Chefarzt der Migrationspsychiatrie Höchst im Interview

„Therapeut aus eigenem Heimatland kann besser helfen"

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Eine Abteilung eigens für Migrationspsychiatrie hat das Klinikum Höchst: Warum es für Migranten so wichtig ist, mit einem muttersprachlichen Therapeuten zu sprechen, hat Michael Grube, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, dem EXTRA TIPP erklärt. Von Janine Drusche

Wie kam es dazu, dass am Klinikum Höchst eine Migrationspsychiatrie eingerichtet wurde?

Wir übernehmen die regionale psychiatrische Versorgung für rund 200.000 Einwohner des Frankfurter Westens. Die Klinik befasst sich mit der Diagnostik und Therapie psychischer und psychosomatischer Erkrankungen. Da hier rund 50 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund haben, ist es wichtig, auch auf kulturelle Besonderheiten eingehen zu können. Wir müssen mit unseren Patienten sprechen und ihnen zuhören können. Es fällt leichter, das Krankheitsmodell zu verstehen, wenn die Therapeuten selbst einen Migrationshintergrund haben, die Kultur kennen und die gleiche Muttersprache sprechen können. Aus diesen Gründen können sich die Patienten oft besser mit Therapeuten aus dem Herkunftsland identifizieren.

Was genau macht den Unterschied, ob Migranten von einem Landsmann oder von einem deutschen Psychologen betreut werden?

Unsere Therapeuten mit Migrationshintergrund haben mehr Kompetenzen für ihre Landsleute als ein Arzt oder Therapeut ohne: Sie sind näher an den Patienten dran, weil sie es schaffen, ihre medizinische und psychotherapeutische Kompetenz in den jeweiligen kulturellen Kontext einzuordnen. Da sie die Kultur selbst kennen, haben sie ein Gespür für die Einstellungen der Menschen mit vergleichbarer ethnischer Zugehörigkeit. Auch Sprachbarrieren fallen weg.

Und was sind die Hauptaufgaben der Psychologen in der Migrationspsychiatrie Höchst?

Zu uns kommen Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen. Meistens werden die Patienten bei uns auch stationär aufgenommen. Es kommen nachts Notfälle, genau wie in der Chirurgie. Im Grunde werden die Menschen mit Migrationshintergrund, die zu uns kommen, nicht anders versorgt als Menschen ohne. Nur die Sicht auf die Schwierigkeiten, die sie haben, kann anders sein. In Süditalien glauben beispielsweise einige an den „Bösen Blick“, der die Emotionen oder Schmerzen ausgelöst haben soll. Manche Patienten denken etwa, dass Depressionen eine Strafe Gottes sind. Wir gehen individuell auf die Patienten und ihre migrationsspezifischen Erklärungsmodelle ein. So fühlen sich die Personen ernstgenommen. Wir arbeiten mit den Besonderheiten ihres Krankheitsverständnisses und nicht gegen sie, das ist der entscheidende Punkt. Sonst gäbe es keine Vertrauensbasis. Doch die braucht es, um bei einer Therapie alles berücksichtigen zu können, Stabilisierung und Gesundung zu fördern.

Fotos: So leben Frankfurts Flüchtlinge im Neckermann-Gebäude

So sieht es in der Erstaufnahmestation für Flüchtlinge in Frankfurt aus: Im Neckermann-Gebäude leben derzeit 830 Menschen.
So sieht es in der Erstaufnahmestation für Flüchtlinge in Frankfurt aus: Im Neckermann-Gebäude leben derzeit 830 Menschen. © Janine Drusche
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So sieht es in der Erstaufnahmestation für Flüchtlinge in Frankfurt aus: Im Neckermann-Gebäude leben derzeit 830 Menschen. © Janine Drusche
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So sieht es in der Erstaufnahmestation für Flüchtlinge in Frankfurt aus: Im Neckermann-Gebäude leben derzeit 830 Menschen. © Janine Drusche
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So sieht es in der Erstaufnahmestation für Flüchtlinge in Frankfurt aus: Im Neckermann-Gebäude leben derzeit 830 Menschen. © Janine Drusche
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Welche Nationalitäten haben die Mitarbeiter?

