„Wir brauchen Tierversuche, um Krankheiten zu verstehen“

Biologin: Darum sind lebende Tiere wichtig für die Forschung

Laut deutschem Tierschutzbund sind in Hessen fast 281.000 Tiere im Jahr 2014 für wissenschaftliche Zwecke eingesetzt worden. Damit zählt Hessen zu den Bundesländern mit den höchsten Tierversuchszahlen. Vor allem Ratten und Mäuse sind in der Forschung begehrte Versuchstiere.
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Laut deutschem Tierschutzbund sind in Hessen fast 281.000 Tiere im Jahr 2014 für wissenschaftliche Zwecke eingesetzt worden. Damit zählt Hessen zu den Bundesländern mit den höchsten Tierversuchszahlen. Vor allem Ratten und Mäuse sind in der Forschung begehrte Versuchstiere.
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Dank einer neuen Tierversuchsmethode für ein Tuberkulin-Testverfahren müssen weniger Meerschweinchen leiden. Dafür hat Christina Spohr den Hessischen Tierschutz-Forschungspreis erhalten. Die Biologin erklärt, warum Tierversuche so polarisieren und wieso sie aus ihrer Sicht wichtig sind. Von Dirk Beutel

Mit dem Hessischen Tierschutz-Forschungspreises will das Land die Anzahl und das Leiden von Versuchstieren verringern. An welchem Punkt in dieser Entwicklung stehen wir in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern?

Deutschland liegt zusammen mit den meisten Industriestaaten ziemlich weit vorne. Wir haben geltende Gesetze, wie etwa das Tierschutzgesetz, die Versuchstierverordnung und wir haben Instanzen, die Versuchsvorhaben hinterfragen und genehmigen müssen. Dazu gibt es Inspekteure die Forschungseinrichtungen hinsichtlich der Tierhaltung, der Tierpflege und der Einhaltung der vorgegebenen Regeln kontrollieren. Zudem müssen die Forscher eine spezielle Ausbildung durchlaufen, Schulungsnachweise dokumentieren und Erfahrungen sammeln, ohne die sie eine Maus nicht mal anfassen dürfen. Bei Zuwiderhandlung können Labore geschlossen werden und den Forschern die Erlaubnis für Tierversuche entzogen werden. 

Sie haben ein Verfahren entwickelt, mit dem der gesetzlich vorgeschriebene Tierversuch zur Wirksamkeitsprüfung von Tuberkulinen mit weniger Tieren und geringerer Belastung für das Tier auskommt. Tuberkuline werden für die Diagnose der Tuberkulose benötigt. Lässt sich dieses Verfahren auf andere Tierversuchs-Gebiete übertragen?

Grundsätzlich lässt sich die Methode auf andere Bereiche ausweiten. Und ich hoffe, dass man das tun wird. In meiner Arbeit ging es darum, dass eine Reaktion des Immunsystems durch eine schmerzende Hautrötung sichtbar gemacht werden musste. Bei der neuen Methode kann man diese Antwort des Immunsystems auf zellulärer Ebene im Blut herbeiführen und messen. Das heißt, das Tier muss nicht mehr rasiert werden, um die Hautreaktion zu beobachten. Bei der neuen Methode ist das Meerschweinchen nur noch ein Blutspender. Wir sprechen hier zwar von komplexen Immunantworten aber trotzdem könnte jeder Tierversuch, der immunologisch auf dem gleichen Prinzip beruht, wie der Tuberkulin-Test an die neue Methode angepasst werden.

Können Sie nachvollziehen, dass obwohl wesentlich mehr Tiere bei der Massentierhaltung geschlachtet werden, als Tiere zu Versuchszwecke umkommen, letztere eine so große Empörung auslösen?

Ich glaube, dass die Empörung daher kommt, dass sich die wenigsten richtig mit dem Thema auseinandersetzen. Wenn man sich selbst mal mit den ganzen Regularien für Tierversuche in Deutschland befasst hat, wird man feststellen, dass man den größtmöglichen Nutzen für den Menschen aus den Versuchsergebnisse zieht.Wüssten die Menschen besser Bescheid, was wirklich passiert, wäre die Empörung wesentlich geringer. Wir müssen uns überlegen, was wir wollen: Wir in den Industriestaaten haben ohnehin reiche Sorgen. Wir wollen Krebs heilen, Diabetiker wollen mit Insulinpumpen Schokolade essen können, wir nehmen bei Menstruationsbeschwerden Schmerzmittel ein, wir wollen Sex ohne Angst vor HIV haben und unsere Babys sollen das Zahnen erleichtert bekommen. Wir sorgen uns nicht um das nächste Stück Brot oder die nächste Wasserstelle. Deswegen rate ich Tierversuchsgegnern sich mit der Wissenschaft dahinter zu befassen. Tiere sind unbedingt zu schützen, keine Frage, aber sie sind die bessere Alternative.

Aber wenn man Tierversuche anspricht, denken viele Menschen sofort an Bilder von verstümmelten Tieren mit Schrauben im Kopf und Spritzen in den Augen.

Diese schrecklichen Bilder sind Relikte aus den 80er Jahren. Danach erlebte der Tierschutz einen richtigen Aufschwung. Es gibt immer Wellen im Bewusstsein der Gesellschaft, so dass dieses Thema immer mal mehr oder weniger auftaucht. Im Zuge dieser Bewegungen entstehen Gesetze und die Versuchstierverordnung, die dann genau regulieren, was ein Forscher tun darf. Jede einzelne Maus ist abgezählt und von Behörden genehmigt. Wenn ein Forscher für ein Versuchsvorhaben 500 Mäuse ordert, dann hinterfragt eine Kontrollinstanz diese Anzahl und weist darauf hin, dass man auch mit 250 Mäusen die Antwort auf die Fragestellung bekommen wird. Wenn man solche Dinge nicht weiß, ist man natürlich Gegner von Tierversuchen.

Ein Großteil der Versuche erfüllt gesetzliche Vorschriften für Zulassung und Qualitätsprüfung. Was ist mit der anderen Hälfte der Versuchstiere, die in der Grundlagenforschung verbraucht wird?

Es geht darum Krankheiten und deren Mechanismen zu verstehen. Wir sind mit vielen neuen Problemen konfrontiert. Nehmen wir die demografische Entwicklung: Wir werden immer älter, entsprechend wird die Alzheimer-Forschung vorgetrieben. Heutzutage haben viel mehr Menschen die finanziellen Mittel, um in die entlegensten Winkel der Erde zu reisen. Sie wollen gegen Gelbfieber und Typhus geimpft werden, die Nachfrage nach diesen außergewöhnlichen Impfungen wird höher. Aber da kommen plötzlich neue Krankheiten auf uns in Europa zu. Um die zu verstehen, benötigen wir die Grundlagenforschung. Hätten wir Krebs und HIV in all seinen Facetten schon verstanden, würden weniger Menschen daran sterben. Hinzu kommen neue Phänomene wie Antibiotika-Resistenzen. Das sind neue Probleme, denen wir uns stellen müssen. Deswegen glaube ich, dass in der Grundlagenforschung weiterhin ein lebendes Modell nötig sein wird.

Werden Tierversuche eines Tages nicht mehr nötig sein?

Zu unseren Lebzeiten wird man sicher nicht auf Tierversuche verzichten können. Wie es in 100 Jahren aussieht, wissen wir nicht. Vielleicht finden meine Enkel eine Möglichkeit, wie die Meerschweinchen für die Tuberkulinprüfung nicht mal mehr als Blutspender fungieren müssen. Das wäre toll.

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