Extremismus an der Goethe-Universität: Senatsmitglied Ben Seel über eine neue Gefahr

„Auf rechte Provokation darf man nicht hereinfallen“

Ben Seel

Um einen souveränen Umgang mit Rechtsextremen zu finden, richtet die Frankfurt Goethe-Universität derzeit eine Arbeitsgruppe ein, die Gegenstrategien erstellen soll. Der Vorschlag kam von der Hochschulgruppe der Grünen. Von Dirk Beutel

Ben Seel ist deren Mitglied und studentischer Vertreter im Senat. Er erklärt die Bedrohung, die von neuen Rechten ausgeht und wie man ihr begegnen will.

Herr Seel, hat die Universität Frankfurt ein Problem mit Rechtsextremismus?

Das würde ich so nicht sagen. Ich glaube, es gibt in der ganzen Gesellschaft Probleme mit Menschen, die rechte und menschenfeindliche Einstellungen haben. Das nimmt durchaus zu. Dabei ist die Universität natürlich kein Raum, der sich von diesen Entwicklungen abschirmen kann. Deswegen ist es so wichtig, sich mit diesem Phänomen zu beschäftigen und sich konzeptionell vorzubereiten, um eine Struktur anbieten zu können, die Studenten aber auch Lehrende vor Erfahrungen mit organisierten extremen Rechten schützt.

Dafür soll eine Arbeitsgruppe ein Konzept gegen Menschenfeindlichkeit und extreme Rechte entwerfen.

Man braucht nur an die Universität nach Halle schauen, wo es sogar zu physischen Übergriffen gekommen ist. Das wollen wir gar nicht erst aufkommen lassen. Allerdings gab es auch an der Universität Frankfurt den ein oder anderen Zwischenfall. Die Junge Alternative hatte Flyer auf dem Gelände verteilt, in dem dazu aufgerufen wird, Dozenten zu denunzieren. Es gab den Fall, wo ebenfalls ein Mitglied der Jungen Alternative gegen den Referenten eines Antirassismus-Workshops für Studieneinsteiger gehetzt hat. Und gerade in den vergangenen Wochen wurde eine Diskussion laut, da bekannt wurde, dass eine bekennende Rechtsextremistin, mit offenkundig faschistischen Symbolen aufgetreten ist und Werbung für die klar rechtsextreme Identitäre Bewegung gemacht hat.

Hätte so ein Konzept nicht früher erarbeitet werden können?

Das Phänomen betrifft viele Universitäten. Ich glaube, man fühlt sich ein bisschen als der Raum der offenen Debatte, der der Menschenfeindlichkeit die Maske herunterreißen kann. Viele Universitäten sind lange in diesem Gefühl verharrt, dass das ausreichen würde. Es zeigt sich nun aber, dass sich immer mehr Fakultäten aktiv Gedanken machen, weil klar wird, dass ein aufklärerisches Selbstverständnis nicht ausreicht, um immun zu sein gegen rechte Interventionen.

Was soll denn in dem Maßnahmenpaket drinstehen?

Unser Antrag war so aufgebaut, dass mindestens folgende drei Punkte drinstehen müssen. Zum einen die Information und Sensibilisierung: Also eine Aufklärungskampagne, die zum Beispiel in Erstsemester- oder regelmäßigen Veranstaltungen eingebaut werden kann. Darin soll es konkret um rhetorische Strategien und die Erkennungsmerkmale der Rechten gehen. Dann soll es einen Leitfaden geben, der Hinweise zum Umgang enthalten soll. Ganz konkret: Was tue ich, wenn in einem Seminar eine Person versucht, Propaganda zu machen oder menschenverachtende Ideologien verbreitet. Wie kann man gegenargumentieren und verhindern, dass solche Ideologien Raum gewinnen?

Und es soll eine Meldestelle geben.

Wenn einem Studenten etwas auffällt, wenn er rechte Symbole oder Ähnliches entdeckt, hat er dort eine Anlaufstelle, die schnell reagieren soll. Das gelingt auch schon teilweise an der Frankfurter Universität. Im Falle der Flyer der Jungen Alternativen wurden diese wieder schnell entfernt.

Welche Strategien könnten die neuen Rechten auf dem Campus und in den Hörsälen einer Uni verfolgen? Welche Gefahr geht von ihnen aus?

Der Schutz der offenen Debatte reicht jedenfalls nicht aus. In der wissenschaftlichen Diskussion gelten Regeln. Man muss an der Wahrheit interessiert sein und bei den Fakten bleiben. Das wissenschaftliche Gespräch verträgt strategische Intervention nicht, die das Ziel haben, neue Anhänger einer rechten Ideologie zu gewinnen. Falls ihnen das gelingen sollte, wobei ich optimistisch bin, dass sie das nicht schaffen, etwa militant gegenüber Andersdenkenden und Andersaussehenden aufzutreten und sich das verbreiten würde, dann verroht leicht eine ganze Gesellschaft. Da müssen wir aufpassen. Auch in anderen europäischen Ländern kann man vereinzelt beobachten, dass wissenschaftliche Räume für Hetze zugänglich geworden sind. Deshalb wollen wir den Anfängen wehren.

Ein neues Problem ist offenbar die Identitäre Bewegung, die einen Zulauf verzeichnet.

In Österreich ist das Problem mit der Identitären Bewegung viel größer als in Deutschland. Hier sind vielleicht wenige hundert Mitglieder aktiv. Ihre Strategie sieht viele plakative Aktionen vor, dazu gehört eine gut gemachte, professionelle Social-Media-Arbeit. Damit schaffen sie es, manche aus der Reserve zu locken. Darauf muss man hinweisen, obwohl es keine breite Bewegung ist. Aber weil sie medial für Empörung sorgen kann, ist es wichtig, darüber zu informieren. Die Identitären, von denen wir an unserer Uni immer mal wieder Sticker entdeckt haben, sind geschickt, aktuelles Zeitgeschehen für sich auszunutzen, um ihre Propaganda zu füttern. Auf solche Provokationsstrategien darf man nicht hereinfallen.

Zumal es sich nicht um plumpe Neonazis handelt. Vielmehr um Rechte in einem intellektuellen Gewand. Genügen da Sensibilisierung und ein Leitfaden?

Zunächst mal ist es wichtig, sie erst einmal zu erkennen. Dieses intellektuelle Gewand ist ja nur ein Trick. Sie wollen sich ja so anhören, als ob sie ganz normale Thesen formulieren, die weder rassistisch noch menschenverachtend sind, was sie aber im Kern doch sind. Das Wort Ethnopluralismus zum Beispiel heißt im Prinzip nichts anderes, als die Behauptung, Menschen seien in unterschiedliche Rassen sortiert. Hört sich aber viel besser an. Wer das Wort und die Bedeutung nicht kennt, vermutet dahinter möglicherweise ein interessantes Konzept, worüber sich reden lässt. Wenn man aber weiß, was damit gemeint ist, kann man das gleich ablehnen und eine Grenze ziehen. Aber es gibt Felder, wo der rationale Diskurs nicht greift. Die neuen Rechten werden ja geschult, ihre Ideologien ansprechend zu verkaufen. Deswegen darf man das nicht auf die leichte Schulter nehmen.

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