Zahl der jugendlichen Komasäufer wird in Hessen aber weniger

Alkoholreport Rhein-Main: Immer mehr Rentner und Arbeitnehmer trinken

Eine verzweifelte Rentnerin genehmigt sich ein Glas Wein. Die Zahl der alkoholsüchtigen Senioren steigt. Foto: Creatista/panthermedia.net

Die Gefahr eines „Gläschens in Ehren“ wird unterschätzt. Egal ob Jugendliche oder Erwachsene: Fast alle trinken regelmäßig Alkohol. Oft zuviel. Vor allem die Zahl alkoholkranker Senioren und Arbeitnehmer steigt. Von Julia Oppenländer

Region Rhein-Main – „Ich wohne mitten in der Stadt, brauche fast nie mein Auto. Also trinke ich eigentlich immer was, wenn ich mich mit Freunden treffe. Manchmal mehrfach in der Woche“, sagt die 32-jährige Eva aus Sachsenhausen.

Zahlen bestätigen: 96 Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren trinken regelmäßig Alkohol. „Es ist gesellschaftlich anerkannt. Aber viele Menschen unterschätzen die Gefahr“, sagt Susanne Schmitt, Geschäftsführerin der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) in Frankfurt. „Alkohol schädigt die Organe, vor allem Leber, Bauchspeicheldrüse, Magen und Darm. Außerdem kann er Krebs auslösen.“

Doch zunächst das Positive: Aktuelle Studien besagen, dass die Zahl der jugendlichen Komasäufer zurückgeht. Das bestätigt auch Susanne Schmitt: „Die Fälle der in Krankenhäusern behandelten Alkoholvergiftungen bei Zwölf- bis 17-Jährigen sinken in Hessen. Deutschlandweit trinken in diesem Alter 8,7 Prozent der Jugendlichen mindestens einmal pro Woche Alkohol – aber auch das ist ein historisch niedriger Stand!“

Doch mit der Volljährigkeit scheint die Hemmschwelle zu sinken. Jeder dritte junge Erwachsene bis 25 Jahre greift regelmäßig zur Flasche und die Expertin der HLS warnt: „Das exzessive Trinken in dieser Altersgruppe nimmt zu.“ Und so wie die Frankfurterin Eva, die ihr Auto stehen lässt, wenn sie trinkt, machen es nicht alle. Wie die Polizei Südosthessen in ihrer Verkehrsstatistik meldet, kommt es in Stadt und Kreis Offenbach, Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis 2018 zu 455 Unfällen, in denen Alkohol eine Rolle spielt. Mehr als 1000 Fahrer mit Alkohol intus können die Beamten bei Kontrollen rechtzeitig aus dem Verkehr ziehen. Im Kreis Darmstadt-Dieburg steigt die Zahl der Unfälle unterdem Einfluss von Rauschmitteln im vergangenen Jahr – Gleiches berichtet auch die Polizei Frankfurt.

Richtig gefährlich wird’s auch, wenn etwa der Elektriker oder die Ärztin zu oft zu tief ins Glas schauen. Die Folgen sind oft dramatisch. „Rund zehn Prozent aller Beschäftigten trinken zu viel – die Hälfte ist sogar suchtgefährdet“, sagt Susanne Schmitt. Betroffene? Viele, von der Aushilfe bis zum Chef. Die Gründe? Unterschiedlich, schließlich sind Süchte oft noch ein Tabuthema. Die Angst vor Konsequenzen wie einer Kündigung ist groß. „Auch der Leistungsdruck nimmt zu. Alkohol bietet Azubis, Studenten und Beschäftigten offenbar eine Möglichkeit, diesem zu entfliehen“, sagt Susanne Schmitt. „Aber Alkohol am Arbeitsplatz kostet die Firmen auch Geld: Durch Arbeitsausfälle, Frühverrentung und Unfälle entstehen Wirtschaft und Gesundheitssystem Kosten und Schäden in Milliarden-Höhe.“ Viele Firmen formulieren deshalb Betriebsvereinbarungen und ziehen Beratungsstellen hinzu, die Mitarbeiter sensibilisieren sollen.

Die 78-jährige Inge aus Frankfurt kennt das Problem. Sie hat schon eine Entgiftung hinter sich. Sie wohnt mit ihrer Schwester zusammen. Sobald diese unterwegs ist, mobilisiert die eigentlich bettlägerige Seniorin all ihre Kräfte, läuft zum nächsten Supermarkt und kauft Alkohol. In ihrem Alter spielt Leistungsdruck keine Rolle mehr. Es ist der Wunsch, dem Alltag zu entfliehen. Das weiß auch Harald Spörl. Er ist Leiter der Beratungsstelle „Sucht im Alter“ der Stiftung Waldmühle in Kooperation mit dem Hufeland-Haus in Frankfurt. „Senioren fehlt es an einer Tagesstruktur. Oft leben sie isoliert, die Familie ist verstreut, sie sind nicht mehr so mobil, langweilen sich, sind womöglich depressiv. Einige greifen deshalb zum Alkohol.“ Wie viele Senioren wirklich betroffen sind, ist unklar – in Studien wird die Altersgruppe ab 65 oft nicht berücksichtigt. Sicher ist aber: Die Anfragen Betroffener oder ihren Angehörigen häufen sich in Rhein-Main, sagt Spörl. Seniorenwohnheime sind darauf nicht vorbereitet. „Das Personal hat zu wenig Zeit, um soziale Kontakte mit einzelnen Bewohnern aufzubauen“, sagt Spörl. „Und wenn schon vorher klar ist, dass ein Senior alkoholkrank ist, wird er gar nicht erst aufgenommen.“ Experten sind sich aber sicher: In Zukunft steigt die Zahl alkoholkranker Senioren auch in Rhein-Main weiter.

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