Entspannen mal anders

Immer mehr Großstädter wollen waldbaden

So sieht Waldbaden aus.

Von wegen Wandern: Waldbaden heißt der neueste Wellness-Trend für gestresste Großstädter. Auch in Rhein-Main gibt es immer mehr Anhänger der japanischen Tradition. Sie sind überzeugt: Der Wald heilt.

Frankfurt/Hofheim – Auf einer Waldlichtung, mitten im tiefsten Taunus, steht eine Gruppe Erwachsener. Die Augen geschlossen, lauschen sie dem Rauschen der Bäume, genießen den Geruch von feuchtem Moos und erdigem Waldboden. 

Nach ein paar Minuten geht es weiter ins Unterholz, vorbei an Kiefern, Farnen und Fichten. Vorne weg läuft Michaela Dalchow. Zweimal im Monat führt die Mentaltrainerin aus Frankfurt Menschen in den Wald, um sie in die Kunst des Waldbadens einzuführen. Der Wellnes-Trend stammt aus Japan – und findet auch im Rhein-Main-Gebiet immer mehr Anhänger: „Als ich vergangenes Jahr angefangen habe, hatte ich pro Termin vier bis fünf Anmeldungen. Jetzt sind es bis zu 20“, sagt Dalchow. 

Waldbaden: Auch die vhs ist aufgesprungen

Mittlerweile bieten auch die Volkshochschulen in Frankfurt und Egelsbach Kurse in „Shinrin-Yoku“ an, was so viel bedeutet wie „Baden in der Waldluft“. Und selbst der Tierpark „Alte Fasanerie“ in Hanau hat Waldbaden in sein Veranstaltungsprogramm aufgenommen.

Annette Bernjus wundert das nicht. Die 57-Jährige aus Hofheim-Lorsbach hat ein Buch über das Waldbaden geschrieben, ist Gründerin der Deutschen Akademie für Waldbaden und bildet mittlerweile selbst Kursleiter für Waldbaden aus. „Aktuell erleben wir einen regelrechten Hype“, sagt Bernjus, die gelernte Entspannungspädagogin ist. 

Besonders gestresste Großstädter suchen ihr Heil im Wald – Konzernchefs, Lehrer, aber auch Hausfrauen. „Der Mensch leidet unter ständiger Erreichbarkeit und Dauerstress. Der Wald lädt uns ein, zu entschleunigen und zu uns selbst zu finden.“ Gebadet im wörtlichen Sinne wird in den Kursen nicht. „Es geht um das Eintauchen in die wunderbare Atmosphäre des Waldes und ein bewusstes Genießen“, sagt Bernjus.

Das ist Annette Bernjus. 

Auf den drei- bis vierstündigen Touren macht sie deshalb nicht nur Meditations- und Achtsamkeitsübungen. Sie lädt die Teilnehmer auch dazu ein, an einem Stück Rinde oder einem Tannenzapfen zu schnuppern oder ein junges Buchenblatt anzuknabbern. Wer will, dürfe auch einen Baum umarmen. „Aber das ist kein Muss, auch wenn es oft spontan passiert.“ 

Glaubt man den Anhängern, hat Waldbaden nicht nur einen positiven Effekt auf Seele und Geist. Sie sind überzeugt, dass der Wald auch medizinische Kräfte besitzt. „Es ist nachgewiesen, dass der Blutdruck sinkt und Stresshormone abgebaut werden. Allein der Anblick des Waldes sorgt dafür, dass wir uns besser fühlen“, sagt Michaela Dalchow. Besonders den sogenannten Terpenen werden magische Kräfte nachgesagt: Die biochemischen Substanzen, über die Bäumen, Wurzeln, Sträucher und Moose miteinander kommunizieren, sollen laut Studien sogar die Anzahl der natürlichen Killerzellen im Blut erhöhen. 

Waldbaden: Gibt es Geld von der Krankenkasse?

Annette Bernjus will deshalb erreichen, dass Krankenkassen das Waldbaden fördern. Schließlich gehe es um Gesundheitsvorsorge, die etwa ein Burn-out verhindern kann. Auch mit Förstämtern ist die Waldbade-Pionierin im Gespräch. Noch gibt es in den hessischen Landeswäldern keine Dienstleister oder Organisationen, die das Waldbaden gewerblich anbieten, wie Hessen Forst auf EXTRA TIPP-Anfrage erklärt. „Aber wir wir freuen uns über jeden Waldbesucher, der zur Erholung in den Wald kommt.“

Kristina Bräutigam

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