Schönheits-Operationen: Offenbacher Chefarzt über Trends, Druck und Scharlatane

„In Deutschland werden Eingriffe gerne verschwiegen“

Professor Dr. Henrik Menke

Ob Facelifting, Brustvergrößerung oder Fettabsaugung: Das Geschäft mit Schönheitsoperationen boomt. Von Dirk Beutel

Welche Trends besonders beliebt sind und welche Folgen eine neue Offenheit haben kann, verrät Professor Henrik Menke, Vorsitzender des Landesverbandes der Plastischen Chirurgen in Hessen.

Herr Menke, welche Eingriffe sind derzeit bei Männer und Frauen besonders beliebt?

Bei den Frauen haben wir den Bereich der Gesichtsverjüngung zum Beispiel mit Fillermethoden. Das heißt, ich gebe von außen mehr Volumen zu, etwa mit Hyaluronsäure, oder es werden mit Botox Korrekturen vorgenommen, zum Beispiel bei Mimikfalten. Auch die Liposuktion zur Korrektur von auffallend störenden Fettpölsterchen ist bei Frauen beliebt. An vorderer Stelle rangieren auch Lid- und Brustkorrekturen.

Und die Herren? Die sind bei ästhetischen Eingriffen ja nicht mehr so zurückhaltend.

Das stimmt, aber sie sind deutlich geringer vertreten als die Frauen. Auch da gibt es die Nachfrage der Liposuktion, vor allem am Bauch. Zunehmend sehe ich aber Männer, die auch nach Botox fragen, um Falten auf diese Art zu vermindern.

Stichwort: Generation Selfie. Welchen Anteil am Wunsch nach Schönheit haben Netzwerk-Phänomene, wo nur das makellose Foto zählt, um Aufmerksamkeit zu erregen?

Das ist schwierig. Ich glaube, man kann nicht den sozialen Netzwerken die Schuld geben. Ich glaube, der kritischere Umgang des Einzelnen ist maßgebend. Wir hatten früher und haben heute noch zum großen Teil wahnsinnig schlanke Models, die fast schon unterernährt sind und denen viele junge Frauen nacheifern. Nicht umsonst haben wir heute so viel Probleme mit Essstörungen, weil es darum geht, nach etwas zu streben, was als Ideal gilt. Das gilt auch für bestimmte Schönheitsmaßnahmen, wie etwa überdimensionierte Schlauchboot-Lippen.

Oder sich die Rippen entfernen lassen.

Wenn ein Arzt so einen Eingriff vornimmt, ist das bedenklich. Ich weiß, solche Operationen werden gemacht, auch wenn sie extrem selten sind. Aber wenn ich einer Patientin Rippen entferne, damit die Taille schmaler wird und Komplikationen auftreten, weiß ich nicht, wie ich als behandelnder Arzt, vor allem gegenüber Gutachtern mit so einer Entscheidung bestehen kann. Da muss man klar sagen: Das ist medizinisch nicht vertretbar.

Viele helfen stattdessen bei ihrer Schönheit digital nach.

Das ist kritisch zu sehen. Es gibt tatsächlich Apps, bei denen Jugendliche ihr Bild einscannen und bearbeiten können, und plötzlich eine schlankere Taille oder eine größere Brust haben. Da werden nicht zwingend Begehrlichkeiten geweckt, die einen jungen Menschen unter Druck setzen können. Das ist umso mehr ein Problem, wenn wir es mit einem jungen Menschen zu tun haben, der noch nicht die seelische Reife besitzt. Das darf nicht sein. Da muss der Gesundheitsschutz des Gesetzgebers eingreifen.

In Amerika gibt es sogar eine neue Nase oder größere Brüste zum Schulabschluss.

Schönheits-Eingriffe bei Minderjährigen sind in Deutschland die absolute Ausnahme. Wir operieren in diesem Alter nur bei schweren körperlichen Störungen oder bei Unfallfolgen. Aber auch hier gibt es sicherlich eine Tendenz aus Amerika, die sich bei uns in einigen Jahren noch verstärken wird. Da bin ich als Arzt gefordert und muss entsprechend eingreifen.

Faltenunterspritzungen liegen im Trend. Aber wirken negative Beispiele einiger Hollywood-Schauspieler nicht abschreckend?

Sie wirken teilweise sehr abschreckend, keine Frage. Aber die Nachfrage nach Botox ist in Amerika eine völlig andere als in Europa. Bei uns wollen die Patienten zum großen Teil Verbesserungen, die nicht auffallen sollen. Man will so etwas diskret im Hintergrund abwickeln und wenn alles verheilt und schön ist, dann zeigt man sich wieder in der Öffentlichkeit. Das hat damit zu tun, dass man in Amerika viel eher offen mit seinen Eingriffen umgeht und dazu in der Öffentlichkeit steht, als das bei uns der Fall ist. Bei uns wird gerne verschwiegen, dass man etwas hat machen lassen. Natürlichkeit steht für mich bei meinen Patienten im Vordergrund, man soll keine radikalen Veränderungen bemerken, sondern gut erholt aussehen, was ja auch einen verjüngenden Effekt hat. Selbst wenn explizit nach einer Botox-Behandlung gefragt wird, tendieren die Patienten eher dazu, etwas weniger zu machen, um eine bestimmte Rest-Mimik zu erhalten, damit der Aspekt der Natürlichkeit auch entsprechend berücksichtigt wird. Das ist heute im Trend.

Würde so eine neue Offenheit hierzulande nicht auch Ihnen als Facharzt gefallen?

Einerseits ist eine gewisse Offenheit letztlich korrekt. Ich denke aber, das Wichtigste ist, dass diese Offenheit nicht dazu führt, dass die Menschen sich unter Zugzwang setzen. Das würde zunehmend seltsame Blüten treiben. Es sollte beispielsweise nicht sein, dass Nichtmediziner Botox spritzen, denn dabei handelt es sich schließlich um eine medizinische Maßnahme. Doch dem hat der Gesetzgeber mittlerweile zum Glück einen Riegel vorgeschoben.

Und wie kann ich einen Facharzt von einem Scharlatan unterscheiden?

Man sollte unbedingt darauf achten, dass der Arzt tatsächlich über die entsprechende Qualifikation verfügt und diese vorweisen kann. Das ist ein Qualitätskriterium. Der Facharzt-Standard für den plastischen Chirurgen setzt eine Ausbildung von sechs Jahren voraus und beinhaltet eine Menge Hintergrundwissen. Dennoch ist es auffällig, wie oft man feststellt, dass da irgendetwas ins Gesicht gespritzt wird und der behandelnde Arzt war sich offenbar nicht im Klaren darüber, was er da macht. Das geht soweit, dass es durch solche Spritzen-Behandlungen zu Erblindungen gekommen ist, weil man sich mit der Anatomie nicht ausgekannt hat. Und Vorsicht vor dem Begriff des Schönheitschirurgen. Der ist nicht geschützt, so kann sich im Grunde jeder nennen. Auf der anderen Seite ist es erstaunlich, dass Patienten mitunter den Weg ins Ausland suchen, um sich dort behandeln zu lassen, weil es vermeintlich billiger ist. Die landen häufig wieder bei uns. Das ist schon zweifelhaft, dass Patienten so etwas in Kauf nehmen und Qualitätsmerkmale eben nicht mehr hinterfragen.

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