Massive Hitze bedroht jetzt alle Baumarten in Rhein-Main

Förster schlagen Alarm: Bald Steppe statt Wälder

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Ronny Kolb, Leiter des Forstamts Dieburg, steht am Rest einer von Borkenkäfern zerfressenen Fichte. Viele weitere Bäume teilen das Schicksal, wie im Hintergrund zu sehen ist.

In Rhein-Mains Wäldern herrscht Alarmstufe Rot! Schädlinge, Pilze und Hitze machen den Bäumen zu schaffen. Die Schäden sind riesig. Und die Probleme werden die nächsten Jahre sogar noch größer.

Region Rhein-Main – Die Rinde ist schwarz, blättert an einigen Stellen ab. Es sieht aus, als hätte der Stamm gebrannt. Aber statt gegen Feuer, kämpft der Baum an der Waldfreizeitanlage in Rodgau-Weiskirchen vergeblich gegen die sogenannte Rußrindenkrankheit. Ein Pilz, der vor allem Ahorne befällt und tötet. Seine Sporen können auch den Menschen gefährlich werden: Sie verursachen Atemwegsprobleme, Reizhusten, aber auch Fieber, Atemnot und Schüttelfrost. Infizierte Bäume mussten deshalb unter speziellen Schutzmaßnahmen gefällt und entsorgt werden – nicht nur in Weiskirchen. Auch im Schlosspark Offenbach-Rumpenheim fielen dieses Jahr schon rund hundert Ahorne der Krankheit zum Opfer. Ähnlich sieht es in Dreieich aus. Hier ging es in den vergangenen Monaten ebenfalls mehr als 100 Buchen, Kiefern und Ahorn-Bäumen mit der Motorsäge an den Kragen. Auch sie waren mit Pilzen und Schädlingen befallen.

Die Förster in Rhein-Main laufen aktuell mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn durch die Wälder. „Wir spüren gerade massiv die Folgen des extrem heißen Jahrhundertsommers letztes Jahr“, sagt Ronny Kolb, Leiter des Forstamts Dieburg. „Die Bäume leiden unter Stress und haben deswegen kaum Widerstandskräfte, die latent vorhandenen Fraßfeinde abzuwehren. Sie sind ihnen hoffnungslos ausgeliefert.“ Das bestätigt auch Hubertus Behler-Sander, stellvertretender Amtsleiter des Forstamts Königstein. „Ich bin rund 30 Jahre im Dienst, aber so eine Katastrophe wie jetzt habe ich noch nie erlebt!“

Die Rußrindenkrankheit an einem Ahorn in Weiskirchen.

Ronny Kolb macht sich vor allem um die Buchen Sorgen. Zum einen sterben durch Trockenheit die oberen Äste und Blätter in den Kronen ab. Zum anderen bekommen viele von ihnen jetzt Sonnenbrand. „Scheint die Sonne lange auf die dunkle Rinde der Buchen, werden die wasserführenden Schichten gekocht. Die Rinde platzt auf und ist hier angreifbar für Pilze“, sagt Kolb. Fast immer trocknen die Bäume in der Folge aus, sterben ab und verlieren so ihre Halt. „Wenn die Bäume in der Nähe von Straßen stehen und umfallen, wird’s auch gefährlich für den Verkehr.“

Obwohl Kiefern eigentlich sehr trockenresistent sind, haben auch sie massiv Probleme. Ihr größter Feind: Der Diplodia-Pilz. „Wir haben ein Triebsterben in teilweise bedrohlichem Ausmaß“, sagt Dieter Hanke vom Forstamt Langen. „Der Pilz findet auf den gestressten Bäumen jetzt einen idealen Nährboden“, bestätigt Ronny Kolb. Zu erkennen sind befallene Kiefern an den braunen Nadeln an den Triebspitzen. „Außerdem zersetzt der Pilz die Wurzeln. Der Baum hat dann keine Standfestigkeit mehr und wird ebenfalls zur Gefahr.“

Angespannt ist die Lage auch im Taunus. Hier kämpfen die Förster vor allem gegen Borkenkäfer. „Durch den milden Winter haben viele überlebt und beschädigen jetzt unsere Fichten“, sagt Hubertus Behler-Sander. Sein Dieburger Kollege Ronny Kolb bestätigt: „Ein Käfer, der sich früher eingebohrt hat, wurde mit Harz abgewehrt – das fällt wegen mangelnder Abwehrkräfte der Bäume jetzt weg.“

Und die Zukunft sieht laut Experten nicht besser aus. „Die Probleme werden sich potenzieren in den nächsten Jahren. Noch ein Sommer wie 2018 und vielleicht sogar 2020 ein weiterer trockener, dann haben wir das Problem, dass der Wald auf weiter Front absterben wird“, sagt Kolb. „Jetzt sind nämlich auch Baumarten betroffen, auf die wir eigentlich mit Blick auf den Klimawandel gesetzt hatten.“ „Wenn es so weitergeht, haben wir zukünftig Steppe statt Wald“, sagt auch sein Kollege Dieter Hanke. Im Taunus ist man nur minimal optimistischer. Behler-Sander: „Wegen der Höhenlagen sehen wir bei uns in den nächsten Jahren nicht so große Probleme – schlimmer wird’s aufgrund der Hitzeentwicklung aber in niederen Regionen des Rhein-Main-Gebiets.“

Von Julia Oppenländer

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