Alkohol-Studie: DAK-Sprecher Claus Uebel erklärt, wie Kinder zu Komasäufern werden

„Eltern müssen sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein“

DAK-Sprecher Claus Uebel Foto: DAK/nh

Trinken die Eltern, greifen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch deren Kinder zur Flasche. Zwar hat sich die Zahl der jugendlichen Komasäufer in Hessen leicht reduziert, doch laut einer Langzeitstudie landen bundesweit immer öfter Jüngere als Alkoholleiche im Krankenhaus. Von Dirk Beutel

Claus Uebel verrät die wichtigsten Erkenntnisse über die von der Krankenkasse DAK beauftragten Studie.

Herr Uebel, welche Erkenntnis hat die Langzeitstudie der DAK gebracht, die das Trinkverhalten bei jungen Menschen verfolgt hat?

Der Alkoholkonsum bei Kindern und Jugendlichen wird stark durch ihre Eltern beeinflusst. Der Konsum der Eltern hat deutliche Auswirkungen auf das spätere Rauschtrinken ihrer Kinder. Wenn Eltern täglich Alkohol trinken, ist das Risiko für Rauschtrinken bei Kindern drei Mal so hoch im Vergleich zu Kindern von Eltern, die keinen Alkohol trinken.

Was genau bedeutet Rauschtrinken bei Jugendlichen?

Unter Rauschtrinken versteht man den Konsum von sechs oder mehr alkoholischen Getränken bei mindestens einer Trinkgelegenheit pro Monat. Dies gilt für Jugendliche, aber auch für Erwachsene.

Inwiefern kann der Alkoholkonsum der Eltern Einfluss auf deren Kinder haben?

Laut unserer Studie gehen zwei Drittel der befragten Eltern davon aus, dass sie beim Alkoholkonsum Vorbild sein müssen. Tatsächlich zeigen nach unserer Untersuchung 32 Prozent der Eltern selbst ein riskantes Trinkverhalten. Bei knapp einem Viertel der Eltern kommt es mindestens einmal im Monat zum Rauschtrinken und dieses Verhalten schauen sich die Kinder irgendwann ab.

Gilt das auch schon für das Bier am Wochenende?

Nein. Es kommt sehr auf das tägliche Verhalten der Eltern und die konsumierte Menge an alkoholischen Getränken an.

Wie werden Jugendliche in der Regel zu Komasäufern?

Für Kinder und Jugendliche ist Alkohol häufig zu Hause oder im Freundeskreis sehr leicht zugänglich. Nach einer repräsentativen Elternbefragung hatten bundesweit 20 Prozent der Jungen und Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren bereits einen Alkoholrausch.

Gibt es Zahlen aus dem Rhein-Main-Gebiet, die eine steigende Tendenz von Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen belegen könnten?

Bundesweit mussten im Jahr 2017 erneut rund 22.000 Kinder und Jugendliche mit der Diagnose akuter Rausch stationär im Krankenhaus behandelt werden. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor. In Hessen waren es mit 1272 rund acht Prozent weniger als im Vorjahr 2016. Aber zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es landesweit nur 641 Betroffene. Im Regierungsbezirk Darmstadt mussten 718 Kinder und Jugendliche stationär behandelt werden.

Wie groß sind die Unterschiede bei Komasäufern zwischen Jungs und Mädchen?

In der Regel sind Jungen häufiger betroffen als Mädchen. In Hessen waren es im Jahr 2017 740 Jungen und 532 Mädchen im Alter zwischen zehn und 19 Jahren. Bundesweit gab es in der Altersgruppe der Zehn- bis 15-Jährigen, also den Jüngeren, einen Anstieg um fünf Prozent auf 2764 Kinder.

Wie können Sie sich erklären, dass ausgerechnet bei den Jüngeren die Zahl der Komasäufer steigt?

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Stress in der Schule und Familie, Gruppenzwang in einer Clique und ein übermäßiger Medienkonsum mit Schlafmangel können Gründe sein. In der Bundesstatistik wurde bei den Jüngeren der Spitzenwert im Jahr 2008 mit 4512 erreicht. In den vergangenen Jahren gingen die Zahlen zurück und steigen seit 2016 jetzt wieder leicht an. Aber auch hier gilt die Vorbildfunktion der Eltern.

Jeder Jugendliche wird irgendwann mit Alkohol konfrontiert. Welche Form der Prävention sollten Eltern beherzigen?

Eltern müssen sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein und daher ihr eigenes Verhalten ständig überprüfen. Es geht nicht darum, Alkohol generell zu verbieten, sondern den Umgang damit dem Nachwuchs zu erklären. Verbote lösen das Problem nicht. Der erste Alkoholkonsum sollte also soweit wie möglich verzögert werden. Dies hat laut unserer Studie einen positiven Effekt und die Trink-raten im jungen Erwachsenenalter sind dann nicht so hoch.

Welche Risiken können sich nach einer Alkoholvergiftung für Jugendliche im Nachhinein ergeben?

Der Konsum von Alkohol ist ein bedeutender und vor allem auch vermeidbarer Risikofaktor für eine Reihe von Erkrankungen. Alkoholkonsum begünstigt beispielsweise die Entstehung von Erkrankungen der Leber, des Herz-Kreislauf-Systems sowie Krebserkrankungen. Alkohol wirkt auf junge Menschen schneller, stärker und länger als auf Erwachsene.

Sind Jugendliche, die mit Alkoholvergiftung im Krankenhaus landen, nicht schon „kuriert“?

Nein. Es gab schon Fälle, da wurden Jugendliche mehrfach an einem Tag völlig betrunken ins Krankenhaus eingeliefert. Viele Jugendliche überschätzen sich und glauben Alkohol gehört zum Feiern und Spaß haben dazu.

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