Haustierexperte Martin Kramer über den Kampf gegen Qualzuchten und falsche Tierliebe

„Hund und Katze darf ich nicht ohne Fleisch ernähren“

Prof. Dr. Martin Kramer F.: DVG/nh

Um einem Schönheitsideal zu entsprechen, werden bestimmte Hunde- und Katzenrassen gezüchtet. Doch für die Tiere wird das Leben dadurch zur Qual. Martin Kramer ist Leiter der Klinik für Kleintierchirurgie und Dekan des Fachbereichs Veterinärmedizin an der Universität Gießen. Von Dirk Beutel

Er erklärt, warum ein Umdenken bei Züchtern nicht in Sicht ist und wann Tierliebe schädlich wird.

Herr Kramer, der Direktor des Instituts für Tierpathologie an der Freien Universität Berlin, Achim Gruber, fordert einen besseren Schutz für Haustiere, da diese mittlerweile unter Beschwerden leiden, die die Folge extremer Züchtung sind. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Veterinärmediziner haben mit diesem Problem immer häufiger zu tun. Wir haben von der Bundestierärztekammer extra eine Arbeitsgemeinschaft, die sich speziell mit Qualzuchten auseinandersetzt – auch auf dem Gebiet der Haustiere, da vor allem bei Hunden, Katzen und Vögeln. Zunächst wurden die sogenannten kurzköpfigen Tiere, also etwa die Perserkatze, die französische Bulldogge oder der Mops in den Fokus genommen. Durch Zurückzüchtung des Gesichtsschädels mit wenig Nase und großen Augen entsteht ein sogenanntes Kindchenschema mit negativen Folgen für das Tier. Dadurch können pathologische Veränderungen der oberen Atemwege entstehen und viele der betroffenen Hunde und Katzen bekommen nur sehr schwer Luft. Dazu kommt das Phänomen der Vermenschlichung. Also, dass diese Tiere als besonders süß wahrgenommen werden. Selbstverständlich sind das tolle Tiere, vom Charakter her ist der Mops meist ein toller Familienhund. Trotzdem bekommt jeder Tierbesitzer mit, wenn das Tier ein Atemgeräusch von sich gibt. Jeden Menschen, der ein hörbares Geräusch bei jedem Atemzug macht, würde man zum Arzt schicken, aber beim Tier sagt man, dass es für diese spezielle Rasse ganz normal sei. Was natürlich Unsinn ist.

Martin Kramer ist Leiter der Klinik für Kleintierchirurgie und Dekan des Fachbereichs Veterinärmedizin an der Universität Gießen.

Was kann man als Tierbesitzer da tun?

Wenn der Züchter solche Tiere mit Atemgeräuschen nicht verkaufen könnte, würde er sie nicht so züchten. Dass es solche Qualzuchten gibt, liegt vor allem an den Wünschen sowie am Kaufverhalten der Menschen. Nur deshalb gibt es Nacktkatzen, die überhaupt keine Haare mehr haben, nicht mal mehr ihre Sinneshaare an der Schnauze. Bei Haubentauben ist etwa die Schädeldecke nicht intakt. Und es gibt viel mehr abstruse Dinge, die Tieren angetan werden. Es wird vornehmlich nach dem Aussehen entschieden und da liegt der größte Fehler. Wenn man sich kein teures Auto leisten kann, dann ein besonderes Tier. Man setzt sich vor dem Kauf eines Tieres zu wenig bis gar nicht damit auseinander, welches Tier oder welche Rasse zu mir und meinen Lebensumständen passt. Bei dieser Frage kann ein Tierarzt mit Rat und Tat zur Seite stehen, nicht aber ausschließlich der Züchter, der seine Tiere verkaufen möchte und schon gar nicht die vermeintlichen Spezialisten im Internet.

Wie können Veterinäre gegen Qualzuchten gegensteuern?

Wenn man in Deutschland mit Verboten käme, würde man Qualzuchten trotzdem aus den europäischen Nachbarländern bekommen. Das ist aus meiner Sicht keine Lösung. Richtig wäre: Stelle ich bei einem Tier zum Beispiel ein Atemgeräusch fest, sollte für mich klar sein, dass ich so ein Tier nicht haben möchte. Der Tierarzt ist aufgefordert, die Tierbesitzer zu sensibilisieren, ein möglichst gesundes Tier zu kaufen, das zu den Lebensumständen passt. Dabei sollte der Tierarzt als Experte den zukünftigen Hunde- oder Katzenhalter beraten und dieser sich beraten lassen. Ein Tier nimmt heute in Mitteleuropa eine ganz andere Aufgabe wahr, als vor 30 Jahren. Wir nehmen Tiere als Freund, Gesellschafter und sogar als therapeutische Maßnahme, weil Tiere einen positiven Einfluss auf uns Menschen haben.

Welche Züge kann diese neue Rolle des Haustiers noch annehmen?

Immer mehr Menschen leben aus eigener Entscheidung heraus alleine. Da spielt das Tier eine extrem wichtige Rolle. Das heißt, entweder führt das dazu, dass die Tiere sehr gut versorgt werden, damit sie lange gesund bleiben und ein entsprechendes Alter erreichen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch in der Werbung berühmte Menschen, die beispielsweise einen Mini-Chihuahua haben, der vielleicht ein Kilo auf die Waage bringt, und diesen als Modeaccessoire verwenden. Wenn ein Hund so ein geringes Gewicht hat, kann man sich denken, dass dies zahlreiche Erkrankungen nach sich ziehen kann. Den kann man nur noch durch die Gegend tragen. Das ist im Grunde kein Hund mehr.

Aber auch in den ländlichen Gebieten gibt es Qualzuchten. Wie sieht das bei Nutztieren aus?

Hier wird meist ein kommerzielles Interesse verfolgt. Beispielhaft hierfür steht die Kuh. Immer mehr Tiere werden auf eine immer höhere Milchleistung gezüchtet. Wobei man es dabei schon kaum mehr schafft, den Tieren genug Futter zu geben, für soviel Milch, die sie geben sollen. Diese Tiere müssen zudem permanent Kälber bekommen. Das alles ist nicht gesund für das Muttertier und nicht im tierärztlichen Sinne. Der Hintergrund bei Nutztieren ist ein anderer: Wenn wir es verstehen würden, dass ein Bauer genügend Geld für seine Arbeit und seine Produkte bekommen muss und wir dadurch eben nicht mehr nur Sonderangebote einkaufen würden, dann wäre das Problem gelöst.

Tierliebe geht durch den Magen. Allerdings gibt es dort immer seltsamere Produkte wie etwa veganes Tierfutter für Hunde.

Für mich als Hochschuldozent gibt es ein klares Statement dazu: Jeder Mensch kann selbst entscheiden, wie er sich ernähren möchte. Der Hund und die Katze sind allerdings Fleischfresser. Und beide darf ich nicht ohne Fleisch ernähren. Das geht einfach nicht und ist tierschutzrelevant. Wenn ich ein Tier vegan ernähren möchte, sollte man sich ein Schaf, eine Ziege oder ein Meerschweinchen anschaffen. Das ist eine typische exzessive Denkweise des modernen Mitteleuropäers, in der ich meinem Haustier meine Lebensphilosophie aufdränge.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare