Streetworker Tom Holz über aggressive Dealer und erhöhte Polizeipräsenz

Bahnhofsviertel: „Crack hat die Drogenszene verändert“

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Seit 2004 ist Tom Holz als Streetworker im Bahnhofsviertel unterwegs. Er arbeitet für die Aidshilfe als Leiter des Projekts OSSIP.

Anwohner und Geschäftsleute beklagen die offene Drogenszene im Frankfurter Bahnhofsviertel und ein sinkendes Sicherheitsgefühl. Seit über zehn Jahren arbeitet dort Tom Holz als Streetworker. Er schildert, welches Bild er vom Rotlicht-Kiez hat. Von Dirk Beutel

Inwiefern hat sich die Dealerszene im Bahnhofsviertel verändert?

Die Dealerszene selbst wurde hauptsächlich aus der Taunusstraße rausgedrängt. Auf den Wunsch der Geschäftsinhaber haben Polizei und Ordnungsamt den Druck erhöht und die Szene ist zum Bahnhof abgewandert. Dort war sie jahrelang nicht.Warum auch immer. Aber lange Zeit war der Bahnhof, was Drogen angeht, relativ entspannt. Jetzt sind die Dealer zurück und haben festgestellt, dass sie dort zehnmal besser geschützt sind, um ihre Geschäfte zu machen als auf der Straße. Die Fluchtmöglichkeiten sind besser, es gibt viele verwinkelte Ecken, wo sie sich in den Pendlerströmen verstecken können. Damit hat sich meiner Meinung nach die Dealer-Szene vergrößert. Und die Dealer ziehen die Konsumenten natürlich mit. Das ist ein echter Teufelskreis: Auf der einen Seite ist das Angebot größer geworden und auf der anderen Seite steigt die Nachfrage.

Seit Kurzem verhängt die Polizei Aufenthaltsverbote für Dealer am Hauptbahnhof. Wer sich nicht dran hält, muss 500 Euro Strafe zahlen oder geht ins Gefängnis. Ein guter Ansatz?

Repression löst das Dealer-Problem nicht. Die Szene verlagert sich nur. Die Polizei weiß, dass solche Maßnahmen nur einen kurzfristigen Effekt haben. So löst man das zugrunde liegende Problem jedenfalls nicht. Zumal so ein Aufenthaltsverbot die Dealer nicht abschreckt. Meine Sorge ist, dass sie die Strafen auf den Drogenpreis aufschlagen werden. Insofern trifft diese Maßnahme am Ende nur die Konsumenten.

Welche Folgen könnten solche Verdrängungseffekte nach sich ziehen?

Verdrängungseffekte sind für die Konsumenten ohnehin eher schädlich. Nicht nur, weil die Drogen teurer werden. Wenn Einrichtungen und Hilfsangebote, wie sie hier vorhanden sind, zerschlagen werden, weil sich die Betroffenen aus Angst vor der Polizei nicht mehr hierher trauen, könnte es passieren, dass wieder in den Randbezirken konsumiert wird. Und dorthin zieht es auch die Dealer. Und dann haben wir wieder Tote im Park. Weil die Konsumenten nicht abwarten und in die Stadt fahren, um die Droge in einem Konsumraum unter Aufsicht zu nehmen, sondern sich die Spritze gleich um die Ecke in irgendeinem Treppenabgang setzen.

Repression und Hilfe: Das ist der Frankfurter Weg. Es gibt aber Stimmen, die diesen Weg kritisieren. Die Szene ist offen sichtbar und würde den Drogentourismus fördern?

Das ist Blödsinn! Die Drogenszene ist ja schon viel länger hier als es den Frankfurter Weg gibt. 1991 hatten wir die Taunusanlage. Die wurde rein repressiv geräumt. Dann hat man aber festgestellt, dass es nichts geholfen hat. Deshalb hat man den Hilfsaspekt, also unsere Arbeit, zur Repression hinzugefügt, der täglich immerhin fast 700 Konsumvorgänge pro Tag von der Straße wegholt und in die Konsumräume führt.

Viele Anwohner und Geschäftsleute beklagen ein sinkendes Sicherheitsgefühl. Was hat sich in der Drogenszene allgemein hier in Ihren Augen verändert?

Die Szene selbst ist nicht größer geworden. Die konzentriert sich auf wenige Flecken im Viertel, rund um Mosel-, Elbe- und Niddastraße. Der Rest ist schlicht nicht mehr attraktiv, wie die Kaiser- und Münchener Straße früher. Dort hat die Polizei die Szene verdrängt. Und obwohl viele Abhängige in die Konsumräume gehen, ist es für die Anwohner aber augenfälliger geworden, weil sich alles auf einem engeren Raum abspielt. Fakt ist, dass hier im Bahnhofsviertel gar nicht so viele Übergriffe auf Personen vorkommen, wie zum Beispiel auf der Zeil. Aber hier wird es als bedrohlicher wahrgenommen, weil es mehr Randgruppen gibt. Dadurch ist der Bürger und der Pendler alarmierter.

Wie hat sich dabei der Drogenhandel entwickelt?

Hier im Viertel wurde ein Wechsel der Leitdroge festgestellt. Und zwar vom Heroin zum Crack. Das spiegelt sich in der Dealer-Szene wider. Wir haben in der B-Ebene des Hauptbahnhofs hauptsächlich Kokain- und Crackdealer. Und da liegt ein Problem: Es liegt an der Droge, die man wesentlich öfter nehmen muss, als etwa Heroin. Durch diese gestiegene Nachfrage, erklärt sich die höhere Zahl von Dealern. Diese Veränderung spüren wir vor allem in und an der B-Ebene. Aber auch die Kneipiers, mit denen ich mich so unterhalte, haben das Gefühl, dass es mit den Dealern schlimmer geworden ist.

Meinen Sie aggressive Dealer?

Die sind schon sehr offensiv. Die sprechen tatsächlich alles und jeden an. Ich selbst wurde noch nicht bedroht oder ähnliches. Aber wenn man das Ganze hier nicht so kennt, kann ich mir gut vorstellen, dass das beängstigend wirkt, wenn man von allen Seiten angezischt wird. Das kann verstörend wirken. Das hat es zwar schon immer gegeben, aber nicht in diesem Umfang wie jetzt. Das muss man schon sagen.

Wie könnte eine Lösung des Sicherheits- und Drogenproblems aussehen?

Es müsste weiter in die Richtung einer liberalen Drogenpolitik gehen, denn dann haben sich in der Vergangenheit auch die besten Erfolge ergeben. So haben die Druckräume die Drogentoten reduziert oder das Methadon-Programm die Infektionen von HIV.

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