Ärger um Bushaltestellen-Ausbau: Seniorin schlägt Alarm wegen Spalt

„Alte und Behinderte bleiben hier stecken!“

Ingrid Jabrane demonstriert mit ihrem Rollator, wie schnell sie in der Spalte zwischen Bus und Bordstein stecken bleibt. Foto: rz

Vor behindertengerecht ausgebauten Bushaltestellen hat Ingrid Jabrane Angst. Denn durch eine spezielle Bordsteinkonstruktion entsteht zwischen Bus und Haltestelle eine relativ breite Lücke, in der immer wieder Rollstuhl- und Rollatorfahrer stecken bleiben. Von Christian Reinartz

Region Rhein-Main – Für alles gibt es Vorschriften. Auch für den behindertengerechten Ausbau einer Bushaltestelle in Rhein-Main. Zumindest dann, wenn der Ausbau vom Land Hessen gefördert werden soll.

Was eigentlich gut gemeint ist, ist für die Frankfurter Seniorin Ingrid Jabrane eine Verschlimmbesserung. „Das Problem sind die nach innen gewölbten Bordsteine. Durch sie entsteht eine extrem breite Lücke zwischen Haltestelle und Bus“, sagt sie.

Die Folge: Jabrane ist mit ihrem Rollator schon mehrmals in dem Spalt mit den Vorderrädern stecken geblieben. Eine halbe Stunde an der neu ausgebauten Haltestelle Elisabethenstraße in Frankfurt Sachsenhausen verdeutlicht anschaulich, dass der Spalt für einige Menschen zum Problem wird. Nicht nur Rollator-Fahrer haben Schwierigkeiten beim Ein- und Aussteigen. Viele von ihnen können immerhin noch den Wagen selbst über die Lücke heben. Ganz anders ergeht es einem Rollstuhlfahrer. Der versucht in den Bus zu rollen, doch mit den kleinen Rädern bleibt er in dem Spalt hängen, kann sich nur mit viel Kraftaufwand und der Hilfe eines Fahrgastes in den Bus hineinziehen. Jabrane ist deshalb sauer: „Da haben wieder ein paar ganz schlaue Köpfe etwas geplant, dass die Probleme für alte oder behinderte Menschen vergrößert, anstatt sie zu verkleinern.“

Bei der Frankfurter Nahverkehrsgesellschaft Traffiq haben sich 2018 wegen des Spalt-Problems 141 Menschen beschwert. „Gemessen an unserem Verkehrsaufkommen ist das nicht viel“, sagt Sprecher Klaus Linek. Er räumt aber ein: „Eine perfekte Lösung, bei der der Bus bündig mit der Bordsteinkante zum Stehen kommt, gibt es nicht.“ Die Lösung, die vom Land Hessen favorisiert und gefördert wird, beinhalte nun mal die eingebuchteten Bordsteine, wodurch es zwangsläufig zu einer Lücke komme.

Doch warum braucht es überhaupt diese Einbuchtung? Moderne Busse senken sich an Haltestellen automatisch auf Haltestellen-Niveau ab. Da aber die Türen beim Aufgehen Platz benötigen, könnte der Bus ohne Einbuchtung nicht so nah an den Bordstein heranfahren. Die Einbuchtung lässt den Türen genug Raum.

In der Praxis sieht das laut Jabrane ganz anders aus. „Viele Busfahrer fahren gar nicht nah genug an den Bordstein heran, wodurch die Lücke noch breiter wird“, sagt die Seniorin. „Das macht die Lage für Ältere oder Behinderte schwieriger als früher.“

Das sieht Hannes Heiler, Sprecher des Fachausschusses Verkehr der Frankfurter Behindertenarbeitsgemeinschaft, anders. „Insgesamt ist die Situation für Behinderte durch den Haltestellenausbau viel besser geworden.“ Allerdings bestätigt er: „Was die Qualität der Fahrkünste der Busfahrer angeht, ist es mit der Zeit sicher nicht besser geworden.“ Immer wieder käme es deshalb vor, dass übervorsichtige Fahrer einen zu großen Abstand zum Bordstein ließen. „Im Grunde ist die Haltestelle erst dann wirklich barrierefrei, wenn nicht nur der Bordstein hochgebaut, sondern auch die Klapprampe im Bus eingesetzt wird.“ Gehbehinderte hätten nämlich grundsätzlich das Recht, die Rampe beim Fahrer anzufordern.

Jabrane weiß das. „Aber in der Praxis, ist es oft genug ein Kampf, den Busfahrer zu rufen. Dazu kommt das Unverständnis vieler Menschen in den vollen Bussen. Wäre diese Lücke nicht so breit, bräuchte man kein Rampe.“

Christiane van den Borg, Leiterin der Stabsstelle Inklusion der Stadt Frankfurt, sieht auch ein anderes Problem. „Dadurch, dass die Hohlkehle farblich nicht vom Bordstein abgesetzt ist, entsteht ein optisches Problem.“ Ältere Menschen sehen nicht mehr gut und könnten deshalb den Spalt nicht richtig erkennen, vermutet sie. Eine Diskussion zum Thema Hohlkehlenbordsteine will sie nun in den Fachgremien anstoßen.

Klaus Linek ist zwar vom Fahrgeschick seiner Busfahrer überzeugt, will aber die beauftragten Busunternehmen nochmals „darauf hinweisen, dass die Haltestellen so nah wie möglich angefahren werden sollen.“

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