Experten warnen

Sommer sorgt für Futternot: Eichhörnchen droht der Hungertod

Dieses Hörnchen wog anfangs nur 63 Gramm. Es starb.

Der Super-Sommer ist vorbei. Doch für die Wildtiere in der Region sind die Folgen dramatisch: Nach monatelanger Hitze und Trockenheit finden sie kaum Nahrung. Besonders schlimm steht es um die Eichhörnchen.

Region Rhein-Main – Zitternd liegt das Eichhörnchen-Baby auf dem Baumwolltuch. An Kopf und Bauch klaffen kahle Stellen, der Rest des Fells ist struppig, der kleine Körper ausgemergelt. Seit drei Wochen kämpft Tanja Schäfer von der Wildtierhilfe in Dreieich um das Leben des Findelkindes. Ob es durchkommt, ist ungewiss. „Ich habe nicht viel Hoffnung“, sagt die ehrenamtliche Tierretterin.

Das Eichhörnchen-Baby ist kein Einzelfall: Noch nie hat Tanja Schäfer so viele geschwächte, unterernährte Eichhörnchen aufnehmen müssen, wie in den vergangenen Wochen. Auch in der Eichhörnchen-Auffangstation von Yvonne Schneider in Schmitten-Oberreifenberg gab es in diesem Jahr deutlich mehr Notfälle. Schuld ist der heiße Sommer. „Die Haselnüsse sind durch die monatelange Hitze viel zu früh gereift, auf den Boden gefallen und verfault. Wenn man zehn Bucheckern öffnet, findet man vielleicht einen Samen“, sagt Tanja Schäfer. Die Folge: Die Eichhörnchen drohen zu verhungern.

Dieses Eichhörnchen ist mittlerweile gestorben.

Besonders tragisch: Viele haben zur Zeit Junge, die sie mitversorgen müssen. Weil die Muttertiere aber selbst nicht genug zu fressen finden, lassen sie ihren Wurf zurück, um selbst zu überleben. Wird ein Junges gefunden, ist es oft zu spät. „Die meisten Jungtiere wiegen weniger als die Hälfte des Normalgewichts. Meist sind die Organe so schwer geschädigt, dass sie trotz Infusionstherapie sterben“, sagt Tanja Schäfer.

In den nächsten Monaten wird sich die Lage noch zuspitzen. Denn spätestens Ende September beginnen die Eichhörnchen, ihre Wintervorräte zu sammeln. Ein Kraftakt für die ohnehin schon geschwächten Tiere. Besonders fatal: Dass fast alle der verbuddelten Nüsse und Bucheckern verkümmert sind, sehen die Hörnchen dann erst beim Öffnen. „Spätestens dann werden viele verhungern“, befürchtet die Wildtierexpertin.

Tanja Schäfer

Und es gibt noch weitere Sorgenkinder. Denn auch anderen Wildtieren wie Gartenschläfern, Fledermäusen und Igeln haben Hitze und Trockenheit schwer zugesetzt. Bei der Wildtierhilfe in Dreieich melden sich täglich Anrufer, die einen unterernährten, toten Igel im Garten gefunden haben. „ Es ist ein schlimmes Jahr für die Wildtierhilfe“, sagt Tanja Schäfer, die in diesem Jahr schon 900 Tiere aufgenommen hat. Auch der Naturschutzbund Hessen ist besorgt. Vor allem Arten, die auf kleine Stillgewässer angewiesen sind, hätten gelitten, sagt Mark Harthun, stellvertretender Landesgeschäftsführer. „Bei der Gelbbauchunke und der Kreuzkröte gab es quasi keine Vermehrung, weil ihre Laichgewässer ausgetrocknet sind.“ Schwerwiegend werde das Problem aber erst, wenn es weiterhin heiße, trockene Sommer gibt. „Wenn der nächste Sommer wieder nass wird, können die Tiere die Verluste kompensieren“, sagt Harthun.

Für die Eichhörnchen sieht es laut Wildtier-Expertin Tanja Schäfer weniger gut aus. „Es ist sicher, dass sich der Bestand dramatisch reduzieren wird. Nur ein Drittel wird den Winter überleben.“ Umso wichtiger sei es, dass die Menschen den Eichhörnchen helfen. Eine Schale mit Wasser im Garten oder auf dem Balkon, dazu ein paar Sonnenblumenkerne, getrockneter Mais, Hasel- oder Walnüsse aufzustellen, würde schon reichen, sagt Tierretterin Yvonne Schneider. Und zwar nicht nur im Winter, wie viele glauben. „Dieser Sommer war nur der Anfang. Spätestens jetzt dürfte klar sein, dass Wildtiere ganzjährig unsere Hilfe brauchen.“

Kristina Bräutigam

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