Maria Goetzens, Chefin der Straßenambulanz, zur Entwicklung der Obdachlosenszene

„Ich fürchte, der soziale Frieden könnte schwinden“

Maria Goetzens.

Psychische Erkrankungen bei obdachlosen Menschen nehmen offenbar zu. Ein Trend, der Maria Goetzens erschüttert. Seit 25 Jahren leitet sie die Elisabeth-Straßenambulanz der Frankfurter Caritas. Die Allgemeinmedizinerin befürchtet, dass das Elend auf der Straße zunehmen wird. Von Dirk Beutel

Frau Goetzens, in U-Bahn-Schächten oder unter Brücken versorgen Sie Wunden und führen Patientengespräche. Wird man nach 25 Jahren nicht müde?

Ich kann mir keine sinnvollere Arbeit und Herausforderung vorstellen, weil man es immer mit neuen Menschen und neuen Problemen zu tun hat. Diese Menschen haben Defizite, die uns auch als erstes begegnen, wie ein offenes Bein oder Alkoholsucht. Aber es gibt immer wieder positive Erfahrungen, etwa wenn Obdachlose es schaffen, zum Jobcenter zu gehen, eine medizinische Behandlung bis zum Ende durchzustehen, oder sich dem Sozialarbeiter zu öffnen.

Wie viele Menschen auf der Straße haben Sie vergangenes Jahr behandelt?

Man kann davon ausgehen, dass wir jeden Tag bis zu 35 Patienten versorgen. 2018 haben wir knapp 600 neue Patienten erfasst. Unsere Gesamtpatientenzahl wird voraussichtlich 1500 bis 1600 betragen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass ein Patient im Schnitt etwa zweimal bei uns zur Behandlung erscheint.

Inwieweit haben sich die körperlichen und seelischen Leiden der Obdachlosen verändert?

Zu unserem Konzept gehört die aufsuchende Arbeit mit dem Ambulanzbus. Hier sehen wir häufig schwer suchtkranke Menschen, die an den Folgen der Alkoholsucht verelenden, wenn sie nicht irgendwo eine Unterkunft oder andere Hilfe bekommen. Diese Entwicklung erschüttert uns. Wir haben vergangenes Jahr fünf Patienten verloren, die draußen gelebt haben und an den Folgen ihres Alkoholkonsums und den daraus resultierenden Begleiterkrankungen gestorben sind. Jeder zweite Patient, den wir behandeln, schläft draußen in einer Gartenhütte, auf einer Parkbank oder jetzt im Winter eventuell in Notübernachtungsstellen. Das sind Umstände, in denen sich selbst einfache Krankheiten dramatisch verschlechtern können. Die zweite Beobachtung, die wir seit Jahren machen ist, dass die Zahl der Menschen, die wohnungslos sind und eine psychische Erkrankung entwickeln, zunimmt.

Wie schätzen Sie die Situation der obdachlosen Frauen derzeit ein?

Wir kennen viele der Frauen auf der Straße sogar mit Namen. Von den Obdachlosen, die wir jeden Monat bei unseren abendlichen Rundfahrten besonders im Blick haben, sind etwa ein Drittel Frauen. Viele von ihnen sind bereits älter und psychiatrisch erkrankt. Manche dieser Frauen haben es zu Hause in der Wohnung nicht mehr ausgehalten. Im Umgang mit ihnen wie auch generell bleibt es herausfordernd bis problematisch, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, das tragfähig ist und diesen kranken Menschen ermöglicht, überhaupt etwas zuzulassen oder medizinische und pflegerische Hilfen anzunehmen.

Welche Rolle spielen Scham und Sprach-Barrieren bei Ihrer Arbeit?

Ja, viele kranke Wohnungslose haben Scham, zum Arzt zu gehen, oder sie haben mit dem medizinischen Regelsystem negative Erfahrungen gemacht. Der Aufbau einer Behandlungsbeziehung ist darum wesentlich in unserer Arbeit. Dabei hilft es, wenn ich mich selbst vorstelle und ein wirkliches Interesse an meinem Gegenüber habe. Wir wollen wissen und verstehen, wie ein augenblicklich verlauster, verdreckter und auf der Straße schlafender Mensch in diese Lage geraten ist. Das gelingt nur, wenn ich zunächst mal absichtslos auf diese Menschen zugehe und das Gespräch, die Begegnung suche. Bei manchen blitzt man dabei vielleicht direkt ab, andere lassen sich auf das Gespräch ein. Es ist Teil unserer Arbeit, es nicht bei einem Besuch auf der Straße zu belassen. Andererseits haben wir oft mit Sprachbarrieren zu kämpfen. Deshalb ist es gut, dass Mitarbeiter der Straßensozialarbeit mit uns unterwegs sind, die über verschiedene Sprachkompetenzen verfügen, so wie andere Kollegen in der Straßenambulanz. Gott sei Dank ist der Körper bei jedem Menschen gleich aufgebaut.

Mit welchen medizinischen Fällen werden Sie im Alltagsgeschäft konfrontiert?

Es sind Erkrankungen und Beschwerden vom Kopf bis zum Fuß, von der Haut bis zum Herzen, kurz alles, was mir auch in einer normalen Hausarztpraxis begegnen würde: Vom Schnupfen, Husten, Zuckerkrankheit, Bluthochdruck bis zum Knochenbruch ist alles dabei. Natürlich sehen wir auf der Straße überproportional häufiger verdreckte Wunden, die sich infizieren, Verlausungen und Krätze. Was wir sehen, sind vor allem dramatischere Verläufe: Aus einer einfachen Bronchitis kann sich bei einem Leben auf der Straße schnell eine lebensgefährliche Lungenentzündung entwickeln. Armut macht krank. Ärmere Menschen haben oft einen erschwerten oder keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, das spiegelt sich körperlich wieder: So haben viele unserer Patienten ein katastrophales Gebiss, weil sie lange nicht mehr beim Zahnarzt waren.

Welchen Einfluss hat der Kälteeinbruch auf solche körperlichen Beschwerden?

Temperaturen ab minus sechs Grad können lebensgefährlich werden. Menschen, die suchtkrank sind, bekommen es nicht mit, dass ein bestimmter Punkt überschritten ist, wenn sie bei diesen Temperaturen draußen sitzen oder alkoholisiert auf dem Boden liegen. Sie sind gefährdet, können plötzlich sterben oder werden erst zu spät unterkühlt oder tot aufgefunden. Ich bitte daher jeden, der einen Menschen in solch einer Situation sieht, die Kollegen vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten mit ihrem Kältebus, einen Rettungswagen oder die Polizei anzurufen.

Wie wird sich die Obdachlosen-Szene entwickeln?

Ich gehe nicht davon aus, dass es weniger Obdachlose und wohnungslose Menschen geben wird. Im Gegenteil, ich fürchte, dass der Anteil derer, die medizinisch unversorgt bleiben, noch ansteigen wird. Aber ich will gar nicht nur schwarz malen. Wenn die Probleme dieser Menschen, der Zusammenhang von Armut und Gesundheit, mehr Eingang in die Lehre, etwa in der Medizin finden und von der Politik aufgegriffen würde, sehe ich Chancen für gemeinsam erarbeitete Lösungen, dass niemand unversorgt bleibt. Ansonsten fürchte ich, dass der soziale Frieden schwindet und das Gefälle zwischen arm und reich, zwischen gesund und krank immer größer wird.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare