Lehrerin Ann-Kristin Angermüller über Vierbeiner im Unterricht und was sie bewirken

„Hunde können die Schüler ganz anders erreichen“

Im Unterricht läuft ein Hund durchs Klassenzimmer – an der Ernst-Reuter-Schule in Dietzenbach ist das längst ganz normal. Lehrerin Ann- Kristin Angermüller spricht im EXTRA TIPP über den positiven Effekte eines Schulhundes. Von Julia Oppenländer

Essen und Kaugummis sind im Unterricht verboten – warum aber gibt es an immer mehr Schulen Hunde, Frau Angermüller?

Alle Menschen, die mit Tieren zu tun haben, merken eigentlich, wie gut ihnen dieser Umgang tut. Vor allem in der Förderpädagogik oder an Grundschulen kommen deshalb schon länger Hunde zum Einsatz. Aber auch andere Schulen können davon profitieren. Die Kinder nehmen die positiven Effekte eines Hundes nämlich noch viel besser wahr als wir Erwachsenen. Geht es ihnen zum Beispiel nicht gut, tröstet Cooper sie allein durch seine Anwesenheit. Sie können ihn streicheln und finden so eine kurze, aber positive Ablenkung. Den gleichen Effekt haben auch Bürohunde.

Welche Vorbereitungen mussten Sie treffen, damit Cooper überhaupt an die Ernst-Reuter-Schule kommen durfte?

Das hat ziemlich lange gedauert. Zunächst gab es eine Testphase mit meiner alten Hündin. Diese verlief sehr positiv. Dann wurden die Eltern informiert, außerdem bin ich durch alle Gremien durch und habe das Projekt vorgestellt. Als dann ein Schulhund genehmigt wurde, mussten wir natürlich noch einen Hygieneplan erstellen. Und vom Schulamt brauchte die Ernst-Reuter-Schule noch eine Genehmigung, dass sich Cooper überhaupt auf dem Gelände aufhalten darf. Ich selbst musste meine Sachkunde im Umgang mit Hunden nachweisen. Und jetzt, wo Cooper langsam alt genug ist, unterstützt uns zusätzlich eine Hundetrainerin. Damit er eben auch solche Sachen lernt, von denen zum Beispiel Schüler profitieren, die Probleme im Unterricht haben.

Warum ist ein Schulhund wie Cooper manchmal der bessere Lehrer?

Hunde können die Schüler ganz anders erreichen. Die Kinder haben für Cooper zum Beispiel viel mehr Empathie als für mich. Wenn ich sage: „Ich habe Tinnitus“, dann sind sie nicht leise. Wenn ich aber sage: „Der Hund ist da“, sind sie leise, weil sie wissen, dass er empfindliche Ohren hat. Wenn ich sage, dass sie den Klassenraum aufräumen müssen, passiert gar nichts. Wenn ich aber erzähle, dass der Hund kommt und sie aufräumen sollen, wird jeder Schnipsel vom Boden aufgehoben. Die Schüler nehmen von dem Hund sehr viel, dafür kriegt der Hund Respekt und Empathie zurück.

Gab es von Seiten der Eltern Bedenken gegenüber einem Hund?

Von den Eltern kamen und kommen natürlich Bedenken, vor allem bezüglich Allergien und Angst. Aber gerade Allergie ist eigentlich nie ein Thema. Hunde sind bei weitem nicht so allergen, wie man oft denkt. Allergien gegenüber Katzen und Pferden sind sehr viel häufiger verbreitet. Angst ist allerdings ein größeres Problem, dass wir sehr ernst nehmen. Es gibt Schüler, die keinen Kontakt zu Cooper möchten und das wird natürlich respektiert. In Klassen, in denen Schüler Angst vor Hunden haben, komme ich mit Cooper natürlich nicht. Oder aber ich führe diese Schüler dann sehr langsam an den Hund heran. Ein Schulhund ist dadurch auch eine Chance, die eigene Angst vor Hunden abzubauen.

Wenn Sie in einer Klasse unterrichten, in denen Kinder Angst haben – wo bleibt Cooper in der Zeit?

Meistens ist er dann im Büro des Schulleiters, hier fühlt er sich wohl. Ab und zu nehme ich ihn aber auch mit in eine solche Klasse. Dafür habe ich eine extra Box, in die Cooper rein kann. Mittlerweile sind wir in einer Klasse sogar so weit, dass diese Box offen sein darf, Cooper aber daran angeleint ist. Wenn ein Schüler, der Angst hat, jetzt findet, dass ihm der Hund zu nahe kommt, schickt er ihn zurück in die Box. So macht man kleine Fortschritte.

Außer in den normalen Unterricht nehmen Sie Cooper auch mit in eine AG. Was ist der Unterschied?

Im Unterricht ist er mit dabei, läuft rum, die Atmosphäre ist angenehm und entspannt. Aber er hat erst mal keine Aufgabe. In der AG habe ich eine kleine Gruppe von Schülern, die mir auch bei seiner Ausbildung hilft. Die Kinder lernen im Theorieteil etwas über Anatomie und Verhalten von Hunden. In der Praxis machen sie mit dem Schulhund Übungen oder bringen ihm Tricks bei. Ab und zu haben wir auch Gäste, wie einen Tierarzt oder jemandem vom Tierheim, die uns etwas über Hunde erzählen.

Kann eine Schule aber überhaupt eine geeignete Umgebung für einen Hund sein?

Auf jeden Fall! Cooper ist hier ja groß geworden. Mit acht Wochen war er zum ersten Mal hier. Deshalb sind die vielen Menschen und der damit verbundene Trubel für ihn völlig normal. Für Hunde, die das nicht gewohnt sind, ist das aber natürlich keine geeignete Umgebung. Unser Schulhund aber mag das hier gerne. Er ist vermutlich der einzige, der Montagmorgen gerne herkommt. Die Schüler wollen ausschlafen, aber Cooper will in seine Schule und seine Kinder sehen. Er findet Menschen einfach toll.

Könnten Sie sich an der Ernst-Reuter-Schule noch weitere Schulhunde vorstellen?

Für eine Schule dieser Größe würde ein zweiter oder sogar dritter Hund auf jeden Fall passen. Dann aber stellt sich natürlich die Frage nach ausreichend Platz. Häufig fehlen, wie es auch bei uns der Fall wäre, Möglichkeiten, die Tiere unterzubringen. Außerdem muss es Kollegen geben, die sich überhaupt einen Hund zulegen, ihn ausbilden und versorgen wollen. Cooper kann ich ja nicht verleihen, da eine enge Bindung zwischen Tier und Halter da sein muss. Das ist wichtig, damit ich sehe, wenn es ihm nicht gut geht. Die ganzen Stimmungen, die er von den Schülern aufnimmt, beschäftigen einen Hund natürlich auch. Deshalb kann er nicht in jede Schulstunde mitkommen, sondern braucht auch viele Pausen. Mit seinen empfindlichen Ohren und seiner Nase hat er natürlich extrem viele Eindrücke, die er verarbeiten muss.

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