Tausende Exoten in Gewässern im Rhein-Main-Gebiet

Ausgesetzte Schildkröten sind Riesenproblem

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Diese ausgesetzte Gelbwangen-Schmuckschildkröte holte ein Angler aus der Kinzig. 

Region Rhein-Main - Tausende ausgesetzte Schildkröten leben in Teichen und Flüssen des Rhein-Main-Gebiets. Die meisten Exoten überleben, verdrängen aber ihre heimischen Artgenossen. Einfangen wäre eine Lösung. Doch keiner weiß, wohin mit den Schildkröten. Von Kristina Bräutigam

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Tierheime in Rhein-Main überfüllt: Schamlose Besitzer

Vergangene Woche Samstag stand wieder einmal die Polizei vor dem Tierheim Fechenheim. Das Mitbringsel der Beamten: Eine ausgewachsene Rotwangen-Schmuckschildkröte, gefunden an einem Tümpel in Frankfurt. Es ist die sechste Fundschildkröte, die der Tierschutzverein Frankfurt und Umgebung in den vergangenen Wochen aufnehmen musste. Und es werden immer mehr: Tausende Schildkröten leben in Flüssen, Teichen, Weihern und Tümpeln des Rhein Main-Gebiets, ausgesetzt von gewissenlosen Haltern. Hauptstadt der Exoten ist Frankfurt: Laut Senckenbergmuseum sind in fast jedem Gewässer Schildkröten zu finden, etwa im Rebstock- und Ostparkweiher.

„Das ist ein Riesenproblem“, sagt Simone Faust, stellvertretende Leiterin des Tierheims Fechenheim. „Sehr viele Leute haben von Schildkrötenhaltung keine Ahnung. Das Tier wird lästig und muss weg.“ So wüssten etwa viele Käufer nicht, dass die winzige Rotwangen-Schmuckschildkröte größer als ein Fußball und bis zu 60 Jahre alt werden kann. Auch dass die Exoten viel Dreck machen und ein großes Aquarium mit Landplatz benötigen, sei vielen Haltern nicht bekannt. „Ich habe oft genug erlebt, dass Besitzer ihre Schildkröte in einer Salatschüssel halten“, erzählt Simone Faust. 

Baumärkte und Zoohandlungen verramschen Tiere

Für Gerhard Heinrichs, Vorsitzender des Schildkröten-Stammtischs Rhein-Main, sind Zoohandlungen und Baumärkte Schuld an der tierischen Misere. „Die Schmuckschildkröten werden für 40 Euro verramscht. Da guckt keiner, ob der Käufer Ahnung von artgerechter Haltung und Pflege hat.“ Wird das Haustier lästig, landet es später im Teich. Schlechtes Gewissen? Fehlanzeige. „Viele Besitzer glauben, sie tun dem Tier etwas Gutes. Das ist falsch“, sagt Tierheimleiterin Simone Faust. Zwar gelingt es der robusten Gelb- und Rotwangen-Schmuckschildkröte trotz der kalten deutschen Winter, einige Jahre zu überleben. „Aber es gibt auch viele empfindliche Arten, die krank werden und sterben.“

Im Reich der Riesenschildkröten - Galapagos rückt näher

Alt, runzelig, irgendwie ehrwürdig: die Riesenschildkröten auf Galapagos. Foto: Tourismusministerium Ecuador
Alt, runzelig, irgendwie ehrwürdig: die Riesenschildkröten auf Galapagos. Foto: Tourismusministerium Ecuador © Tourismusministerium Ecuador
Auf Galapagos tummeln sich die Touristen. Durch günstige Flüge und mehr Hotels wird eine Reise dorthin für immer mehr Urlauber erschwinglich. Foto: Tourismusministerium Ecuador
Auf Galapagos tummeln sich die Touristen. Durch günstige Flüge und mehr Hotels wird eine Reise dorthin für immer mehr Urlauber erschwinglich. Foto: Tourismusministerium Ecuador © Tourismusministerium Ecuador
Kormorane watscheln direkt vor den Füßen der Touristen entlang. Auf Galapagos finden Besucher eine einzigartige Fauna vor. Foto: Tourismusministerium Ecuador
Kormorane watscheln direkt vor den Füßen der Touristen entlang. Auf Galapagos finden Besucher eine einzigartige Fauna vor. Foto: Tourismusministerium Ecuador © Tourismusministerium Ecuador
Eine Riesenschildkröte hat es sich mitten auf der Straße gemütlich gemacht. Die Geländewagen müssen warten. Foto: Bernd Kubisch
Eine Riesenschildkröte hat es sich mitten auf der Straße gemütlich gemacht. Die Geländewagen müssen warten. Foto: Bernd Kubisch © Bernd Kubisch
Tollende Seelöwen sind nur eines von zahlreichen Tiermotvien, die Urlauber auf Galapagos vor ihre Kameralinse bekommen. Foto: Tourismusministerium Ecuador
Tollende Seelöwen sind nur eines von zahlreichen Tiermotvien, die Urlauber auf Galapagos vor ihre Kameralinse bekommen. Foto: Tourismusministerium Ecuador © Tourismusministerium Ecuador
Die Seelöwen sind genügsame Fotomotive und lassen die Touristen ziemlich nah an sich heran - den Rummel sind die gewöhnt. Foto: Tourismusministerium Ecuador
Die Seelöwen sind genügsame Fotomotive und lassen die Touristen ziemlich nah an sich heran - den Rummel sind die gewöhnt. Foto: Tourismusministerium Ecuador © Tourismusministerium Ecuador
Die erkaltete Lava, hier das Lavafeld von Sullivan Bay auf Santiago, bildet eigentümliche Formationen. Foto: Bernd Kubisch
Die erkaltete Lava, hier das Lavafeld von Sullivan Bay auf Santiago, bildet eigentümliche Formationen. Foto: Bernd Kubisch © Bernd Kubisch
Die urzeitlichen Meerechsen sind neben den Riesenschildkröten ein tierisches Aushängeschild der Galapagos-Inseln. Foto: Tourismusministerium Ecuador
Die urzeitlichen Meerechsen sind neben den Riesenschildkröten ein tierisches Aushängeschild der Galapagos-Inseln. Foto: Tourismusministerium Ecuador © Tourismusministerium Ecuador
Auf San Cristobal zeigt ein Wandgemälde die tierischen Bewohner von der Galapagos-Inseln. Foto: Bernd Kubisch
Auf San Cristobal zeigt ein Wandgemälde die tierischen Bewohner von der Galapagos-Inseln. Foto: Bernd Kubisch © Bernd Kubisch
Inge Wittmer wirft einen Blick in das Buch ihrer Mutter Margret. Darin geht es um die frühen Siedlerjahre auf der Galapagos-Insel Floreana. Foto: Bernd Kubisch
Inge Wittmer wirft einen Blick in das Buch ihrer Mutter Margret. Darin geht es um die frühen Siedlerjahre auf der Galapagos-Insel Floreana. Foto: Bernd Kubisch © Bernd Kubisch
Der Blaufußtölpel trägt seinen Namen nur zum Teil mit Recht: Die Farbe der Füße stimmt, aber der Vogel ist ein geschickter Taucher. Foto: Tourismusministerium Ecuador
Der Blaufußtölpel trägt seinen Namen nur zum Teil mit Recht: Die Farbe der Füße stimmt, aber der Vogel ist ein geschickter Taucher. Foto: Tourismusministerium Ecuador © Tourismusministerium Ecuador
Die Galapagos-Inseln liegen am Äquator, rund 1000 Kilometer westlich der ecuadorianischen Küste. Foto: dpa-infografik
Die Galapagos-Inseln liegen am Äquator, rund 1000 Kilometer westlich der ecuadorianischen Küste. Foto: dpa-infografik © 

Hinzu kommt: Die aggressiven und großen Exoten verdrängen die heimische Europäische Sumpfschildkröte, verdrängen sie von den Sonnenplätzen und machen ihr die Nahrung streitig. Für die Mitglieder der AG Sumpfschildkröte eine Katastrophe. Seit 1999 kümmern sie sich um Züchtung und Wiederansiedlung der fast ausgerotteten Art in Hessen. „Unsere gesamten Bemühungen werden durch die Exoten gefährdet“, sagt Michael Hohmeier von der AG. Und nicht nur die Sumpfschildkröte muss sich vor den ausgesetzten Artgenossen in Acht nehmen: „Sogar Schnappschildkröten werden ausgesetzt. Die sind auch für den Menschen gefährlich“, warnt er. 

Tierheime können nicht alle Exoten aufnehmen

Wer eine exotische Schildkröte sichtet, soll sie auf jeden Fall dem Regierungspräsidium Darmstadt oder den Unteren Naturschutzbehörden der Landkreise melden. Denn eins ist sicher: Die ausgesetzten Schildkröten müssen eingefangen werden. Doch wohin mit den anspruchsvollen, großen Exoten? „Im Sommer ist die Unterbringung nicht das Problem. Aber im Winter? Die Tiere brauchen Wärme, einen Wasser- und Landteil, dazu eine gute Filteranlage, die enorm Strom verbraucht. Dafür haben wir und andere Tierheime weder Geld noch den Platz“, sagt Simone Faust. Auch Gerhard Heinrichs vom Schildkröten-Stammtisch erzählt, dass er und die anderen Mitglieder regelmäßig um Hilfe gebeten werden. „Aber wir haben weder Kapazitäten, noch können wir eine fremde, möglicherweise kranke Schildkröte aufnehmen, die vielleicht den ganzen Bestand gefährdet.“

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90 Reptilien beschlagnahmt der Zoll am Frankfurter Flughafen

Der Zoll findet insgesammt  90 Tiere in einem Koffer am Frankfurter Flughafen.
Der Zoll findet insgesammt  90 Tiere in einem Koffer am Frankfurter Flughafen. © Zollfahndungsamt Frankfurt/Main
Der Zoll findet insgesammt  90 Tiere in einem Koffer am Frankfurter Flughafen.
Der Zoll findet insgesammt  90 Tiere in einem Koffer am Frankfurter Flughafen. © Zollfahndungsamt Frankfurt/Main
Der Zoll findet insgesammt  90 Tiere in einem Koffer am Frankfurter Flughafen.
Der Zoll findet insgesammt  90 Tiere in einem Koffer am Frankfurter Flughafen. © Zollfahndungsamt Frankfurt/Main
Der Zoll findet insgesammt  90 Tiere in einem Koffer am Frankfurter Flughafen.
Der Zoll findet insgesammt  90 Tiere in einem Koffer am Frankfurter Flughafen. © Zollfahndungsamt Frankfurt/Main
Der Zoll findet insgesammt  90 Tiere in einem Koffer am Frankfurter Flughafen.
Der Zoll findet insgesammt  90 Tiere in einem Koffer am Frankfurter Flughafen. © Zollfahndungsamt Frankfurt/Main

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