Gesundheitsmanagerin Katja Keller-Landvogt über die Besonderheiten der Branche

Darum geraten Handwerker in die Burn-out-Falle

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Burn-out ist im Handwerk verbreiteter als man denkt, doch die Krankheit ist in dieser Branche immer noch ein Tabuthema.

Region Rhein-Main - Echte Kerle haben kein Burn-out. Von wegen. Immer öfter sprechen Handwerker über ihre innerliche Erschöpfung. Warum diese Berufsgruppe plötzlich zunehmend in die Arbeitsfalle gerät, erklärt Katja Keller-Landvogt, Gesundheitsmanagerin der IKK Classic. Von Dirk Beutel

Burn-out bei Handwerkern – dass diese Berufsgruppe auch betroffen ist, hat man nicht sofort auf dem Schirm. Seit wann ist dieses Phänomen überhaupt bekannt?

Schwer zu sagen. Da kann ich nur aus meiner Erfahrung berichten. Bis vor zwei Jahren habe ich betriebliches Gesundheitsmanagement in Handwerksbetrieben angeboten und Seminare mit dem Schwerpunkt "Psychosoziale Belastungen reduzieren". Oft habe ich von den männlichen Teilnehmern, die im Handwerk stark vertreten sind, gehört: Man habe keinen Stress, dass gibt es bei uns nicht, man hat nicht darüber gesprochen. Das hat sich in den letzten zehn Jahren kontinuierlich gewandelt.

Woher kommt der Wandel?

Ich denke, es hat viel mit der Berichterstattung in den Medien zu tun. Irgendwann war überall von Burn-out die Rede. Dann kam das Thema plötzlich bei den Handwerkern immer öfter zur Sprache. Auch die Männer sprachen in den Seminaren immer mehr über ihre psychischen Belastungen und deren Auswirkungen. Dazu kommt der gestiegene Leidensdruck.

Sind Handwerker in kleineren Betrieben gefährdeter als in Großbetrieben?

Eine Besonderheit im Handwerk ist, dass es sehr viele Kleinbetriebe gibt und die eben nicht eine solche personelle Struktur wie ein Großbetrieb haben. Es gibt keine Personal- und Marketingabteilung oder Ähnliches. Das macht alles der Inhaber. Deshalb hat er so viele verschiedene Aufgaben, die er erledigen muss. Und dadurch ist der selbstständige Chef durchaus mehr belastet. Oft ist es so, dass die eigene kleine Firma für den Chef das ganze Leben ist. Da werden Spätabends oder am Wochenende noch Rechnungen oder Kostenvoranschläge geschrieben.

Das heißt als Chef eines kleinen mittelständischen Betriebes ist man besonders gefährdet?

Nicht unbedingt, denn man hat als Führungskraft ja mehr arbeitsbedingte Ressourcen zur Verfügung. Der Chef hat mehr Handlungsspielraum, er hat die Entscheidungskompetenz und kann sich seine Zeit frei einteilen. Richtig eingesetzt, puffern diese Faktoren Stress ab.

Was belastet denn die Mitarbeiter eines Handwerksbetriebs zusätzlich?

Es geht immer mehr in die Richtung von der Hand- zur Kopfarbeit.
Darin könnte der Grund liegen, warum der Anstieg der psychischen Erkrankungen im Handwerk im Vergleich zu anderen Berufsgruppen zeitverzögert auftritt. Sie arbeiten nach wie vor mit der Hand, dennoch steigt der Grad der Digitalisierung langsam an. Daraus ergeben sich neue Anforderungen. Nicht nur, dass man zusätzlich neue Geräte bedienen muss. Ganze Arbeitsprozesse funktionieren viel schneller als früher. Datenübermittlung ist ein schönes Beispiel. Es gibt Betriebe, die gehen mit Tablets auf die Baustelle, geben ihre Daten ein, schicken sie ans Büro und das sendet die Rechnung raus. Dazu kommen die klassischen Stressfaktoren der Digitalisierung. Nicht nur die Arbeitsmenge steigt, und der Zeitdruck nimmt zu, auch die ständige Erreichbarkeit über das Handy ist ein großes Thema.

Müsste das Problem nicht von Chefs und Abteilungsleitern offener angesprochen werden?

Die Enttabuisierung geht von der Führungsetage aus. Der Chef ist Vorbild für seine Mitarbeiter, wie er mit sich selbst umgeht und ob es ein Verständnis für das Thema gibt. Wenn die Führungskraft offen darüber spricht, fällt es den Beschäftigten leichter, belastende Situationen anzusprechen und eine Lösung zu finden. Dadurch können lange Ausfallzeiten durch Arbeitsunfähigkeit vermieden werden.

Was raten Sie einem betroffenen Handwerker?

Vor allem, dass er auf seinen Körper hört und Symptome wie Schlafstörungen, ständige innere Unruhe oder Bluthochdruck nicht ignoriert. Burn-out ist ein Prozess, der sich oft über Jahre aufbaut. Der Leidensdruck steigt kontinuierlich. Dann muss ich sehen, welche Bereiche meines Lebens oder welches Verhalten ich verändern kann, damit es mir besser geht. Schafft man diese Probleme aus der Welt, kann ein Burn-out eine Chance für einen Neuanfang sein, und dass es dem Betroffenen danach besser geht, als zuvor. Wichtig ist, sich Unterstützung beim Arzt oder Therapeuten zu holen. Wenn das Auto muckt, geht man ja auch in die Werkstatt und fährt nicht bis zum Motorschaden.

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