Kriminalpsychologin Lydia Benecke erklärt, wie die Betrüger ticken

Wenn Hellseher bei der Suche nach Vermissten helfen wollen

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Eine angebliche Seherin empfängt eine Vision. 

Region Rhein-Main – Wenn ein Mensch verschwindet, sind Angehörige zu allem bereit. Hellseher wissen das und bieten der Polizei oft Hilfe an. Während Kriminalpsychologin Lydia Benecke vor Scharlatanen warnt, gehen Ermittler in Rhein-Main auch Hinweisen aus dem Jenseits nach. Von Christian Reinartz

Wenn der Blick von Tränen getrübt ist, sind Angehörige oft bereit, unkonventionelle Wege zu gehen, um Vermisste wiederzufinden, etwa Hinweisen aus dem Jenseits zu vertrauen. Eine Erkenntnis, die sich Hellseher zu Nutze machen. Weil sie die Namen der betroffenen Familien nicht kennen, bieten sie ihre Dienste meist direkt der Polizei an. Der Sprecher des Polizeipräsidiums Südosthessen, Rudi Neu, bestätigt: „Wenn Personen vermisst werden, melden sich immer wieder Hellseher bei uns, wollen helfen oder geben sogar Hinweise, was angeblich mit der verschwunden Person passiert sein soll.“ Auch die Frankfurter Polizei hat bei Mordermittlungen schon Hinweise solcher Seher erhalten, bestätigt Sprecherin Annegret Kaus.

Ob die Tippgeber ihr Wissen tatsächlich auf übernatürlichem Weg erhalten haben, interessiere die Polizei erst mal nicht, sagt Neu. „Wenn es ein ausreichend konkreter Hinweis ist, dann suchen wir da. Zumindest, wenn der Aufwand stemmbar ist.“

Mysteriös: Rudi Neu erinnert sich an einen spektakulären Fall im Bereich Offenbach, in dem ein Hellseher tatsächlich fast richtig gelegen haben soll. „Vor etwa fünf Jahren meldete sich jemand aus dem Ruhrgebiet, der in einer Vision gesehen haben wollte, dass die Überreste einer vor 25 Jahren verschwundenen Person in einem bestimmten Waldstück vergraben sind.“ Zuvor habe die Familie Kontakt zu dem Seher aufgenommen. „Wir hatten also Hinweise, die auf ein bestimmtes Gebiet hindeuteten. Und diese deckten sich komischerweise genau mit unseren Ermittlungen“, sagt Neu, der selbst nicht an Übernatürliches glaubt. „Als wir dort suchten, haben wir aber nichts gefunden. Die Person ist bis heute vermisst.“

Für Kriminalpsychologin Lydia Benecke sind Hellseher ein Ärgernis. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit der Materie, hat Betrüger entlarvt und ist Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftliche Untersuchung von Parawissenschaften mit Sitz in Roßdorf. „Es gibt bisher nicht einen einzigen dokumentierten Fall, in dem ein Hellseher seine Befähigung beweisen konnte“, sagt Benecke. „Mögliche Treffer basieren quasi immer auf logischem Menschenverstand und einer ausführlichen Recherche von Kartenmaterial der Gegend“, sagt die Psychologin. 

Verschwinde etwa ein junger Mann auf dem Weg von der Disco nach Hause, liege die Vermutung nahe, dass er einen Unfall hatte. „Jetzt nehmen sich diese vermeintlichen Hellseher Google Maps vor“, sagt Benecke. Vor allem Flussläufe seien bedeutend. Erklärten dann auch noch die Angehörigen im Gespräch, dass der Gesuchte gerne mal einen über den Durst getrunken habe, sei es sehr wahrscheinlich, dass der Hellseher irgendetwas von Wasser oder einem Fluss orakeln werde. „Die Möglichkeit, dass der Verschwundene betrunken in den Fluss gefallen ist, ist einfach am wahrscheinlichsten. Trifft das dann tatsächlich zu, sind diese Betrüger die großen Helden“, sagt Benecke. „Dabei haben sie nur das getan, was jeder tun könnte. Nämlich das wahrscheinlichste Szenario beschrieben. Und darin sind diese Leute leider oft sehr gut.“

Hellseher: Was hinter dem Phänomen steckt

Menschen, die behaupten, Hellseher zu sein, lassen sich aus psychologischer Sicht in zwei Typen einteilen. Die Betrüger und die, die wirklich daran glauben. „Die Betrüger wollen Geld und Anerkennung und versuchen mit allen Mitteln in Kontakt mit den Familien zu treten. Das gibt ihnen ein Gefühl der Wichtigkeit und der Macht über andere.“ 

Denen, die an ihre Fähigkeiten glauben, kann man, laut Benecke, zumindest nicht unterstellen, schaden zu wollen. „Aber auch ihnen geht es darum, im Mittelpunkt zu stehen und einen wichtigen Beitrag zu leisten.“ Beide Typen wiesen oft histrionische (übermäßiges Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Lob) und narzisstische (krankhafte Liebe zur eigenen Person) Persönlichkeitszüge auf.

Die Bundesregierung ist wegen der Flüchtlingskrise nicht zurückgetreten und Angela Merkel hat nicht auf eine weitere Kanzlerkandidatur verzichtet: Kritikern zufolge haben Hellseher und Astrologen 2016 mit ihren Vorhersagen praktisch immer falsch gelegen.

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