mehr. Das Privatleben ist ihnen wichtiger als uns früher.“ Schüürmann fordert daher: „Verwaltungsarbeit muss wieder in die Verwaltung. Außerdem muss eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie möglich sein.“

Dirk Beutel

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