Hessen

Syphilis, Tripper, Chlamydien, Weicher Schanker – Infektionszahlen bei Geschlechtskrankheiten explodieren

Professor Helmut Schöfer

Syphilis, Tripper, Chlamydien, Weicher Schanker – die Infektionszahlen bei vielen Geschlechtskrankheiten explodieren. Doch für die meisten Erkrankungen gibt es nicht mal eine Statistik, weil sich keiner mit dem heiklen Thema auseinandersetzen will. Niemand weiß also, wie schlimm die Lage wirklich ist. Von Christian Reinartz

Region Rhein-Main – Für jede Erkältung, für jedes Hüsteln gibt es eine Statistik. Nur wenn es um Geschlechtskrankheiten geht, versagt die deutsche Gründlichkeit. Denn offenbar wollen mit dem Thema nicht mal Statistiker etwas zu tun haben. Egal ob Krankenkassen, Verbände oder die statistischen Landesämter – keiner kann genau sagen, wie viele Menschen an Geschlechtskrankheiten leiden. Lediglich für HIV und Syphilis besteht eine Meldepflicht. Der Rest fliegt unsichtbar unter dem Radar der Behörden.

„Das ist natürlich ein Problem“, sagt Helmut Schöfer. Er ist Professor für Dermatologie, war jahrelang an der Uni-Klinik Frankfurt tätig und sitzt im Vorstand der Deutschen STI-Gesellschaft (STI steht für Sexuell übertragbare Infektion). „Vor allem, weil die Zahlen bei der Syphilis extrem nach oben gegangen sind und wir deshalb auch Rückschlüsse auf die übrigen Krankheiten ziehen können.“ Während die Zahl der Syphilis-Fälle in Deutschland im Jahr 2001 noch bei rund 2000 lag, liegt die Rate aktuell bei etwa 7500. „Wir gehen deshalb davon aus, dass sich auch die meisten anderen Geschlechtskrankheiten ähnlich rasant entwickelt haben“, sagt Schöfer. „Das liegt ja auch nahe, weil es Infektionen sind, die vom selben Publikum über denselben Übertragungsweg wie die Syphilis weitergegeben werden.“ Die Hauptrisikogruppe: Homosexuelle Männer. Bis zu 85 Prozent der Erkrankten entfallen auf diese Gruppe.

Das Kuriose: Bis zur Jahrtausendwende mussten auch andere Geschlechtskrankheiten gemeldet werden. Darunter auch der Tripper. „Doch damals war die Dunkelzifferrate bis zu zehnmal höher, sodass man zu dem Schluss gekommen ist, dass die erfassten Statistiken deswegen nur bedingt valide sind, und hat sie einfach abgeschafft“, erklärt Schöfer.

Auch sein Nachfolger an der Uniklinik Frankfurt, Dr. Bartosz Malisiewicz, missfällt, dass es keine umfassenden Satistiken zur Verbreitung von Geschlechtskrankheiten gibt. „Wir würden uns natürlich wünschen, dass diese Erkrankungen wieder erfasst werden, auch um einen besseren Überblick zu bekommen, denn auch im ärztlichen Bereitschaftsdienst sind diese Fälle häufig. Das ist heute keine Seltenheit mehr. Und es hat in den vergangenen Jahren weiter zugenommen.“ Warum es offenbar niemand für nötig hält, solche Statistiken zu führen, könnte laut Helmut Schöfer am speziellen Thema liegen. „Um es klar zu sagen: Das ganze liegt am Ekelfaktor dieser Krankheiten. Die meisten Menschen wollen damit nichts zu tun haben und auch nichts darüber lesen.“ Dazu kommt, dass sich die Forschung etwa beim Thema Syphilis für Pharmafirmen wenig lohnt. „Wir behandeln das seit ewigen Zeiten erfolgreich mit Penicillin. Das ist extrem günstig, also kann man da auch nur wenig Geld verdienen.“

Dabei wäre eine belastbare Statistik zu den verschiedenen Geschlechtskrankheiten für eine erfolgreiche Prophylaxe sehr wichtig, ist Schöfer überzeugt. „So könnte man viel genauer die Zielgruppen herausfiltern, und dann umso besser aufklären und beraten.“

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