Enkelin aufgenommen: Aber Ämter lassen Oma im Stich

Karin Mathes vor den Behördenschreiben der vergangenen Monate. „Ich fühle mich von den Behörden im Stich gelassen“, sagt die Rentnerin. Foto: kb

Karin Mathes ist verzweifelt. Nachdem ihre Tochter an Krebs erkrankt ist, nimmt die Rentnerin ihre Enkelin zu sich. Eine Lösung zum Wohl des Kindes. Doch statt die 68-Jährige zu unterstützen, machen die Behörden ihr das Leben schwer. Von Kristina Bräutigam

Offenbach – Karin Mathes sitzt an ihrem Küchentisch, vor ihr ein Stapel Behördenschreiben. „Nie hätte ich gedacht, dass Ämter so eiskalt sein können“, sagt die 68-jährige Offenbacherin. Die Sorgen beginnen im Mai 2017. Tochter Rosana, die in Walldorf bei Heidelberg lebt, bekommt die Diagnose Krebs, muss täglich sechs Stunden zur Chemotherapie in die Uniklinik. Damit Tochter Mariella trotzdem gut versorgt ist, nimmt Karin Mathes ihre 13-jährige Enkelin Ende Januar bei sich auf. „Es ist das Beste für Mariella. Sie hat früher schon mit ihrer Familie in Offenbach gelebt und fühlt sich hier wohl“, erzählt die Rentnerin.

Doch kurz nach dem Einzug der Enkelin beginnt der Behördenärger – und die Sorge ums Geld. So kürzt das Sozialamt der Stadt Offenbach die Grundsicherung der Rentnerin, weil Mariellas Anteil abgezogen wird. Statt 420 Euro monatlich bekommt Karin Mathes mittlerweile nur noch 136 Euro Grundsicherung. Doch der Miet- und Heizkostenanteil der 13-Jährigen wurde bis heute nie überwiesen – weil sich das Sozialamt Rhein-Neckar-Kreise und das Sozialamt Offenbachgegenseitig die Verantwortung zuschieben. Karin Mathes ist verzweifelt: „Ich habe nur 750 Euro Rente. Von der Grundsicherung muss ich 535 Euro Miete und 84 Euro für die Heizung zahlen. Nach der Kürzung reicht das hinten und vorne nicht.“

Helfen könnte das Pflegegeld. Das steht Großeltern zu, die ihre Enkel dauerhaft bei sich aufnehmen und von den Behörden als geeignet für die Erziehung der Enkel eingeschätzt werden. Doch trotz mehrfacher Nachfrage hat das Jugendamt Rhein-Neckar nie einen Cent überwiesen. Auf Nachfrage des EXTRA TIPP heißt es lediglich, das Jugendamt habe ordnungsgemäß die Prüfung eines Bedarfs vorgenommen. Ob und wann die Großmutter mit dem Geld rechnen kann, bleibt unklar. Anfang des Monats dann der nächste Ärger: Obwohl die Familienkasse Hessen Karin Mathes im Mai dieses Jahres schriftlich mitteilt, dass das Kindergeld in Höhe von 194 Euro „für den Zeitraum von Mai 2018 bis einschließlich September 2022 festgesetzt wird“, wird die Zahlung plötzlich eingestellt. Die Begründung: Der Abgleich der Daten mit denen der Meldebehörde in Offenbach habe ergeben, dass Mariella nicht mehr bei ihrer Großmutter im Haushalt lebe. „Mariella ist hier auf der Schule angemeldet. Das ist pure Willkür und Schikane“, sagt Karin Mathes.

Um Mariellas Rechte durchzusetzen, hat die 68-Jährige beim Amtgericht Beratungshilfe beantragt. Doch diese wird abgelehnt. Es sei Karin Mathes zuzumuten, die Angelegenheit selbst zu regeln, heißt es in dem Schreiben. Außerdem sei „davon auszugehen, dass sich Ihre Tochter um die Leistungen für Ihre Enkelin bemühen muss“. Für die Rentnerin ist das unfassbar: „Meine Tochter kämpft um ihr Leben. Statt uns zu unterstützen, muss sie sich seit Monaten für Unterschriften zu irgendwelchen Ämtern schleppen. Das ist herzlos.“ Mittlerweile ist die Großmutter mit den Nerven am Ende: Nur noch 19 Euro bleiben ihr in diesem Monat zum Leben, Lebensmittel muss sie deshalb bei der Tafel holen. Am meisten belastet die Rentnerin, dass ihre Enkelin unter dem Behörden-Hickhack leiden muss. „Das Kind kann nicht mal mit Freundinnen in die Stadt und sich etwas kaufen. Das bricht mir das Herz“, sagt die 68-Jährige unter Tränen. Hinzu komme, dass sie ihre schwer kranke Tochter nicht besuchen kann, weil das Zugticket zu teuer ist. Warum die Behörden ihr ständig Steine in den Weg legen, kann die Rentnerin nicht verstehen. „Ich tue alles, damit es meiner Enkelin gut geht. Warum behandelt man uns so.“

Am Donnerstag gibt es immerhin einen Hoffnungsschimmer: Die Familienkasse Hessen teilt dem EXTRA TIPP mit, dass das Kindergeld Ende Oktober weitergezahlt wird, die Unstimmigkeiten seien geklärt. Auch das Sozialamt der Stadt Offenbach meldet sich plötzlich: Obwohl das Sozialamt Rhein-Neckar für die Zahlung der Hilfen zuständig sei, werde man helfen, „die Sache jetzt schnell zu regeln.“

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