Sechs Jahre Belästigungen: Ein Stalking-Opfer berichtet

„Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt“

Sechs Jahre wird Lea von einem ihr Unbekannten online verfolgt und belästigt. Fotos: jo Alfred Huber vom Weißen Ring Offenbach hilft Stalking-Opfern.

Stalker belästigen und verfolgen krankhaft Menschen. Ihre Opfer sind verzweifelt und verängstigt. Aber selbst, wenn die Täter gefasst sind, leiden viele noch lange unter den Folgen. Im EXTRA TIPP spricht ein Opfer nun über den jahrelangen Psychoterror. Von Julia Oppenländer

Region Rhein-Main – „Am Anfang habe ich noch drüber gelacht, aber dann wurde es immer gruseliger.“ Nachdenklich schaut Lea, die ihren richtigen Namen nicht nennen will, in die Ferne, der Wind weht durch ihre langen braunen Haare. Sie sucht nach den richtigen Worten, die ihr Leben in den vergangenen sechs Jahren beschreiben. So lange war Lea Opfer eines Stalkers. „Alles fing damit an, dass ich bei Facebook perverse Nachrichten von einem Fake-Account bekam. Der Mann schickte mir obszöne Bilder und schrieb, dass er sich zu meinen Fotos einen runterholen würde und solche Sachen“, sagt sie. Zunächst ist er nur ein weiterer Onlinetroll, mit dem Lea sich als Frau auseinandersetzen muss. Plötzlich aber ruft der Unbekannte auch bei ihr auf der Arbeit an. „Er hat ins Telefon gestöhnt“, sagt die heute 28-Jährige. „Immer zur gleichen Zeit.“ So geht das über mehrere Monate. Nachverfolgen lassen sich die Anrufe nicht, die Nummer ist unterdrückt. Trotzdem speichert sich Lea immerhin die Facebook-Nachrichten ab. Das ist wichtig, bestätigt auch Felix Geis, Sprecher der Polizei Südosthessen. „Alle Stalking-Handlungen sollten nach Möglichkeit dokumentiert werden. Außerdem müssen Betroffene den Tätern klar machen, dass kein Kontakt gewünscht ist.“

Lea bringt ein Jobwechsel erst mal Ruhe. Aber dann geht es wieder los! Diesmal hinterlässt der Mann auf der Facebook-Seite ihrer neuen Firma Kommentare über sie. „Er schrieb, dass ich ein Luder bin“, sagt sie. Gleichzeitig schickt er Kollegen Nachrichten, in denen er schlecht über sie spricht. Dann starten auch wieder die Anrufe. Eine beängstigende Situation für die 28-Jährige: „Der Typ hat sich die Mühe gemacht, nach mir und meiner neuen Arbeit zu suchen. Das ist unheimlich!“ Lea fühlt sich nicht mehr sicher, fragt sich, was der Unbekannte noch alles von ihr weiß – oder ihr antun könnte. Der Weg von und zur Arbeit wird zum Albtraum, ihre Gedanken spielen verrückt, sie schläft schlecht. Psychisch ist sie längst am Ende und ihr Ruf im Job steht auf dem Spiel. Lea geht deshalb zur Polizei. „Als ich dem Beamten die Nachrichten zeigte, lachte er und meinte, dass das wohl ein Spinner wäre“, sagt sie. Trotzdem erstattet sie Anzeige gegen unbekannt. Polizeisprecher Felix Geis nimmt die Sache jedoch ernster als sein Kollege auf der Wache. Er stellt klar: „Wir raten in jedem Fall zur Erstattung einer Strafanzeige. Ein gewalttätiges Verhalten des Stalkers ist dabei keine Voraussetzung.“

Leas Schritt, Hilfe zu suchen, sei richtig gewesen, bestätigt auch Alfred Huber vom Weißen Ring in Offenbach. Er betreut seit Jahren Opfer von Stalking, die meisten sind Frauen. „Oft haben Betroffene Angst, sich mit ihrer Geschichte jemandem anzuvertrauen. Diese Angst muss erst überwunden werden. Dann können wir auch helfen.“ Ziel des Weißen Rings ist nicht die Bestrafung des Täters, sondern, dass dieser Ruhe gibt. „Betroffene müssen ihr gewohntes Leben zurückbekommen“, sagt Huber und auch Polizeisprecher Geis bestätigt: „Im Vordergrund steht stets der Schutz der Person, die gestalkt wird.“

In Leas Fall kann die Polizei aber nicht viel machen – zu wenig ist über die Person hinter den Fake-Profilen herauszufinden. Das Verfahren wegen Beleidigung wird irgendwann eingestellt. Aber sie erfährt bei der Polizei, dass viele Stalker aus dem Freundes- und Bekanntenkreis ihrer Opfer kommen. Für sie bricht eine Welt zusammen, sie hinterfragt alle Freundschaften. „Ich habe plötzlich jedem misstraut“, sagt sie verzweifelt. „Es macht dich verrückt, dass du einfach nicht weißt, wer dahinter steckt. Ich fühlte mich hilflos und habe mir oft selbst die Schuld an allem gegeben.“ Verzweifelt, verängstigt, panisch und nervlich oft am Ende – so beschreibt auch Alfred Huber den Zustand der meisten Stalking-Betroffenen. „Solche Menschen richten ihr Opfer förmlich zugrunde.“

Sechs Jahre lang dauert Leas Albtraum. Bis ihr Stalker plötzlich bei der Polizei auftaucht und gesteht. Was ihn dazu veranlasst hat, weiß bis heute keiner. Noch kurioser ist, dass sie den Mann gar nicht kennt. Sie war offensichtlich ein Zufallsopfer. Genau wie einige weitere Frauen, die von dem Mann belästigt wurden. Mit den Folgen des jahrelangen Psychoterrors hat die 28-Jährige aber weiter zu kämpfen. Noch immer zuckt sie zusammen, wenn eine unbekannte Nummer auf ihrem Handydisplay erscheint. Alfred Huber: „Solche Taten gehen an die Seele der Opfer – die psychischen Folgen dauern manchmal ein Leben lang.“

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