Altersarmut: „Meine Rente reicht nicht zum Leben“

Franz am Bahnhof Hanau-Nord. Der 68-Jährige hat früher gut verdient. Heute reicht die Rente nicht zum Leben. Foto: kb

Laut Statistischem Bundesamt waren 2017 14,4 Prozent der über 65-Jährigen arm. Bei den Rentnern sind es sogar 15,6 Prozent – 51 Prozent mehr als noch 2006. Einer von ihnen ist Franz aus Hanau. Der 68-Jährige lebt seit Jahren am Existenzminimum. Von Kristina Bräutigam

Region Rhein-Main – Am Mittwochabend hat Franz Glück. Aus der Kleiderkammer der Hilfsorganisation Straßenengel darf er sich einen Fleece-Pullover mitnehmen, dazu noch einen Schal, warm und fast wie neu. „Das ist richtig tolles Zeug. Was das mal gekostet hat“, sagt er. Franz ist 68 Jahre alt. Früher hatte er einen guten Job, ein Wochenendhaus am See, drei Autos, ein gutes Leben. Heute ist davon nichts mehr übrig. „Es ist allein meine Schuld“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

Als Bruder und Vater 1972 zwei Angelläden eröffnen, steigt er ein – und kündigt seinen gut bezahlten Job bei der Stadtverwaltung. „Der größte Fehler meines Lebens“, sagt der Hanauer heute. Zunächst laufen die Geschäfte gut, doch in den 90ern geht es abwärts: Der Laden in Großauheim ist pleite, die Eltern sterben, das Haus der Familie ist noch nicht abbezahlt. Der Bruder verkauft das Haus, um zumindest den Laden in Langenselbold zu retten. Übrig bleibt nichts. Dass sein Bruder neun Jahre lang keine Rentenbeiträge für ihn einbezahlt hat, erfährt Franz erst später. Bei der Stadtverwaltung bekommt er keine zweite Chance. „Aber ich wollte wieder auf die Füße kommen“, sagt Franz. Er arbeitet im Lager eines Versandhauses, bis er einen Bandscheibenvorfall bekommt, macht Seminare, arbeitet bei zwei Banken, später bei der Telekom. Lange bleibt er nie: Zeitvertrag, Stellenabbau, Kündigung. „Irgendwann habe ich mich dann arbeitslos gemeldet und bin in Hartz IV gerutscht. Als Alter bist du nicht mehr vermittelbar“, sagt Franz.

Seit April 2016 ist er in Rente. 650 Euro bekommt er monatlich. Doch was nach Abzug von Miete, Strom- und Heizkosten übrig bleibt, reicht nicht zum Leben. 2017 dann der Tiefpunkt: Franz verliert seine Wohnung, findet keine neue bezahlbare Bleibe. Vier Wochen ist er obdachlos, schläft in einer Spielothek in der Hanauer Innenstadt, magert auf 57 Kilo ab. Erst als ihm ein Freund vom Verein Straßenengel erzählt, holt er sich Hilfe. Gründerin Sabine Assmann ist seine Rettung: Die 51-Jährige besorgt ihm einen Notschlafplatz, bringt ihn vorübergehend bei Freunden unter. „Eigentlich gibt es genug Hilfsangebote für ältere Menschen wie Franz. Das Problem ist, dass sie die Angebote oft nicht annehmen. Sie sind mit den Behördengängen überfordert. Und sie schämen sich“, sagt Assmann. Immer wieder erlebt sie, dass alte Menschen, die am Existenzminimum leben, lieber mit Winterjacke in der kalten Wohnung sitzen, statt sich Hilfe zu holen. „An sie heranzukommen, ist sehr schwer. Meist erfahre ich über Dritte von ihrem Schicksal“, sagt Assmann. Ein Drittel der Gäste, die zum Mittagessen ins Haus der Straßenengel kommen, seien mittlerweile Rentner, die von Altersarmut betroffen sind; die meisten davon Frauen. „Diese Generation hat die Kinder großgezogen, keinen Beruf erlernt und bekommt heute fast keine Rente.“

Die Gründerin der Straßenengel hilft Franz, beim Sozialamt einen Antrag auf Grundsicherung zu stellen. Als das Geld endlich da ist, besorgt sie ihm eine kleine Wohnung. „Ich hatte ein Wahnsinnsglück, dass ich hier gelandet bin“, sagt der Rentner. Zum Frühstück und Mittagessen kommt er noch immer ins Haus der Straßenengel am Bahnhof Hanau-Nord, das ein oder andere Lebensmittel darf er sich kostenlos mitnehmen. „Sonst würde das Geld nicht reichen.“ Nächste Woche muss Franz zum Optiker. Bei seiner acht Jahre alten Brille sind die Nasenaufsätze abgebrochen, das Metall hat sich in die Haut gebohrt, die entzündeten Stellen hat er mit Pflaster abgeklebt. Eine neue Brille bezahlen könnte Franz nicht. Sabine Assmann hat ihm einen Gutschein gegeben.

Manchmal, sagt er, denke er zurück an die Zeiten, als er tausende Euro im Monat verdient hat. Wenn er arme Leute gesehen hat, habe er ihnen Geld zugesteckt, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Für ihr Schicksal habe er sich jedoch nie interessiert. „Das ist heute anders“, sagt Franz. Vor einiger Zeit hat er einen Dauerauftrag eingerichtet. Von den knapp 350 Euro, die ihm zum Leben bleiben, gehen seitdem jeden Monat zehn Euro an die Straßenengel.

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