Fehlende Statistik

Drama verschleiert: Zahl der Obdachlosen in Rhein-Main steigt

Ein Obdachloser liegt auf seinem Nachtlager aus Kartons.
+
Ein Obdachloser liegt auf seinem Nachtlager aus Kartons.

Region Rhein-Main – Die Obdachlosen-Zahl in Rhein-Main steigt. Doch so richtig wahrhaben wollen das Wohlfahrtsverbände und Stadtverwaltung offenbar nicht. Eine einheitliche Statistik fehlt. Im EXTRA TIPP sprechen der Obdachlose Klaus Müller-Groß und Kapuzinerbruder Michael Wies jetzt Klartext. Von Anna Scholze und Christian Reinartz

„Es sind da draußen mehr geworden“, sagt Klaus Müller-Groß. Der 65-Jährige ist seit 20 Jahren obdachlos, ist abwechselnd in Frankfurt und Offenbach unterwegs, kennt die Obdachlosenszene genau. „Zwar wird es zum Winter hin immer etwas voller, aber diesmal sind es spürbar mehr.“ Vor allem an den üblichen Obdachlosen-Schlafplätzen, etwa an der Frankfurter Stadtbibliothek sei das zu bemerken.

Lesen Sie auch:

Hauptwache bietet Obdachlosen Schutz vor Kälte

Bruder Michael, Leiter des Franziskustreffs im Kapuzinerkloster Liebfrauen in der Nähe der Hauptwache, hat einen ähnlichen Eindruck. Jeden morgen servieren er und sein Team Obdachlosen für eine symbolischen Obulus Frühstück. „Ich sehe hier auf der Zeil und in unserer Einrichtung Menschen, die ich bisher noch nicht gesehen habe, und eigentlich kenne ich die meisten“, sagt der Ordensmann. Seine Einschätzung: „Die Not und der Druck auf die Menschen wird immer größer, vor allem, weil die Situation auf dem Wohnungsmarkt immer schwieriger wird.“ In der Praxis heißt das: Obdachlose werden in Einrichtungen untergebracht. Betreuer arbeiten dort mit ihnen. Haben sie sie dann soweit, dass sie wieder in ein geregeltes Leben zurückwollen, finden sie kein bezahlbare Wohnung. „Sie hängen also in den Massenunterkünften fest und blockieren einen Platz, den andere nutzen könnten.“

Doch woher stammt die steigende Zahl der Obachlosen? Für Bruder Michael ist klar: Wir haben hier viele Leute aus Südosteuropa, die mit der Hoffnung auf Arbeit hergekommen sind und jetzt merken, dass es nicht einfach ist, sich mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen. Aber auch die Zahl der klassischen, einheimische Obdachlosen steige – zumindest gefühlt.

Und genau da liegt für den Kapuziner das Problem: „Es gibt keine belastbaren Zahlen, weil keine offizielle Statistik erhoben wird. Es ist, als ob die Verantwortlichen es lieber gar nicht so genau wissen wollten.“ Denn wenn etwa eine bundeseinheitliche Statistik zeigen würde, dass beispielsweise in Frankfurt eine sehr hohe Zahl Obdachlose unterwegs ist, müsste die Stadtverwaltung handeln, was wiederum Geld kosten würde.

Selbst Wohlfahrtsverbände trauen sich nicht an Problem heran

Selbst so mancher Wohlfahrtsverband traut sich in der Öffentlichkeit nicht an das Obdachlosen-Problem heran und begründet das mit fehlenden Zahlen. Michael Wies kennt das schon: „Der eine Verband will es sich nicht mit der Sozialdezernentin verscherzen, der andere hat Angst, bei der nächsten Ausschreibung sein Altenheim zu verlieren.“ Und die Stadt habe erst gar kein Interesse daran, dass das Problem in den Fokus rücke.

Im Frankfurter Sozialdezernat heißt es gar, dass die Zahlen gesunken seien. „Die Mitarbeiter des Frankfurter Vereins haben während ihrer Fahrt mit dem Kältebus am vergangenen Mittwoch 189 Personen gezählt“, sagt Sprecherin Manuela Skotnik. In der gleichen Nacht im Jahr 2016 seien es hingegen 225 Obdachlosen gewesen. Die Auswertungen des Vereins zeichnen bei genauerer Betrachtung jedoch ein anderes Bild. Während in der Saison 2012/2013 insgesamt 893 Wohnsitzlose auf der Straße gesichtet wurden, waren es 2016/2017 bereits 1149 Menschen. Auch Thomas Quiring vom Diakonischen Werk in Offenbach geht von insgesamt steigenden Zahlen aus. „Ich habe den Eindruck, dass es immer mehr Obdachlose gibt“, sagt Quiring. Auch, wenn das bisher nicht für seine Einrichtung gelte. Widersprüche für die Bruder Michael eine Erklärung hat: „Das ist eine echte Vernebelungstaktik. Aber man muss es aussprechen. Wir haben ein zunehmendes Obdachlosen-Problem, ohne, dass dafür eine Lösung in Sicht ist.“

Lesen Sie dazu auch den EXTRA TIPP-Kommentar: „Menschliches Armutszeugnis“

Fotos: Babenhausener lebt weiter auf dem Friedhof

Andreas Kissel lebt seit Mai auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Zum Waschen nutzt er die Besucher-Toilette.
Andreas Kissel lebt seit Mai auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Zum Waschen nutzt er die Besucher-Toilette. © Kristina Bräutigam
Andreas Kissel lebt seit Mai auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Zum Waschen nutzt er die Besucher-Toilette.
Andreas Kissel lebt seit Mai auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Zum Waschen nutzt er die Besucher-Toilette. © Kristina Bräutigam
Andreas Kissel lebt seit Mai auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Zum Waschen nutzt er die Besucher-Toilette.
Andreas Kissel lebt seit Mai auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Zum Waschen nutzt er die Besucher-Toilette. © Kristina Bräutigam
Andreas Kissel lebt seit Mai auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Zum Waschen nutzt er die Besucher-Toilette.
Andreas Kissel lebt seit Mai auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Zum Waschen nutzt er die Besucher-Toilette. © Kristina Bräutigam
Andreas Kissel lebt seit Mai auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Zum Waschen nutzt er die Besucher-Toilette.
Andreas Kissel lebt seit Mai auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Zum Waschen nutzt er die Besucher-Toilette. © Kristina Bräutigam
Andreas Kissel lebt seit Mai auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Zum Waschen nutzt er die Besucher-Toilette.
Andreas Kissel lebt seit Mai auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Zum Waschen nutzt er die Besucher-Toilette. © Kristina Bräutigam
Andreas Kissel lebt seit Mai auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Zum Waschen nutzt er die Besucher-Toilette.
Andreas Kissel lebt seit Mai auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Zum Waschen nutzt er die Besucher-Toilette. © Kristina Bräutigam

Keine Neuigkeiten und Gewinnspiele mehr verpassen? Dann einfach EXTRA TIPP-Fan auf Facebook werden!

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare