Falsche Helfer rauben Senioren Geld und Würde – So wurde Horst T. zum Opfer

Ausgenutzt und abgezockt

Von Axel Grysczyk.

Einsamkeit, Gutgläubigkeit und zu viel Bargeld locken vermeintliche Helfer für Senioren an. Das erschlichene Vertrauen müssen die Rentner oft teuer bezahlen. Zurück bleiben Scham, Enttäuschung und tausende Euro Schaden. So ist es auch Horst T. passiert.

Dietzenbach – Horst T.* hat viel erlebt: Den Horror des Krieges und die Gefangenschaft, den Umzug aus der Heimat, den Tod seiner beiden Ehefrauen. Jetzt ist er 91 Jahre alt und lebt allein in seiner Wohnung, die er 1969 bezogen hat. Nach alldem wünscht er sich einen ruhigen Lebensabend und Respekt. Stattdessen muss er immer wieder auf der Hut sein.

Es vergeht kaum eine Woche, in der die Polizei Senioren nicht warnt vor Enkeltricks und anderen Betrugsmaschen. Das Vorgehen der Gauner ist ähnlich: Es wird Vertrauen aufgebaut und sich dann Zugang zur Wohnung der Senioren verschafft. Die Geschichte der Opfer erfährt oft niemand, ihr Gesicht kennt keiner. Horst T. will reden.

Er sitzt am Schreibtisch, hat den Gehstock zur Seite gestellt. Nach einer Hornhaut-OP muss er sein linkes Auge vor der Sonne schützen. Wenn er erzählt, vergräbt er hin und wieder sein Gesicht in den Händen. Dann bricht seine Stimme und er beginnt zu schluchzen. Weinerlich murmelt er: „Ich schäme mich so.“ Und er wiederholt in schönstem Berliner Dialekt, dass er nach dem Tod seiner zweiten Ehefrau 2014 so einsam ist. „Ich habe nur noch meinen Bruder. Der ist 85 Jahre alt und geistig nicht mehr so fit“, sagt er.

Eine Situation, die Anna ausnutzt. Nachdem Horst T. im vergangenen Herbst die Augen-OP überstanden hat, erhält er einen Anruf. Anna weiß über alles Bescheid. Warum, kann er sich nicht erklären.

„Ich weiß einfach nicht, wo sie meine Nummer her hat. Sie war so freundlich und bot mir Hilfe an“, sagt der Senior. Horst T. hat bereits eine Betreuerin. Eine Bade- und Putzhilfe kommt jeden Montag und Dienstag. Dass ihn jemand unterstützen wollte, dass hat’s seit Jahren nicht mehr gegeben.

Anna ist hübsch, Ende 60 und circa 1,70 Meter groß, als sie im vergangenen November bei Horst T. auftaucht. Sie putzt, hilft und ist das beste Mittel gegen Einsamkeit. Sie erzählt dem Senior, dass sie ihren Mann verloren und Schulden hat. Daher liege ihr Schmuck im Pfandhaus. „Ich habe mich gefreut, helfen zu können, jemandem etwas zu geben“, sagt der Dietzenbacher. Er nimmt 650 Euro und löst den Schmuck aus. Kurze Zeit darauf will er zur Fußpflege. Anna kauft noch ein, lässt sich auch noch die Nägel machen und fordert 400 Euro. T. zahlt.

Und immer wieder schluchzt der ehemalige Buchdrucker-Meister: „Ich bin so blöd“ oder „Ich schäme mich so“, aber er macht sich umgehend wieder Mut: „Ich möchte alle alten Menschen warnen.“

Für den Notfall hat er 1500 Euro an einem geheimen Platz in der Wohnung versteckt. „Ich traue den Karten und Pin-Nummern nicht“, sagt er. Er wisse nicht mehr, ob er Anna davon erzählt hat, aber plötzlich war das Geld weg. Genauso wie seine Münzsammlung, die ihn sein ganzes Leben begleitet. Und dann ist auch Anna weg. Er zeigt sie an. Die Ermittlungen laufen noch.

Eingestellt ist dagegen das Verfahren gegen Roswitha. Die Frau aus Chemnitz lernt der Senior vor vier Jahren in Ungarn kennen. Dorthin fährt er regelmäßig, in den Urlaub oder zur Kur. Ungarn hat er im Herzen, weil von dort entfernte Verwandtschaft stammt. T.: „Sie hat mir geholfen, weil ich mich beim Essen bekleckert habe. Auch als ich Geld holen oder tauschen musste, war sie an meiner Seite. Daraus entstand eine Freundschaft.“

Im vergangenen Mai treffen sie sich wieder in Ungarn zur Kur. Der Rentner reist mit 3000 Euro an. Er behauptet, dass plötzlich ein Großteil des Geldes weg ist. Roswitha habe einen Teil für einen Ausflug und zum Geldwechseln genommen. Er zeigt sie in Deutschland an. Das Verfahren wird eingestellt, weil die deutsche Polizei der Frau nichts nachweisen kann.

Das Alter fordert seinen Tribut. Das Auge, die Hüfte, der Diabetes – all das macht Horst T. zu schaffen. „Dann fühl’ ich mich so elend“, sagt er. Aber aus seiner Wohnung will er nicht mehr raus. „Ich habe mir fest vorgenommen, hier zu sterben. Aber nach allem, was ich durchgemacht habe, vor allem im Krieg, soll es doch nicht so enden.“

*Um Horst T. zu schützen, haben wir alle Namen in dem Artikel geändert. Sie sind der Redaktion bekannt.

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