Wir haben beispielsweise Ärzte mit türkischem, rumänischem, arabischem, polnischem, afghanischem und persischem Migrationshintergrund und entsprechenden Sprachkompetenzen. In der Pflege arbeiten aber Kollegen mit noch mehr Nationalitäten, beispielsweise aus Serbien, Kroatien und weitere, auch aus asiatischen Nationen.

Kommen denn zur Zeit auch viele Flüchtlinge zu Ihnen?

Das ist gemischt. Natürlich haben wir gerade jetzt einige Patienten, die aus Syrien geflohen und wegen des Bürgerkriegs und anderer Erlebnisse in ihrer Heimat traumatisiert sind. Trotzdem kommen auch andere Migranten, die weniger Migrationsstress gehabt haben als beispielsweise verfolgte Flüchtlinge. Jedoch ist der Flüchtlingsanteil im Frankfurter Westen im Verhältnis zu hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund relativ gering. Sie machen deshalb nur einen geringen Teil unserer Patienten aus.

Und aus welchen Ländern stammen Ihre Patienten?

Die Nationalitäten aus der Türkei, Ex-Jugoslawien, Serbien und Kroatien, Italien, Kosovo, Polen und Rumänien sind häufig vertreten. Jetzt natürlich außerdem Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan.

Mit welchen Probleme haben diese Menschen meist zu kämpfen?

Oft mit körperlichem Unwohlsein, das von der Psyche herrühren kann, oder Verhaltensauffälligkeiten. Sie haben Psychosen, Depressionen, Manien und Persönlichkeitsstörungen. Viele leiden auch an Suchterkrankungen. Flüchtlinge haben oft traumatische Erfahrungen im Krieg oder Bürgerkrieg gemacht und leiden meist unter posttraumatischen Störungen. Aber natürlich ist das von Person zu Person unterschiedlich.

Welchen Ansatz wenden die Therapeuten dann zuerst an?

Wenn jemand beispielsweise an den „Bösen Blick“ glaubt, weiß der Therapeut mit vergleichbarem Hintergrunddirekt, worum es geht. Er versucht dann herauszufinden, warum der Betroffene diese Überzeugung hat und woher diese kommt. Nicht selten tritt der Therapeut auch mit Familienangehörigen des Patienten in Kontakt, spricht mit diesen und erfährt so die Mechanismen, die hinter der Projektion auf eine höhere Macht stecken. Dann wird versucht, zu erarbeiten, dass es sich um eine Konfliktsituation mit sich selbst handelt, die der Patient auf seine Hypothese des bösen Blicks projiziert. In der Therapie wird dann das eigene Schuldempfinden verringert, sodass die Projektion des Negativen nach außen abnimmt und aufgegeben werden kann.

Sie erklären den Patienten also die westliche Sicht auf die Dinge und behandeln dann die Psyche?

Jeder Fall ist individuell, das kommt immer auf die Sachlage an. Aber natürlich müssen wir das westliche Krankheitsverständnis fördern. Das wollen die Patienten ja auch, schließlich möchten sie hier im medizinischen Bereich gut versorgt werden. Die meisten unserer Patienten sind bereits gut über die hiesigen Behandlungsmöglichkeiten aufgeklärt.

Nehmen viele Migranten das Angebot der Therapeuten aus dem eigenen Heimatland an?

Grundsätzlich ja, obwohl es auch Flüchtlinge gibt, die von ihren Landsleuten im Heimatland gefoltert oder politisch verfolgt wurden, ihnen gegenüber deshalb sehr misstrauisch geworden sind und dann einen Therapeuten ohne Migrationshintergrund vorziehen.

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