Geplünderte Beete: Aktivist will offenbar ein Zeichen gegen Immobilienboom und Verdrängung setzen

Blumen klauen gegen Gentrifizierung: Wer ist der mysteriöse Pflanzendieb?

Schon wieder bepflanzt: Anfang der Woche hat ein Pflanzendieb Eva Kirchhoffs Blumenbeet geplündert. Foto: rz

Immer wieder plündert ein Unbekannter Blumenbeete, die von Anwohnern im öffentlichen Raum bepflanzt wurden, um ihren Kiez zu verschönern. Laut einem Bekennerschreiben will er damit ein Zeichen gegen Gentrifizierung setzen. Von Christian Reinartz

Anfang der Woche hat der Pflanzedieb nun erneut zugeschlagen.

Region Rhein-Main – Eva Kirchhoff zeigt auf das Blumenbeet vor ihrem Ladengeschäft Etagerie an der Taunusstraße im Offenbacher Nordend. Dort hat ein Unbekannter die Blumen herausgerissen und mitgenommen. Am Tag darauf hat sie schon nachgepflanzt. Es ist nicht das erste Mal, dass der Pflanzendieb in Offenbach zuschlägt. „Etwa vor einem Jahr hat er das Blumenbeet unseres Nachbarn geplündert“, sagt Kirchhoff. Am nächsten Morgen hätten sie dort ein Bekennerschreiben vorgefunden, in dem sich der Pflanzendieb als Gentrifizierungsgegner zu erkennen gibt. „Ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, dass das niemand ist, der kostenlos ein paar Blümchen mit nach Hause nehmen will“, sagt Kirchhoff. „Da steckt ganz sicher eine politische Botschaft dahinter.“ Verständnis für solche Aktionen hat sie nicht: „Diese Leute mögen das verurteilen. Wir stecken da Geld und unsere Arbeit rein und wir tun das für die Menschen im Viertel. Deshalb ist es für mich besonders ärgerlich.“ Doch wer kommt überhaupt auf die Idee, ein Blumenbeet zu zerstören? Janina Albrecht engagiert sich in Offenbach gegen Gentrifizierung, unter anderem in der Initiative Stadtbiotop.

Dennoch kennt sie die Sichtweise der Gentrifizierungsgegner. Und die lautet so: Wenn der Kiez dreckig, verlottert und hässlich bleibt, verlieren Immobilienspekulanten das Interesse und der Zuzug einer reicheren Klientel wird verhindert. Also bleiben die Mieten gleich. Die Gentrifizierung des Viertels wäre dann gestoppt.

Janina Albrecht hingegen ist überzeugt, dass gerade solche ehrenamtlich betreuten Blumenbeete wichtig sind, um der drohenden Gentrifizierung etwas entgegenzusetzen. „Wenn sich Menschen gemeinsam um ihr Viertel kümmern, es verschönern, aufräumen oder eben ein solches Beet bepflanzen, dann stärkt das die Verbindung zu ihrem Viertel und auch untereinander“, erklärt Albrecht. „Diese Menschen fühlen sich ohnmächtig und durch solche gemeinsamen Pflanzaktionen mit der Nachbarschaft wieder ermächtigt, das eigene Viertel zu gestalten. Und wenn sich viele auf diese Weise zusammentun, können sie auch politisch Einfluss nehmen. Blumenbeete zu zerstören schafft genau das Gegenteil, nämlich Frustration und Mutlosigkeit.“ Außerdem ist sie überzeugt, dass es für millionenschwere Investoren nichts ändert, ob ein Blumenbeet herausgerissen wird oder nicht.

Wie radikale Pflanzendiebe ticken, weiß die Offenbacher Stadtforscherin Paola Wechs. Sie hat Urbanistik in Frankfurt und Malmö studiert und beschäftigt sich seit Langem wissenschaftlich mit dem Phänomen der Gentrifizierung. „Solche Aktivisten haben immer auch den Rattenschwanz, der an einer solchen Entwicklung hängt, im Blick.“ In aktuellen Diskussionen sei man sich zwar einig, dass es zu keiner Mietpreissteigerung führe, wenn Bürger Beete im öffentlichen Raum bepflanzten. „Aber solche Dinge werden in der Stadtforschung auch als eine Art Mikroanzeiger betrachtet, die signalisieren, dass es sich hier um eine Straße oder ein ganzes Viertel mit einer besonderen Strahlkraft handelt“, erklärt die Stadtforscherin. Sie ist überzeugt, dass die Immobilienbranche sehr genau auf solche Mikroanzeiger achtet. „Deshalb versuchen solche Aktivisten, eine potenzielle Strahlkraft schon im Keim zu ersticken, damit erst gar kein Investor auf die Idee kommt, dort tätig zu werden.“

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