Neuer Studiengang: Professor Frank Gabler über die Potenziale erweiterter Realitäten

„Die Brillen erkennen und verstehen meine Umwelt“

Frank Gabler

Wird Dieburg zum deutschen Silicon Valley? Ab dem Sommersemester gibt es auf dem Mediencampus der Hochschule Darmstadt den Bachelor-Studiengang „Expanded Realities“. Studiengangsleiter Frank Gabler schildert, warum er diese Technik für unaufhaltsam hält. Von Dirk Beutel

Herr Gabler, werden Ihre Studenten während ihres Studiums die ganze Zeit mit den klobigen VR-Brillen herumlaufen müssen?

Zumindest sehr oft, das stimmt. Allein schon deswegen, weil man damit erste Erfahrungen sammelt und eigene Anwendungen konzipiert und entwickelt. Allerdings vermittelt wir die wichtigen Grundlagen des Studiengangs auch im realen Raum. Es ist eine Mischung. Wir unterrichten in aller Regel nicht in großen Hörsälen, sondern nach der Methode des Project Based Learning in sogenannten Werkstätten. Das heißt, die Studenten arbeiten von Anfang an an konkreten Projekten in kleinen Teams. Die Strukturen sind dabei sehr nahe an den realen Bedingungen des späteren Berufslebens dran. Wir planen aber auch rein virtuelle Unterrichtsformen.

Die klassischen Hörsaal-Besuche fallen in Ihrem Studiengang also völlig weg?

Die Studenten arbeiten meist in Laboren oder in den Projekt-Werkstätten. Wir fangen mit unserem internationalen Studiengang klein an. Der beginnt mit 20 Studenten, später wollen wir 40 Studenten pro Jahr aufnehmen. Unsere Studenten müssen dann etwas schaffen, was im Grunde nicht zu schaffen ist. Ihnen muss der Spagat gelingen zwischen Technik, Engineering, Science und der künstlerisch- gestalterischen Ebene. Dazu kommen noch Marketing und Producing. Sie müssen ein riesiges Spektrum lernen, um die Inhalte der Zukunft zu gestalten. Dies aber ab dem dritten Semester sehr praxisnah und meist anhand konkreter Aufgabenstellungen und Projektarbeiten, für die in Gruppen Lösungen erarbeitet werden müssen.

Mit Inhalten der Zukunft meinen Sie die erweiterten Realitäten, also die Expanded Realities?

Unter virtueller Realität können sich die meisten Menschen etwas vorstellen. Dabei haben wir es mit einer Umgebung zu tun, die vom Computer geschaffen wurde. Es ist eine akustische und visuelle Simulation oder Illusion eines Raumes, in dem wir uns bewegen und interagieren können. Man ist dabei von der realen Umwelt weitgehend abgekapselt. In der nächsten Stufe gibt es die Mixed Reality. Dort wird eine nahtlose Mischung zwischen computergenerierten Inhalten und der realen Umwelt erzeugt. Dabei hat man durchsichtige Brillen auf, wie die Magic Leap oder die Holo Lens, die den realen Raum erkennen, analysieren und dort die digitalen Inhalte oder Elemente platzieren können, mit denen man arbeiten kann.

Wie zum Beispiel?

Man nehme einen Chirurgen, der einen Patienten vor sich hat: In der Mixed Reality könnte er auch dessen Skelett oder dessen Organe sehen, die vorher mit einem bildgebenden Verfahren, wie etwa MRT, bestimmt worden sind. Der Arzt bekommt dann eventuell noch die vitalen Parameter des Patienten in das Sichtfeld der Brille gemischt. Er sieht also den Patienten gleichzeitig vor sich und bekommt zusätzlich Daten und Informationen zu seinem Gesundheitszustand auf einen Blick. Anderes Beispiel aus der Industrie 4.0: Ein Betriebsingenieur geht mit so einer Brille durch eine Produktionshalle und bekommt Informationen von der jeweiligen Maschine oder dem Werkstück übermittelt, die er beobachten oder anpassen kann. Die Daten schweben sozusagen über der Maschine. Man könnte sogar in die Maschine ‘hineinschauen’. Gerade im Mixed-Reality-Bereich gibt es unglaublich viele Anwendungsmöglichkeiten in fast allen Branchen, die nach meiner Meinung die Zukunft stark formen werden. Gerade was unseren Alltag und unsere Arbeitswelt betrifft, wird Mixed Reality starken Einfluss nehmen.

Können Expanded Realities ähnliche Auswirkungen auf unser alltägliches Leben haben wie das mobile Internet?

Meine persönliche Einschätzung ist, dass wir vielleicht in drei bis fünf Jahren eine ähnliche Entwicklung haben werden, wie zu Anfangszeiten der Smartphones. Die Geräte werden kleiner, die Technik leistungsfähiger und günstiger. Ich kann mir kaum einen Arbeitsbereich vorstellen, in dem erweiterte Realitäten nicht zum Einsatz kommen könnten. Vom Handwerk bis zum Raketeningenieur sehe ich Potenzial. Es fängt schon bei virtuellen Meetings an. Man trifft sich dann in einem virtuellen Raum. Auch in der Unterhaltungs- und Spielebranche, in interaktiven 360-Grad-Filmen und Freizeitparks finden sich Anwendungsbereiche. Ich halte diese technische Entwicklung für unaufhaltsam. Die Brillen erkennen und verstehen zunehmend meine Umwelt. Sprache, Gesten, meine komplette Interaktion im Raum wird vom System richtig erkannt, wodurch die computergenerierten Inhalte passend in den realen Raum gebracht werden. Dies sorgt für ein plausibles Erlebnis im virtuellen Raum. Da kommen derzeit Technologien zusammen, die sie so leistungsstark sind, dass es sich um mehr als nur einen Hype handelt. Dabei muss sich diese neue Realität aber so natürlich wie möglich anfühlen. Aus diesem Problem heraus gibt es diesen neuen Studiengang, weil man ein Verständnis für den Raum, Interaktion, Gestaltung und Technik benötigt.

Wie weit ist denn die Entwicklung vom virtuellen Erleben eines Holodecks wie in den Star-Trek-Filmen weg?

An dem Erlebnis sind wir bald dicht dran. Die Brillen werden schon jetzt viel leichter und schlichter, vor allem das Blickfeld wird größer. Sie werden kabellos sein und eine viel höhere visuelle Qualität besitzen, wodurch das natürliche Sehen immer besser wiedergegeben wird. Da werden in den nächsten ein, zwei Jahren Technologien kommen, die bahnbrechend sein werden. Zumal wir daran arbeiten, solche Erlebnisse im Raum nicht mehr nur als Einzel-, sondern als Gruppenerlebnisse darzustellen und da kommen wir zumindest visuell dem Holodeck schon ziemlich nah. Leider ist es derzeit aber noch nicht möglich, alle Sinne anzusprechen.

Wäre es denkbar, dass Deutschland hierbei eine internationale Vorreiterrolle einnimmt?

Das wäre möglich und wünschenswert. Es war schon immer schwierig, neue Ideen und Forschung zu finanzieren. Beim Start dieses Studiengangs werden wir zwar vom Land Hessen unterstützt, aber die Förderung ist in Deutschland eher zurückhaltend. Da müsste von Bund und Land mehr kommen, um die neuen Technologien und Innovationen nachhaltig nach vorne zu bringen. Momentan haben wir einen guten Stand, aber ich sehe Handlungsbedarf.

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