Von flerschemerisch über frankfodderisch bis orwisch

Horschemol! Rhein-Main ist das Mundart-Mekka

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Der Dialekt gehört zur Region wie das Gerippte zum Stöffche: Beim Urberacher Jahrgangstreffen 1935/36 in Rödermark ist Orwischer Platt die Amtssprache.

Region Rhein-Main – Hessen hingehört! So schön und vielseitig klingt die Rhein-Main-Region. Denn obwohl sich das Neuhessische immer mehr durchsetzt, so leicht lassen sich die lokalen Dialekte nicht verdrängen. Da ist einer so schön wie der andere. Oder? Von Dirk Beutel

Manchmal wenn Bernd Dreher mit dem Fahrrad unterwegs ist und jemanden auf einer der Main-Brücken sitzen sieht, hält er an und fragt: „Saache sie mool, wisse sie, was ein Maamauerbaabambeler iss?“ Fast immer erntet der gebürtige Frankfurter aus dem Gallus darauf hin nur ungläubige Blicke und Achselzucken. Das passiert ihm auch, wenn er vom Schawellche, besser bekannt als Fußschemel, spricht. Oder vom Quetscheladwersche, also vom Pflaumenmuss. „Das ist halt Frankfodderisch. So wird hier gesproche, und ab und zu spreche ich vor allem junge Leute an und erkläre denen das.“ So bemüht sich Dreher auf seine Art den Frankfurter Dialekt zu erhalten.

„Der Dialekt ist Identität, so klingt meine Heimat und das ist wunderschön. Da geht das Herz uff.“ Denn ganz gleich um welchen Dialekt es sich handelt, er bedeutet im Grunde immer: Solidarität, Identität, aber auch Abgrenzung gegenüber anderen, sagt der Dialektforscher Heinrich J. Dingeldein und frühere Leiter der Arbeitsstelle Sprache in Hessen an der Philipps-Universität Marburg. „Noch in den Achtzigerjahren sollen Frankfurter Börsenmitarbeiter es fein gefunden haben,, wenn sie etwa in Düsseldorf Dialekt sprechen. Damit wollten sie klar machen, wo das wirkliche Geld gemacht wird. In Frankfurt zurück, haben sie den Dialekt peinlichst vermieden, denn dort waren sie wieder Weltbürger.“

Jeder noch so kleine Ort hat seine Sprache

Rainer Weisbecker ist bekannter Liedermacher und Mundartdichter. Er lebt in Hanau, ist aber in Frankfurt aufgewachsen und kennt die gesamte Region wie seine Westentasche: „Der Dialekt atmet die Seele einer Region. Und obwohl ich mit Dialekt erzogen wurde, habe ich sogar einen Universitätsabschluss“, sagt er lachend und gibt eine keine Kostprobe: „De Obbermaschores von de Katzuff von Beermokum, des is vielleicht en Massik. Der hat letzt beim Achele in Zischebaddem so en Zores gemacht, dess en die Schmier ins Meschuggebajes gebracht hat.“ (Auflösung siehe am Ende des Artikels). Weisbecker: „Leider wird Dialekt aber fast nur noch in den ländlicheren Orten gesprochen.“

Und wie! Schaut man in den Kreis Offenbach, hat sogar jeder noch so kleine Ort seine eigene Sprache. Dass Elfriede Lotz-Frank aus Urberach stammt, hört man beim Jahrgangstreffen 1935/36 sofort. Ihr rollender Orwischer Dialekt ist unverwechselbar. „Die Ober-Rodener sagen immer, die rollen das R als bekämen sie es bezahlt. Aber so spricht man eben hier. Im Nachbarort schon wieder ganz anders.“ Völlig egal ob Dietzenbach, Eppertshausen oder Messel: „Selbst wenn die Orte nur einen Kilometer voneinander entfernt liegen, wie Ober-Roden und Urberach. Den Unterschied hört man. Die Sprache ist anders, und die Mentalität.“ Aber jeder liebt und lebt seinen Dialekt. Christian Weiland aus Nieder-Roden bestätigt: „Das Orwische ist sowieso sehr bekannt, wegen der Hauptfluglinie Orwisch, Frankfurt, New York“, sagt Weiland lächelnd, der selbst aus Nieder-Roden stammt und schickt hinterher: „Aber dafür laafe in Giesem die Leit schie.“ („Dafür laufen in Jügesheim die Leute schön“).

Dialekt hat einfach Charme und kommt von Herzen

Ähnlich, aber doch wieder ganz anders klingt es in Groß-Zimmern. Dort hat Heimatforscher Manfred Göbel ein Zimmerner Wörterbuch herausgebracht. „Dialekt hat Charme, klingt herzlicher und emotionaler. Außerdem kann er manche Situationen treffender ausrücken als das Hochdeutsche“, sagt Göbel. Sein Lieblingswort lautet: „Sackroawenoacht. Sack, Rabe und Nacht in einem – dunkler geht’s nicht.“ In Flörsheim hat Hans Jakob Gall ebenfalls ein Flerschemer Werrderbuch herausgebracht: „Das war vor Weihnachten ein echter Bestseller“, sagt er stolz.

Aber: „Wenn der Dialekt nicht mehr gesprochen wird, keiner mehr babbelt, dann stirbt er aus.“ Das sieht Heinrich Dingeldein genauso. „Die lokalen Dialekte wird es bald nicht mehr geben. Auch wenn sie alle noch schön klingen. Allerdings sehe ich eine Chance für die Zukunft, nicht als Besinnung auf das Alte, sondern als Ausdruck neuen lokalen Selbstbewusstseins.

Rainer Weisbeckers Ausspruch auf Hochdeutsch: „Der Chef (hier: der Innungsmeistern) der Metzger von Frankfurt am Main, das ist vielleicht ein grobschlächtiger Mann. Der hat vor kurzem beim Essen in Sachsenhausen so einen Ärger verursacht, daß ihn die Polizei in die Psychiatrie gebracht hat.“

Kein Scherz: Grundschüler sollen nach Gehör schreiben

„En Bembel voll Musik“ in Rödelheimer Kelterei 

Bei der Kelterei Possmann wird’s musikalisch.
Bei der Kelterei Possmann wird’s musikalisch. © Privat

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