Schlechte Haltung, fehlendes Wissen: Imkervereine sehen Boom mit Sorge

Bienen-Profis warnen: Immer mehr Laien wollen imkern

Immer mehr Städter entdecken Imkern als trendiges Hobby. Die Vereine freuen sich über das Interesse, warnen jedoch vor mangelnder Sachkenntnis. Vor allem im Ballungsgebiet Rhein-Main kann das fatale Folgen haben.

Region Rhein-Main – Die 20 Bienenvölker von Hermann Grennerth stehen auf einem Gartengrundstück in Dreieich. Fast jeden Tag schaut der Hobby-Imker nach seinen Tieren. „Wer Bienen hält, hat viel Arbeit und viel Verantwortung“, sagt Grennerth, Zuchtwart im Bienenzuchtverein Dreieich. Als er vor zehn Jahren anfängt, hat der Verein 30 Mitglieder, heute sind es 100. Die Schnupperkurse: Alle ausgebucht. „Früher war Imkern ein Altmänner-Hobby, heute wollen auch Frauen und junge Menschen etwas für die Natur tun und den eigenen Honig herstellen“, sagt Hermann Grennerth. Auch beim Landesverband Hessischer Imker ist der Boom spürbar: Die Zahl der Imker ist in den vergangenen acht Jahren von 6400 auf 11.000 gestiegen, zuletzt kamen pro Jahr fast 1000 neue dazu.

Doch die Bienen-Begeisterung hat auch eine Schattenseite: Viele Nachwuchs-Imker schaffen sich Bienen an, ohne jegliche Sachkenntnis zu besitzen. Denn eine rechtliche Verpflichtung, eine Sachkundeprüfung abzulegen, gibt es nicht. „Wir stellen leider häufig fest, dass Leute sich eine Bienenkiste kaufen, im Internet irgendwelches Halbwissen anlesen und das war’s“, sagt Manfred Ritz, Vorsitzender des Landesverbandes. Auch Dieter Hanke, Imker und Bienensachverständiger beim Veterinäramt des Kreises Offenbach, sieht die Entwicklung mit Sorge. „Jede Tierhaltung erfordert Mindestanforderungen, egal ob ich mir ein Kaninchen oder Bienen anschaffe. Aber dieses Bewusstsein fehlt vielen Nachwuchs-Imkern völlig.“ So komme es immer wieder vor, dass Bienen einfach sich selbst überlassen werden, nicht oder nur ungenügend gegen Krankheiten, wie die Varroa-Milbe, behandelt werden. „Besonders in einem dicht besiedelten Gebiet wie Rhein-Main können sich Krankheiten so ausbreiten. Ein oder zwei einzelne Völker werden dann zur Bedrohung für alle umliegenden Völker“, warnt der Bienensachverständige. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Viele Laien melden ihre Bienenhaltung nicht wie vorgeschrieben beim zuständigen Veterinäramt an. „Im Seuchenfall wird die Bekämpfung extrem erschwert, weil man gar nicht weiß, wo die Völker stehen“, sagt Dieter Hanke. Wie wichtig es ist, dass jeder Imker seine Pflichten kennt, zeigt sich 2013 und 2015 in Frankfurt, als die Amerikanische Faulbrut festgestellt wird; eine durch Sporen übertragene bakterielle Erkrankung, die unerkannt zum sicheren Tod befallener Völker führt. In beiden Fällen erklärt das Ordnungsamt ganze Stadtteile zum Sperrbezirk. Alle Imker, die in diesem Bereich registriert sind, müssen sich melden, um ihre Völker untersuchen zu lassen.

Landesverbandschef Manfred Ritz betont, dass man sich über jeden Neu-Imker freue, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt. „Wer Bienen halten möchte, sollte beim örtlichen Imkerverein einen Grundkurs belegen und anschließend unser Fort- und Weiterbildungsangebot nutzen. Hauptsache, er lässt sich schulen.“

Ob echtes Interesse an der Imkerei besteht, zeige sich ohnehin recht schnell, sagt Manfred Ritz. „Spätestens, wenn sie das erste Mal vor ein paar tausend summenden Bienen stehen, werfen viele Neulinge das Handtuch.“ Von einem verpflichtenden Imkerschein hält Ritz allerdings nichts. „Wir wollen, dass diese Leute Kurse besuchen, dass sie eine Beute anfassen, die Gerätschaften kennenlernen und nicht einfach einen theoretischen Test machen. Damit bekommt man die schwarzen Schafe nicht weg.“ Susanne Stroh, Vorsitzende des Bienenzuchtvereins Dreieich, hat noch einen anderen Rat: „Nicht jeder, der etwas für Bienen tun will, muss Imker werden. Manchmal tut es auch ein Wildblumenbeet.“

Kristina Bräutigam

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