76 Prozent der Unternehmen leiden bereits unter der Unzuverlässigkeit der Bahn

Unpünktliche S(tress)-Bahn: So geht die Klimarettung schief

Warten auf die verspätete S-Bahn: Für viele Pendler ist das schon Alltag. Foto: jdr

Dauer-Verspätungen bei der S-Bahn sind für Pendler in Rhein-Main der Hauptgrund, warum sie nicht auf die Öffentlichen umsteigen, sondern weiterhin mit dem Auto zur Arbeit fahren. kein Wunder, denn die Arbeitgeber leiden schon jetzt unter der Unzuverlässigkeit der Bahn. Von Christian Reinartz

Das zeigt eine Umfrage der IHK.

Region Rhein-Main – Eine Nachfrage bei S-Bahn-Nutzern am Frankfurter Hauptbahnhof und am Marktplatz in Offenbach zeigt: Fast jeder hat Angst, dass er Stress mit dem Arbeitgeber bekommt, weil er wegen einer S-Bahn-Verspätung wiedermal unpünktlich zur Arbeit kommt. „Auch, wenn ich eine halbe Stunde früher losfahre. Ich muss grundsätzlich damit rechnen, dass ich zu spät auf die Arbeit komme“, sagt Elif H. Die junge Frau nutzt täglich die S-Bahn, um von Offenbach zu ihrer Arbeitsstelle nach Frankfurt zu fahren. „Aber ich kann ja nicht dauerhaft eine halbe Stunde früher aufstehen, um die Unzuverlässigkeit der S-Bahn auszugleichen. Denn wenn sie doch pünktlich kommt, bin ich viel zu früh da.“ Also macht Elif H. das, was Arbeitgeber gar nicht gerne sehen: Öfter mal zu spät kommen. „Ich schieb das dann immer auf die Öffentlichen. Aber das passiert mittlerweile einfach zu oft, sodass ich schon richtig Ärger bekommen habe.“ Auch Markus T. aus dem Hunsrück pendelt täglich nach Frankfurt. „Bis zum Hauptbahnhof klappt es meistens ganz gut. Danach ist es ein Pokerspiel“, sagt er. Ärger mit seinem Arbeitgeber hat er schon. Deshalb will T. nun wieder aufs Auto umsatteln. Parken kann er direkt an seiner Arbeitsstelle. „Klimatechnisch ist das natürlich der totale Wahnsinn. Aber mir bleibt keine Wahl, wenn ich nicht jeden Tag sicherheitshalber schon um sechs Uhr losfahren will.“

Dass Unpünktlichkeit der S-Bahnen, für Probleme im Arbeitsleben sorgen, zeigt eine aktuelle Erhebung der Industrie- und Handelskammer Frankfurt. Demnach geben 76 Prozent der befragten Arbeitgeber an, dass sie stark bis sehr stark beeinträchtigt sind durch Verspätungen und Zugausfälle.

IHK-Präsident Ulrich Caspar: „Frankfurt-Rhein-Main ist eine wirtschaftlich starke Region mit vielen Arbeitsplätzen und deswegen auch mit vielen Pendlern. Die Infrastruktur insgesamt hinkt dem Wachstum in Frankfurt-Rhein-Main jedoch hinterher.“

Bei der Deutschen Bahn gibt sich eine Sprecherin machtlos: „Wir sind in Rhein-Main schon am Anschlag.“ Die Züge seien zu den Stoßzeiten voll, und mehr Züge verkrafte das Schienennetz nicht. „Dazu kommt, dass die Fahrgastzahlen immer weiter ansteigen.“ Das führe wiederum zu weiteren Problemen bei der Pünktlichkeit. Das große Problem, so die Bahnsprecherin: „Wenn nur ein einziger Zug sich verspätet, ist das wie ein Dominoeffekt, der sich auf die anderen Züge auswirkt. Dann zerschießt es uns die Pünktlichkeit.“ Und auch für immer wiederkehrende Zugausfälle oder nicht angefahrene Endstationen, wie etwa bei der S2 in Dietzenbach, hat die Bahnsprecherin eine Erklärung parat: „Das liegt auch an vorangegangenen Verspätungen. Wir müssen dann den Zug früher enden lassen, um die Stabilität des gesamten Schienennetzes nicht zu gefährden. Deshalb brauchen wir mehr Kapazitäten und damit auch mehr Schienen.“

Beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) beteuert man, zumindest langfristig gegenzusteuern. Sprecherin Vanessa Rehermann: „Da wir davon ausgehen, dass die Fahrgastzahlen auch in den kommenden Jahren weiter steigen werden, ist ein Ausbau der Schieneninfrastruktur dringend notwendig. Hier sind bereits viele Projekte im Bau, die Entlastung bringen, wie zum Beispiel der Ausbau des Homburger Damms und der sechsgleisige Ausbau der S6. Weitere Großprojekte, wie die Regionaltangente West und die Nordmainische S-Bahn, sind bereits in Planung. Aus Sicht des RMV sind zudem ein Schienenring um Frankfurt sowie ein Fernbahntunnel unabdingbar.“

Für kurzfristige Verbesserungen sei jedoch die Bahn zuständig, so Rehermann: „Die Anzahl der Störungen an der Infrastruktur zu reduzieren, ist ein Hebel, um den Verkehr kurzfristig zuverlässiger zu gestalten. Dies ist Aufgabe der Eigentümerin des Schienennetzes, der Deutschen Bahn.“

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