Wie Arbeitsstress hilfreich sein kann

„Hilfe, ich habe zu viel Stress!“ Wichtigster Tipp vom Experten dagegen: Öfter mal „Nein!“ sagen. Foto: Simply-panthermedia.net

Überforderung und Stress beim Job kann Arbeitnehmer auf Dauer krank machen. Warum Stress sogar gut sein kann und Maßnahmen gegen Überforderung getroffen werden können, erklärt ein Experte der Universität Frankfurt. Von Oliver Haas

Frankfurt – Wissenschaftler Marcel Kern von der Goethe-Universität Frankfurt forscht in der Arbeits- und Organisationspsychologie. Er sagt, dass Stress erst mal nichts Schlechtes sei. Im Gegenteil, er könne positive Auswirkungen am Arbeitsplatz haben.

„Interessant ist, dass Stress ja schon ein Modewort ist. Man hört in vielen Branchen: ,Ja, ich bin total gestresst.‘ Fast muss man es sagen, um zu zeigen, dass man total involviert in die Arbeit ist.“ Und laut Kern sehen viele den Stress stets als etwas Negatives an. Und das sei völlig falsch. „Unter ganz bestimmten Bedingungen ist es sogar gut, wenn man Stress hat. Wenn zum Beispiel etwas bis zum Ende des Tages fertig werden soll, ist man ja auch stolz, wenn man es dann geschafft hat und hat ein gutes Gefühl.“ Stress sei schließlich nur eine Reaktion des Körpers, um auf berufliche Herausforderungen reagieren zu können. „Und dieser Stress ermöglicht uns ja erst, den Anforderungen gerecht zu werden.“ Der Körper aktiviere sich und stelle so mehr Energie zur Verfügung, um mit gesteigerten Anforderungen umzugehen. Dies ließe sich ganz klar messen mit der Ausschüttung des Stresshormones Cortisol. „Und wenn sie eine wichtige Präsentation vor hundert Leuten halten sollen, geht natürlich erst mal der Puls nach oben. Das passiert, damit sie schneller aufnahmefähig sind, damit sie alle Kapazitäten im Kopf frei haben.“ Stress sei somit zunächst nichts Schlechtes. Deshalb solle er auch grundsätzlich erst mal zugelassen werden.

Doch Achtung: „Die Gefahr ist hierbei stets der Dauerzustand. Denn die hilfreichen Auswirkungen kippen laut Kern etwa ab dem Zeitpunkt nach sechs bis acht Wochen. Danach kehren sich die positiven Auswirkungen vollständig um. Dann schaffen sie ihre Leistung nicht mehr. Ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit leiden dann darunter“, warnt der Psychologe. Alarmsignale sind laut dem Experten psychosomatische Beschwerden, wie etwa Kopfschmerzen, Magen- oder Schlafprobleme. Das unterscheide sich individuell stark. „Und man spürt ein dauerhaftes Gefühl der Erschöpfung. Denkt schon morgens: Das schaffe ich alles nicht mehr. Es ist keine körperliche Erschöpfung, wie nach einem anstrengenden Tennis-Match, sondern eine emotionale.“

Damit es gar nicht dazu kommt, rät Kern dazu, den Mut zu haben, häufiger Nein zu sagen. „Die Psychologie des Menschen ist natürlich, dass wir viel lieber Ja sagen. Weil es eine angenehme Reaktion ist und ich so das Gegenüber nicht verstimme.“ Im Berufsleben sei es deshalb oft schwierig, sich abzugrenzen und zu sagen: Nein, ich schaffe das nicht in dieser Zeit, deswegen möchte ich diese Aufgabe nicht übernehmen! Es sei vor allem wichtig, wie dieses Nein verpackt wird. Deshalb solle sich jeder stets bewusst sein, dass ein Nein auch immer ein Ja für sich selbst sei. „Ich muss es ja auch nicht gleich als Ablehnung gegen etwas sehen, indem ich bockig dastehe und meine ganze Körpersprache Widerstand zeigt. Vielmehr sollte man auf Augenhöhe und deutlich mit dem Gesprächspartner signalisieren, dass etwas in einer bestimmten Zeit einfach nicht zu leisten ist. Und das man ein gemeinsames Interesse daran hat, eine Lösung dafür zu finden.“ Ein Nein bedeute ja auch nicht unbedingt, dass derjenige keine Lust darauf habe, sondern dass er womöglich Hilfe braucht oder es eben in der jetzigen Situation nicht machen kann.

Ein weiterer Tipp gegen negativen Stress sei, dass man nichts aufschieben sollte. „Da gibt es mittlerweile gute Erkenntnisse darüber. Wenn ich aufschiebe, leide ich letztlich immer selbst darunter“, sagt Kern. Und dabei komme es auf den einzelnen Menschentypen an, ob erst die leichten oder erst die schweren Sachen angepackt werden sollten. „Das muss je- der selbst herausfinden. Gehört man zu den Personen, die am Anfang recht schnell in die Gänge kommen, sollte man eher mit großen Brocken anfangen. Ich würde beispielsweise erst mit den leichteren Aufgaben morgens starten, denn in Regel fängt mein Hirn erst gegen neun Uhr an, warm zu werden.“

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